Doch die allermeisten haben den Systemwechsel genutzt, das Beste daraus gemacht und sich eine neue Existenz aufgebaut. Zwar ist vieles im Osten noch nicht mit dem Westen vergleichbar, das Lohnniveau hinkt noch immer hinterher und die Vermögen und Bankguthaben sind deutlich kleiner. Doch in der DDR wäre der Wohlstand immer sehr viel kleiner gewesen. Das sieht man daran, wie bescheiden der Luxus selbst in der Wandlitz- Siedlung war – die SED-Führung lebte auf dem miefigen Niveau der westdeutschen Mittelklasse.
So gibt es heute einige Ostdeutsche, die finanziell sehr erfolgreich sind und viele, die ein gutes oder mittleres Einkommen haben.
Trotzdem höre ich immer wieder eine gewisse Unzufriedenheit über die Situation im vereinigten Deutschland, selbst bei erfolgreichen Ostdeutschen wie Beamten, Ärzten, Unternehmern: Viele stimmen in einen fast larmoyanten Kanon ein. Sie empfinden, dass ihre Lebensleistung in der ehemaligen DDR nicht wertgeschätzt wird und über die DDR nur abfällig gesprochen wird. Dass Ost-Themen immer nur angesprochen werden, wenn es um rechtsradikale Auswüchse geht oder um sonstige Klischees, die man dem Osten so schön zuordnen kann. So mancher denkt manchmal wehmütig zurück an die späten 1980er Jahre, an die belebten Städte und die vielen jungen Menschen dort. Heute sind zahlreiche Regionen des Ostens überaltert, oft ist die Bevölkerung um 20 Prozent und mehr geschrumpft, weil die Jungen keine Perspektive in Gera, Rostock oder Finsterwalde sahen. Viele Ostdeutsche fragen sich, wer die Schuld dafür trägt, dass es nicht geklappt hat mit den „blühenden Landschaften“. Vielen fällt in diesem Zusammenhang nur die Treuhand ein.
Wie meine Co-Autorin Carolin Wilms sehe ich eine von einigen Ostdeutschen, oft aus dem linken Lager, geforderte Wahrheitskommission, die die Aktivitäten der Treuhand ‚aufarbeiten‘ soll, sehr kritisch. Ich bin nicht davon überzeugt, dass diese Kommission einen großen Beitrag zur Zufriedenheit der Ostdeutschen mit ihrer Rolle im vereinigten Deutschland leisten kann, auch wenn ich mir wünschen würde, dass es so einfach wäre. Klar, Ungerechtigkeit sollte offen angesprochen werden. Doch ich denke, damit müsste man ganz woanders anfangen, denn das Problem scheint deutlich komplexer zu sein und die Treuhand ist nicht der Schlüssel allen Übels.
Das erste Übel war, dass die DDR-Bürger 40 Jahre lang in einer sozialistischen Diktatur gelebt haben, mit allem was dazu gehört: Überwachung im Großen und Kleinen, Indoktrination, Willkür, Bedrohung der eigenen Person oder von Nahestehenden, Bevormundung. Das Schlimme war: Die meisten hatten sich irgendwann daran gewöhnt. Wie sich die meisten im Dritten Reich an die Schrecken der Nazi-Diktatur gewöhnt hatten. Man hat sich darin eingerichtet, man ist mit dem Strom geschwommen. Die Alltäglichkeit der Erniedrigung konnten die Menschen kaum anders ertragen, als sich damit zu arrangieren. Joachim Gauck hat in einem Fernseh-Porträt von einer „Erziehung der Gefühle“ gesprochen, als er einen seiner Söhne am Bahnhof gen Westen verabschiedete, da dessen Ausreiseantrag genehmigt worden war. Jeder in der DDR wusste, was das bedeuten konnte: Die Wahrscheinlichkeit, dass die Familie für Jahre, Jahrzehnte getrennt war, war äußerst hoch. Und trotzdem verabschiedeten sie sich kühl und gefasst, nicht tränenreich und verzweifelt, wie es eigentlich einer solchen Trennung entsprochen hätte. Erziehung der Gefühle. So etwas bringt nun mal eine Diktatur hervor, genauso wie ein großes Maß an Unmenschlichkeit und Kälte.
Mir fehlt in der derzeitigen Diskussion, dass man sich diese Dinge noch einmal vor Augen hält, dass man sie klar benennt. Denn nur so werden, nach meinem Empfinden, die Vorgänge im Osten verständlich. Spreche ich Ostdeutsche, die heute im Rentenalter sind, darauf an, spüre ich ein gewisses Widerstreben, darüber zu reden. Diese Generation hat einen großen Teil ihres Berufslebens in der DDR verlebt. „Es war halt so“, höre ich oft, mal resignierend, mal trotzig. Manchmal spüre ich sogar einen gewissen Stolz: Wir haben es durch diese Zeit geschafft, mit Mut, mit möglichst viel Rückgrat, manchmal mit Härte. Erziehung der Gefühle.
