„Holt mich doch, ihr Enkel eines verlausten Ziegenbocks!“ fauchte er. „Ich bin doch nicht verrückt, ihr blutrünstigen Bastarde! Wenn ihr was von mir wollt, ihr Rübenschweine, müßt ihr euch schon zu mir hereinbemühen.“
Das taten sie auch, obwohl sie Dans Worte ganz sicher nicht verstanden hatten. Zwei von den Kerlen mit den riesigen Schwertern traten auf den Käfig zu – und in der nächsten Sekunde passierten eine Menge Dinge gleichzeitig.
Batuti stieß einen urigen Schrei aus und warf sich mit seinem ganzen Gewicht gegen das Gitter des Käfigs.
Es gab einen scharfen Krach. Holz splitterte, der Käfig überschlug sich und war plötzlich Kleinholz.
„Arwenack!“ schrie Dan O’Flynn begeistert, schnellte auf seine Gegner in der Käfigtür zu wie eine Katze – und jetzt endlich witterte auch der Bretone wieder eine Chance.
Fünf Minuten lang ließen die drei Männer mitten in der alten Ruinenstadt im Urwald eine Hölle los, von der die Maya-Krieger vermutlich noch ihren Enkeln erzählen würden.
In diesen fünf Minuten kriegte der Oberpriester die Trümmer des Holzkäfigs um die Ohren gehauen, verwandelten sich rote Gewänder in Fetzen und gewannen die Krieger mit den Riesenschwertern die Erkenntnis, daß sie mit ihren Mordinstrumenten einen Schädel nur spalten konnten, wenn der Betroffene ihn hinhielt.
Batuti gelang es, eins dieser Schwerter zu erobern. Mit beiden Händen schwang er es hoch über dem Kopf. Schreiend wichen die Priester zurück – und es wäre ihnen übel ergangen, wenn nicht einer der Maya-Krieger den schwarzen Herkules von hinten mit einem Stein gefällt hätte.
Auch Dan O-Flynn und den Bretonen erwischte es schließlich.
Batuti wurde mit zähen Lederriemen verschnürt und in einen der heilgebliebenen Käfige geworfen. Auch Dan und Jean Morro waren gefesselt, als sie aus der Bewußtlosigkeit erwachten. Sie fühlten sich beide lausig, aber immerhin hatten sie etwas Zeit gewonnen.
Denn bevor die Maya-Priester endgültig zur Tat schreiten konnten, mußten sie erst mal ihre Schrammen verarzten und ihre Gewänder reparieren.
Yuka blieb ruckartig stehen.
Er hielt den Atem an und lauschte gespannt. Hasard warf ihm einen fragenden Blick zu, während hinter ihm auch der Rest der Kolonne stoppte. Der Seewolf hatte lediglich einen rauhen Vogelschrei gehört, der sich ein paarmal wiederholte, aber der Maya kannte den Urwald natürlich besser.
„Das war kein Vogel“, sagte er nach ein paar Sekunden leise.
„Und was dann?“ fragte Hasard mit gerunzelter Stirn.
„Krieger! Sie wissen, daß wir kommen. Sie warten.“
„Um uns daran zu hindern, die Stadt zu erreichen“, sagte der Seewolf gedehnt. „Wir haben keine Chance, wenn wir es mit der Brechstange versuchen.“ Er überlegte einen Moment, dann wandte er sich um und winkte Ferris Tucker und Ed Carberra zu sich.
„Maya-Krieger?“ fragte der rothaarige Schiffszimmermann hellsichtig.
Hasard nickte.
„Hört zu“, sagte er ruhig. „Ihr werdet diese Krieger hier ablenken. Liefert ihnen einen Kampf, aber erschreckt sie nicht gleich wieder so, daß sie die Flucht ergreifen! Meinetwegen könnt ihr euch ruhig ein bißchen zurückziehen und die Kerle glauben lassen, daß sie eine Chance haben, euch auch noch für Ihre Götter zu kassieren. Ihr sollt sie nicht besiegen, versteht ihr? Ihr müßt sie hier binden, sie hinhalten und ihnen das Gefühl geben, daß sie die Situation im Griff haben.“
„Verstanden“, sagte Tucker gelassen. Und mit einem Seitenblick auf den Profos: „Also bezähm’ dich ein bißchen, Ed, klar? Am besten versteckst du dich, damit die Burschen nicht auf und davon laufen, wenn sie dein Gesicht sehen.“
„Halt bloß die Klappe, du rothaariger Affe!“ Carberry schob sein Rammkinn vor und kniff die Augen zusammen. „Und wer haut in der Zwischenzeit Dan und Batuti heraus?“
„Matt, Stenmark, Big Old Shane und ich. Und natürlich Yuka. Ohne ihn würden wir den Weg nicht finden.“
Der Maya nickte nur.
