„Was soll das heißen? Ist sie verrückt geworden?“
„Nein, sie ist nicht verrückt geworden, Nicolas Ritter. Ich möchte nicht, dass du in dieser Weise über Lina redest“, wies seine Mutter ihn nicht unfreundlich zurecht. Dabei sprach sie seinen vollständigen Namen aus, wie sie es nur tat, wenn ihr eine Sache sehr ernst erschien.
„Okay. Tut mir leid. Ich habe es nicht böse gemeint. Ich kapier’ nur nicht, was das mit mir zu tun hat. Kann ich deshalb nicht zu Marion und Thomas?“
„Doch. Vorausgesetzt, du willst überhaupt hin, denn Lina wird ebenfalls da sein.“
Das war neu. Er hatte bisher keinen der Mühlenhof-Gäste kennengelernt, nie war jemand während seiner Besuche dort untergebracht gewesen. Aber selbst wenn: Es handelte sich bloß um Kinder und Teenager. Er war weder ihr Babysitter noch ihr Aufpasser und ihnen zu nichts verpflichtet. Notfalls könnte man sich einfach aus dem Weg gehen. Wo also war der Haken?
Vorsichtig fragte er: „Weshalb sollte ich nicht wollen?“
„Weil es eine schwierige Situation ist. Der Psychologe sagt, das Mädchen hat eine schreckliche Sache erlebt. Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann: Ein enges Familienmitglied ist spurlos verschwunden. Niemand hat etwas gesehen. Niemand etwas gehört. Jans Stiefvater sagt, Jan wollte nur sein Fahrrad in die Garage stellen und seitdem ist er weg. Es gibt keine Spur, die verrät, was geschehen ist.“
Sie holte abermals tief Luft und fuhr fort: „Nur ungefähr zwei Prozent aller vermissten Kinder tauchen nach gut vierzehn Tagen nicht wieder auf. Und Jan wird jetzt seit beinahe vier Wochen vermisst. Man muss nicht allzu gut in Mathe sein, um sich auszurechnen, was das bedeuten könnte. Seine Familie ist fix und fertig. Alles, was sie wissen wollen, ist, was passiert ist. Ob er noch lebt.“
Nick versuchte, sich das vorzustellen. Er schaffte es nicht. Er sah nur Bilder wie aus einem Thriller vor sich, in dem Kinder auf rätselhafte Weise verschwanden und entweder nie oder tot gefunden wurden. Geschrumpft, bleich, manchmal schrecklich verkrümmt. Mit Erde im Haar und auf den geschlossenen Lidern.
Umgebracht von einem Familienmitglied, einem Bekannten oder einem Fremden. Wie dieser Junge, Timo, den sie Anfang des Jahres nach fünf Monaten tot im Wald gefunden hatten. Den Namen und das Gesicht im Fernsehen würde Nick wohl lange nicht vergessen.
Es war das erste Mal gewesen, dass er den Fall eines vermissten Kindes bewusst wahrgenommen hatte. Wahrscheinlich, weil es in der näheren Umgebung passiert war. Es hatte ihm Angst gemacht, auch, weil seine Mutter ihn seither ständig ermahnte aufzupassen und …
„Nick?“ Das war sein Vater. „Ehrlich gesagt, wären wir froh, wenn du hinfahren würdest.“
„Wieso denn?“
„Marion glaubt, Lina braucht Freunde. Nein, mehr als das. Neue Freunde, verstehst du? Die nichts mit ihrem alten Leben zu tun haben, aus dem Jan verschwunden ist.“
Nicks Mutter spann den Faden weiter: „Es reicht schon einer. Ein einziger, besonderer Freund. Einer in ihrem Alter, bei dem sie lernt, wieder zu reden. Mit dem sie was unternehmen kann, mit dem sie vielleicht sogar ein bisschen lachen kann. Dem sie vertraut.“
„Jemand, dem sie sich möglicherweise anvertraut. Verstehst du? Ein Freund wie ein Bruder“, hörte er die Stimme seines Vaters.
Nick meinte eine unsichtbare Hand zu spüren, die sich auf seinen Verstand legte und sein Denken in eine ganz bestimmte Richtung lenkte.
Dann sprach seine Mutter es aus. „Du könntest dieser Freund sein.“
„Ich? Nein! Nein, das könnt ihr voll vergessen.“
„In Ordnung. Wenn du nicht willst. Niemand erwartet das von dir“, behauptete sie hastig.
„Ach nee? Mensch, Mama, ich bin doch nicht blöd! Warum habt ihr mir das denn alles erzählt, hä?“
Nachdem sie einen Elternblick getauscht hatten, nickten sie. „Zugegeben – wir haben es zumindest gehofft“, räumte seine Mutter ein.
