JIŔÍ STEINER erinnerte sich zeit seines Lebens mit Schrecken an den Einmarsch der deutschen Soldaten (am 15. März 1939) in seine Heimatstadt Prag. Er und sein Zwillingsbruder Zdeněk waren zehn Jahre alt. Mit ihrer Mutter Jana waren sie allein zu Hause. Sie schauten auf die Straße, versteckten sich hinter den Gardinen, »damit man uns nicht sehen konnte«. »Mama begann zu weinen, und uns war sehr bange.«
Ende 1941 oder Anfang 1942 wurden die Juden im polnischen Sławków in einem Ghetto konzentriert. Von 18 Uhr bis sechs Uhr früh herrschte strikte Ausgangssperre. Der 14-jährige JANEK MANELA MANDELBAUM war in tiefer Sorge um seine Mutter. Sie versuchte, stark zu sein, sich um seinen Bruder und ihn zu kümmern: »Aber sie war aufs Äußerste beunruhigt – vor allem wegen meines Vaters und meiner Schwester«, die bei Verwandten wohnte. Auf ihren Vater hatte die Familie seit Sommer 1939 vergeblich gewartet. Er war bei ihrer Abreise in den Süden Polens in der Hafenmetropole Gdynia bei Gdańsk zurückgeblieben, hatte jedoch bald nachkommen wollen. – Eines Tages in der zweiten Juniwoche 1942 in Sławków, fünf Uhr früh: Es hämmerte an ihre und die Türen der anderen Juden: »Juden raus! Ihr habt fünf Minuten!« Schließlich wurde Janek von seiner Mutter und seinem Bruder getrennt. »Das war der schlimmste Moment in meinem Leben.«
ROBERT JOSCHUA BÜCHLER, der die jüdische Volksschule im slowakischen Topol’čany besuchte, durfte im September 1940 nicht mehr auf das örtliche Gymnasium gehen. Mit Beschluss vom 13. Juni 1939 hatte die slowakische Regierung jüdischen Schülern den Besuch von öffentlichen Schulen verboten. 1Die jüdischen Kinder durften nur noch jüdische Volksschulen oder Klassen besuchen. Die Jüdische Gemeinde in Topol’čany beschloss, die eigene Volksschule auf acht Klassen aufzustocken. Doch 1942 wurde das Schulgebäude beschlagnahmt. Der Unterricht hörte zunächst auf, wurde später jedoch – »für die von den Nazi-Aktionen verschont gebliebenen wenigen jüdischen Kinder« – im jüdischen Altersheim wieder aufgenommen. 1944 kam dann das endgültige Aus. 2
Thessaloniki (Griechenland), 12. März 1943, es war ungefähr elf Uhr: Deutsche Militärpolizei forderte zahlreiche Juden der Stadt auf, ihre Sachen zu packen. HEINZ SALVATOR KOUNIO war 15 Jahre alt. Die Soldaten brachten ihn, seine ein Jahr ältere Schwester Erika sowie seine Eltern Helena und Salvator zunächst in den Stadtteil Baron Hirsch, in dem bereits viele Juden lebten, und der sich in der Nähe des Bahnhofs befand. Sonntag, 15. März: Um zwei Uhr nachts mussten sie sich auf deutschen Befehl hin auf dem zentralen Platz im Ghetto einfinden. Insgesamt waren sie ungefähr 2.800 Menschen: 3Babys, Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer. Zwei Stunden lang geschah nichts, Anspannung und Unruhe wuchsen mit jeder Minute. »Die Mütter versuchten, ihre weinenden Kinder zu beruhigen. Die Männer starrten nervös in die Dunkelheit.« Dann »hörten wir die Befehle bezüglich unserer Deportation«. In Fünferreihen mussten alle zum Bahnhof marschieren. »Da standen diese geschlossenen Viehwaggons.« Sie mussten mit ihrem spärlichen Gepäck, mehr war ihnen zur Mitnahme nicht erlaubt worden, in den Waggon klettern. »Es wurde enger und enger. Es waren so viele Menschen, dass wir uns nicht hinsetzen oder hinlegen konnten. Nicht einmal für fünf Minuten.«
Als kleiner Junge hörte GÉZA SCHEIN die Erwachsenen vom Krieg reden. Die Scheins lebten auf der ungarischen Donau-Insel Csepel. Um die Jahreswende 1943/44 verbreitete sich in der Familie die Nachricht, dass Deutsche Juden aus anderen Ländern Europas in Konzentrationslager abtransportierten. Diskussionen begannen. Sollte die Familie so wie andere auch in die USA oder nach Südamerika auswandern? Doch sie fühlte sich nicht unmittelbar bedroht. Bis zum 19. März 1944, als deutsche Truppen das Land okkupierten. Im Mai kamen »ungarische Gendarmen« und forderten die Familie auf, die Sachen zu packen und mitzukommen. Der elfjährige Géza wurde im Juli mit seinen Eltern und Großeltern mütterlicherseits in einen Viehwaggon gepfercht.