Ed Carberrys zernarbtes Gesicht spiegelte deutlich die Enttäuschung, daß er bei dem Kommandounternehmen nicht dabeisein würde. Aber er wußte, daß sie jetzt keine Zeit für Diskussionen hatten. Und Hasard war der Meinung, daß Ed Carberry seine Talente hier nutzbringender entfalten konnte. Bei dem bevorstehenden Kampf mit den Maya-Kriegern war ein brüllender, tobender Profos überhaupt nicht zu ersetzen.
Minuten später schlugen sich der Seewolf und sein kleiner Stoßtrupp unter Yukas Führung seitwärts in die Büsche.
Die anderen marschierten weiter.
Nach kaum einer Viertelstunde erreichten sie eine Lichtung im Urwald – und dort passierte es.
Wie aus dem Boden gewachsen war plötzlich eine Übermacht von mindestens dreißig Maya-Kriegern da.
Sie griffen sofort an.
Mit zehn Männern glaubten sie, leichtes Spiel zu haben. Und als sie ihren Irrtum einsahen, war bereits ein Kampf im Gange, bei dem Edwin Carberry, der eiserne Profos, endlich einmal wieder voll auf seine Kosten kam …
Yuka führte die vier Seewölfe auf Schleichwegen zu der Ruinenstadt im Urwald.
Das Gelände stieg an. Sie erreichten einen langgestreckten Hügelrükken – und von dort aus konnten sie die gigantische Tempelpyramide und die uralten, teilweise wieder bewohnbar gemachten Gebäude sehen.
Im nächsten Augenblick nahm sie wieder der Urwald auf, dessen grünes Dickicht alles verhüllte.
Kein Wort fiel. Die Männer schlichen so lautlos wie möglich weiter und paßten sich den schlangenhaften Bewegungen des Maya an, der mit der Wildnis ringsum zu verschmelzen schien. Längst gab es keinen sichtbaren Pfad mehr. Die Männer schlugen sich quer durch das Dickicht, jede winzige Lücke nutzend – und dann, ganz unvermittelt, stießen sie fast gegen eine hochragende Mauer.
Yuka wandte sich um.
„Wächter!“ flüsterte er. „Dort drüben bei dem Torbogen.“
Hasard hatte den Torbogen noch nicht entdeckt, aber er folgte der Richtung, die der Maya wies. Ein Dutzend lautloser Schritte, dann öffnete sich tatsächlich ein Durchlaß in der Mauer. Das Dickicht wich an dieser Stelle halbkreisförmig zurück. Zwei braunhäutige Krieger standen auf der Lichtung und stützten sich auf ihre Lanzen.
Hasard nickte Matt Davies zu. Der Mann mit dem Eisenhaken grinste verwegen. Mit seiner verstauchten Linken konnte er immer noch nicht viel anfangen, und er war stolz darauf, daß ihn der Seewolf trotzdem für dieses heikle Unternehmen ausgewählt hatte.
Der Grund war einfach. Wenn es hart auf hart ging, würde viel vom Überraschungseffekt abhängen, von dem Durcheinander unter den Gegnern. In dieser Hinsicht war so eine Armprothese höchst effektvoll. Der unerwartete Anblick des Hakens, der „Stahlhand“, hatte schon mehr als einmal Furcht und Schrecken unter Eingeborenen verbreitet. Und Hasard wußte, daß Matt Davies auch mit einer verstauchten Linken ein vollwertiger Kämpfer war – was er in diesen Sekunden schlagend bewies.
Er hielt sich dicht neben dem Seewolf.
Mit ein paar langen Sprüngen erreichten sie die beiden Wächter. Die Maya-Krieger spürten die Gefahr, hörten die winzigen Geräusche, aber als sie wie auf ein geheimes Kommando herumfuhren, war es bereits zu spät.
Hasard hämmerte seinem Mann die Faust an die Schläfe.
Matt Davies zog dem anderen Wächter kurz und trocken die gerundete Seite seines Hakens über den Kopf.
Beide Maya brachen zusammen. Beide wurden sie aufgefangen und schnell und lautlos in die Büsche geschleift.
Yuka, Stenmark und Big Old Shane tauchten bereits in den Schatten des Torbogens.
Hasard und Matt Davies folgten ihnen. Der Torweg war tief, auch an seiner anderen Seite gab es Schatten. Bauwerke ragten auf: ein Gewirr von ineinander verschachtelten, teils zusammengebrochenen Häusern, deren schwere Steinquader den Urwald zurückdrängten. Eine Stadt im Urwald, dachte Hasard kopfschüttelnd. Eine uralte, verborgene Stadt, die von Macht und Größe des Maya-Volkes zeugte und von deren Existenz die Spanier vermutlich nichts ahnten.
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