„Wusste ich es doch! Aber darauf habe ich keinen Bock. Nein, echt nicht. Es sind Ferien, verdammt. Ich will endlich chillen. Was habe ich mit irgendeiner Lina zu tun?“
„Gar nichts.“ Sein Vater hob beschwichtigend die Hände. „Es war bloß eine Idee von Marion. Sie hoffte, dass Lina sich möglicherweise mit dir anfreundet und wieder anfängt zu sprechen. Du weißt, sie suchen noch nach Jan, haben aber keine heiße Spur. Darüber bringen sie schließlich jeden Tag was im Fernsehen oder in der Zeitung. Die Polizei vermutet, Lina könnte eine Beobachtung gemacht haben, die ihnen bei der Suche weiterhilft. Etwas von Belang, von dem sie nicht ahnt, dass es wichtig ist. Mehr unbewusst. Ihr Zimmer geht zu dem Garagenhof raus, von dem Jan verschwunden ist. Verstehst du?“
„Ja. Schon.“
„Nach Marions Anruf haben wir uns vorgestellt“, meinte seine Mutter gepresst, „wie es wäre, wenn wir an der Stelle von Linas Eltern wären. Die meisten Eltern denken solche Dinge, wenn ein Kind verschwindet. Wir fragen uns, warum das geschieht. Und wer einem das antun kann. Gleichzeitig sind wir heilfroh, dass es nicht unser eigenes Kind ist. Aber wir malen uns aus, was wäre, wenn. Wie verzweifelt wir wären. Wie machtlos. Was für eine Angst das sein muss. Und man wünscht sich, irgendwas tun zu können, um diesen Familien beizustehen. Irgendwas!“
„Aber die Familie … das Mädchen. Diese Lina …“, nun war Nick ehrlich betroffen. „Ich meine, sie haben doch Pfaffen und Seelenklempner und so Leute. Irgendwelche Spezialisten. Oder nicht?“
„O ja, die haben sie. Aber Lina spricht nicht mit ihnen. Doktor Schilling, ihr Psychologe, vermutet, sie wird auch künftig mit keinem Erwachsenen reden. Nicht mit ihm, ihren Eltern oder jemandem vom Jugendamt. Und auch nicht mit Marion oder Thomas. Doktor Schilling meint, so weit er es beurteilen kann, hat aller Voraussicht nach ein Erwachsener ihre seelische Erschütterung verursacht, indem er ihr den Bruder genommen hat. So beurteilt Lina es zumindest. Daher traut sie keinem von ihnen mehr.“
„Das ist Schwachsinn! Eine fixe Idee.“
„Nicht für sie“, warf sein Vater ein.
Sie schwiegen.
Nick erinnerte sich, in den Zeitungen und den Nachrichten von Jan gehört zu haben. Er war klein für sein Alter, hatte es geheißen. Klein und schmächtig. Nicht so groß und kräftig wie er selbst. Aber er hatte die gleichen dunkelblonden Haare wie Nick, dazu ganz ähnliche hellgraue Augen. Das sah man auf dem Foto, das durch die Presse geisterte. Darauf lächelte der Junge nicht. Ernst schaute er in die Kamera. Als ob er sein Schicksal geahnt hätte.
Was machte er wohl in genau dieser Minute durch?
Scheiße!
„Hat Lina keine Freundin?“
„Doch, eine. Sie ist in den Urlaub geflogen, für sechs Wochen nach Kanada. Sonst keine richtige. Lina lebt in einem Dorf, ein ziemliches Nest. Da gibt es nicht viele Gleichaltrige. Deswegen war Lina sehr viel mit ihrem Bruder zusammen.“
Scheiße, dachte Nick wieder. Das hört sich so an, als ob sie mich wirklich brauchen könnten.
„Ich weiß nicht, ob ich so was bringe, Mama.“
„Warum nicht?“
„Sie ist ein Mädchen. Mit denen kenne ich mich nicht gerade gut aus.“ Er spürte, dass er Drachenohren bekam, weil er blödsinnigerweise an Katharina denken musste, die sich stets über ihn zu amüsieren schien und bei der er nie wusste, was er sagen sollte, wenn er ihr über den Weg lief und deren Küsse, wie er wusste, nach Pfefferminz schmeckten.
„Das macht doch nichts“, entkräftete seine Mutter den Einwand. „Du sollst ihr keine Ersatzfreundin sein. Sondern ein guter Freund, ein Junge, wie Jan. Bestenfalls sieht sie dich als eine Art Bruderersatz und wendet sich dir zu. Sei einfach du selbst.“
Er nickte verständiger als er sich fühlte. „Na ja. Und ich bin nicht wie Luki. Ich bin kein Stürmer, kein Angreifer. Ich bin auch nicht wie Marvin, der Nerven wie Drahtseile hat, wenn er ganz allein im Tor steht. Ich bin bloß in der Abwehr. Ich bin ein Innenverteidiger. Versteht ihr? Ich wehre die Gegner nur ab und bereite Angriffe höchstens vor. Ich will damit sagen, ich bin kein Crack.“
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