Für Familie Bacon aus dem tschechischen Ostrava setzte sich der Zug – wie für viele andere jüdische Familien – im September 1942 in Bewegung. Sie wurden zunächst im Lagerghetto Theresienstadt eingesperrt. In dem Transport befanden sich der 13-jährige YEHUDA BACON, sein Vater Isidor, seine Mutter Ethel und seine 19-jährige Schwester Hanne. Rella, Yehudas zweite Schwester, war 1939 nach Palästina ausgewandert. Vor dem Abtransport herrschte bei ihnen, wahrscheinlich in allen Familien, die verschleppt werden sollten, Chaos. Da sie nicht mehr als fünfzig Kilogramm Gepäck nach Theresienstadt mitnehmen durften, fragte sich die Familie zum Beispiel: Was sollen wir mitnehmen? Wo sollen wir unser Eigentum verstecken? Wird diese oder jene Frau uns später die Sachen wieder zurückgeben? Sie badeten zum letzten Mal in ihrer Wohnung, legten sich in ihre Betten und fragten sich: Wo und worauf werden wir morgen schlafen? Am nächsten Morgen zog Yehuda alle seine neuen Sachen an, und das doppelt und dreifach. Drei Paar Strümpfe, zwei Hemden, Sweater, Wintermantel. Und überall hatte der Junge besondere Taschen, in denen er alles Mögliche verwahrte.
Wenn im Zug einer der deutschen Wachsoldaten vorbeikam, mussten alle aufstehen und die Kopfbedeckung abnehmen. 1947 protokollierte Yehuda Bacon in seinen Notizen die Szene so: »Was ist hier los? Wie heißt du? Joachim Krummholz. Batz, batz. Wie? Joachim Israel Krummholz. Wie? Du weißt es nicht? Bumm. Stinkjude Israel Krummholz, verstanden?! Jawohl, ich heiße Stinkjude Israel Krummholz. Hier können wir ersticken, geh die Fenster aufmachen! Wehe, wenn jemand die Fenster aufmacht, verstanden?! Hast du Wasser? Ich halt das schon nicht mehr aus.«
ELSE SCHMIDT 4 kam vor ihrem ersten Geburtstag in die Hamburger Pflegefamilie von Auguste und Emil Matulat. Ihre leibliche Mutter ist Sintizza, wie das Mädchen Jahre später erfahren sollte. Als Else sieben Jahre alt war, wurde sie gegen vier Uhr morgens von ihrer Pflegemutter geweckt. »In unserem Haus sah ich zwei mir unbekannte Männer in langen Ledermänteln stehen. Sie verlangten, ich solle mit ihnen kommen. Mein Pflegevater war nicht zu Hause. Er war Hafenarbeiter und hatte Nachtschicht. Das war im Frühjahr 1943.« Die Männer stiegen mit Else in die Straßenbahn und brachten sie zu einer großen Halle, die sich im Hafen befand. »Dort waren schon viele Sinti und Roma.« Alle sollten nach Auschwitz-Birkenau deportiert werden. Eine der leiblichen Töchter von Auguste und Emil Matulat fuhr so schnell sie konnte zum Hafen, um ihren Vater zu Hilfe zu holen. »Mein Pflegevater ist sofort zu dieser Halle gegangen. Es gelang ihm irgendwie, mich freizubekommen«, was eine sehr, sehr große Ausnahme war. Auf dem Rückweg sagte Emil Matulat zu Else: »Vergiss das Ganze schnell wieder.«
HEINZ SALVATOR KOUNIO befand sich im März 1943 mit seiner Schwester Erika und seinen Eltern Helene und Salvator Kounio in einem Viehwaggon-Zug, der erstmals, nachdem sie in Thessaloniki abgefahren waren, nicht weit von der Grenze zwischen Griechenland und Serbien stoppte. Stunden um Stunden mussten sie warten. Die ganze Nacht und noch den folgenden Tag. Bis zur Dämmerung. Obwohl vor allem die kleinen Kinder ständig »nach Wasser, Wasser schrien«, wurden die Waggontüren nicht geöffnet. Auch die viel zu kleinen Eimer, in denen sie ihre Notdurft verrichten sollten und »die viele aufgrund der Enge gar nicht erreichen konnten«, wurden nicht geleert. »Es war schrecklich. Die vielen Fragen, die einem durch den Kopf sausten und unbeantwortet blieben. Die Alpträume in der Nacht. Die unaufhörlichen und alles durchdringenden Schreie der jüngeren Kinder.«
Am 5. September 1943 wurde die aus Prag stammende Familie Steiner in Viehwaggons verladen. »Immer sechzig bis siebzig Personen samt Gepäck in einem Waggon.« Nach drei Tagen kamen sie in Auschwitz an: Die Zwillingsbrüder JIŔÍ und ZDENĚK STEINER, gemeinsam mit ihren Eltern Jana und Pavel. Als sie auf dem Bahnhof standen, ohne dass die Türen geöffnet wurden, flog plötzlich ein kleines Päckchen durch die Luke. Sie waren erschrocken. Als sie es auspackten, befand sich darin ein Stück Salami. »Es war von einem deutschen Soldaten, der den Transport begleitet hatte.« Dann holte sie die SS brutal aus den Waggons. Sie wurden in zwei Gruppen geteilt: Frauen, Mädchen und kleine Kinder auf eine Seite, Männer und größere Jungen auf die andere Seite. In Fünferreihen mussten sie in einer langen Kolonne antreten. Angetrieben durch Stockschläge der SS mussten die jüdischen Kinder, Frauen und Männer gut drei Kilometer marschieren. Dann sahen sie hinter Stacheldrahtzäunen Menschen in gestreiften Anzügen, ohne Haare. Zuvor hatte es geheißen, sie müssten irgendwo im eigenen Land »irgendeine Arbeit verrichten«. Nun befanden sie sich in Auschwitz-Birkenau.
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