Ich glaube, es bringt nichts, sich nur an den Westdeutschen abzuarbeiten. Es ist unbestritten, dass es in der Wendezeit und danach Konflikte mit Wessis gab, dass man sich, oft berechtigt, aber oft auch unberechtigt, von ihnen ungerecht behandelt fühlte und eine Besatzer-Mentalität gespürt hat. Es ist vielleicht einfacher, da es ein klar zuzuordnendes Feindbild gibt: die, die aus dem Westen kamen. Es lenkt auch wunderbar davon ab, dass wir uns in vieler Beziehung wichtigen Problemen noch immer nicht ausreichend gestellt haben, wie der Aufarbeitung unserer DDR-Diktatur und der Unmenschlichkeiten, die tagtäglich von unseren Mit-Ossis an uns begangen wurden.
Es ist an der Zeit, sich das einmal bewusst zu machen und die alltägliche Menschenfeindlichkeit offen anzusprechen, die in der DDR herrschte. Es ist eben nicht normal, sich gegenseitig auszuspionieren. Dass wir in der DDR nicht sagen durften, was wir gerade lesen. Dass die Kinder im Kindergarten gefragt wurden, wie denn die „Eins“ im Ersten Programm bei den Nachrichten im Fernsehen aussieht, um festzustellen, ob die Familie zu Hause Westfernsehen schaute. Dass es ein Problem war, wenn man konfessionell gebunden war oder auch sonst von der sozialistischen Gesellschaftsnorm abwich. Denn das ist, meiner Meinung nach, einer der Schlüssel für die Schieflage, die heute im Osten noch herrscht. Man kann bis heute dem kalten Hauch der Diktatur im Osten noch immer ein bisschen nachspüren. Auf Ämtern, in Schulen, in der Verwaltung, in Krankenhäusern. Immer dort, wo Menschen eine gewisse Machtposition über andere haben, findet man noch viel zu häufig Verhaltensweisen vor, die an die ehemalige DDR erinnern. Der Ton dem Bürger, dem Patienten, auch manchmal dem Kunden gegenüber ist oft äußerst rau, egal, ob derjenige vor dem Tresen aus dem Osten oder aus dem Westen kommt. Wenn bis heute darüber hinweggesehen wird, wenn wir uns dagegen nicht erwehren, wenn wir nicht klar machen, dass wir solche Verhaltensweisen nicht tolerieren, wird das Missempfinden im Osten bleiben. Das setzt aber auch voraus, dass man noch einmal deutlich macht, dass das systematische Kleinmachen der Bürger in der DDR Unrecht war und kein zu tolerierendes Verhalten. Ich konnte es vor ein paar Jahren kaum glauben, dass zwei demokratische Parteien im Rahmen von Koalitionsverhandlungen nach einer Landtagswahl ernsthaft darüber stritten, ob die DDR ein Unrechtsstaat gewesen sei oder nicht, und damit erniedrigendem Verhalten gegenüber Mitbürgern Vorschub leisteten. Eine Mentalität des „Das war nun mal so, so macht man das eben“ auch auf dieser Ebene wird das Miteinander unter den Menschen im Osten des Landes nicht verbessern. Aber das Aufstehen gegen eine solche Mentalität muss aus den Reihen der Ostdeutschen kommen, das können die Westdeutschen nicht für uns tun. Vielleicht braucht es eine wirkliche ostdeutsche „#Me-Too“-Bewegung.
Wind of Change
Von Ilka Wild und Carolin Wilms
Ilka Wild
Ich bin kein Fan der Scorpions, aber es gibt einen Song, der die Stimmung in der DDR im Jahre 1989 beschreibt wie kein anderer: ‚Wind of Change‘.
Schon im Jahr 1988 begann es. Es war etwas im Gange. Man spürte es in der Schule, auf Familienfeiern oder sogar im Zugabteil. Man sprach über Verbotenes, man diskutierte Missstände, es brannte den Leuten unter den Nägeln. Manchmal brach es aus ihnen heraus, und man merkte, dass sie erst später darüber nachdachten. Dann blickte man sich verstohlen an, verschwörerisch. Besonders, wenn das Gespräch mit wildfremden Leuten aufkam, war es nicht ungefährlich. Doch anders als in den Jahren zuvor hatten viele Menschen ihre Angst abgelegt oder waren zumindest weniger vorsichtig. Natürlich hatte das Ganze mit den Vorgängen in der Sowjetunion zu tun: Gorbatschow hatte bereits Mitte der 1980er Jahre mit seiner Perestroika Politik begonnen. Und auch das konnte man in der DDR spüren. Über das Westfernsehen erfuhren wir von Sacharows Rehabilitation und konnten das kaum glauben. Und auch das gesellschaftspolitische Magazin Sputnik aus der UdSSR, das in der DDR verkauft wurde, brachte Artikel, die man sich kaum traute zu lesen, so kritisch waren sie. Dieser ‚Wind of Change‘ war wohl genau das, was in dem gleichnamigen Lied beschrieben wurde. Die Rockband The Scorpions aus Hannover durfte im August 1989 in Moskau auftreten, die dortige Stimmung inspirierte die Band zu dem Song: In Russland änderte sich etwas.
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