So hatten die Männer der „Isabella“ aus reinem Zufall Morgan Young, den entflohenen Kettensträfling, entdeckt und ihn aus dem Wasser gezogen, ehe seine Verfolger oder die gefährlichen Salzwasserkrokodile über ihn herfallen konnten. Young war nur leicht am Bein verletzt worden.
Er hatte alles erzählt: wie sie in der Nacht zu zweit aus dem Palisadenlager geschlüpft waren, nachdem sie sich von ihren Ketten hatten befreien können, wie sie aber die Verfolger dicht im Nacken gehabt hatten. Romero, der junge Spanier, war von den Soldaten erschossen worden, bevor er sich wie Young im Dschungel hatte verstecken können.
Dann hatten die Seewölfe zu ihrer Überraschung erfahren, daß auch Sumatra-Jonny und zehn Männer seiner neuen Crew im Lager der Spanier festsaßen und zur Fronarbeit gezwungen wurden. Wie Jonny mit der „San Rosario“ hierhergeraten war, obwohl er doch die beiden seinerzeit von den Spaniern entführten Maori-Mädchen zurück nach Neuseeland hatte bringen sollen, war Hasard und seinen Männern unbegreiflich, aber das stand auf einem anderen Blatt.
Es galt weiterhin, Youngs Gefährten Trench, Josh Bonart, Sullivan und Christians sowie alle Holländer, Franzosen, Spanier und auch Portugiesen aus der Gewalt der Soldaten zu befreien, die willens waren, an diesem waghalsigen Ausbruchsversuch teilzunehmen.
Hasard hatte eine Pinasse kapern können, deren Besatzung auf der Suche nach dem im Busch verschwundenen Morgan Young die Küste abgeforscht hatte. Die komplette Mannschaft – acht Spanier – saß jetzt gefesselt im Kabelgatt der „Isabella“. Hasard, Carberry, Shane, Blacky, Dan O’Flynn, Luke Morgan, Ferris Tucker und Smoky hatten ihre Plätze eingenommen und waren als Spanier verkleidet mit der Pinasse in die Hafenbucht von Airdikit gesegelt. Hier hatten sie schließlich auch die „San Rosario“, Jonnys Schiff, vor Anker liegen sehen.
Sie hatten an einer Pier vertäut und gehofft, unerkannt bis zur Hütte des Kommandanten Samaniego zu gelangen, die ihnen von Morgan Young genau beschrieben worden war, aber dann, urplötzlich, waren sie von den Soldaten auf der Pier entlarvt worden. Daher hatte Hasard einen Sturm auf das Lager unternehmen müssen – mit Musketen, Tromblons, Pistolen, Flaschenbomben und Blankwaffen.
Don Felix Maria Samaniego mußte es geahnt haben, daß die Männer der Galeone, die seine Landtrupps von der Küste aus beobachtet hatten, mit einem Trick in das Lager zu gelangen trachteten.
Hasard erhielt jetzt die Bestätigung dafür, daß er sich dies nicht nur einbildete.
Don Felix wandte ihm das Gesicht zu und sagte: „Killigrew, meine Leute sind nach der erfolglosen Jagd auf Morgan Young rechtzeitig genug hierher zurückgekehrt, um mir alles melden zu können. Und aus ihrer Beschreibung des Schiffes, das da draußen vor der Küste liegt, habe ich folgern können, daß es sich um die berüchtigte ‚Isabella‘ handelt. Woher ich sie kenne? Ich war eine Zeitlang in Manila stationiert, und dort hat man mir ausführlich von ‚El Lobo del Mar‘ und seinem Schiff erzählt. Ich konnte es mir an den zehn Fingern abzählen, daß Sie durch eine List die Sträflinge herauszuhauen versuchen würden. Darauf habe ich mich eingerichtet und habe meinen Leuten entsprechende Anweisungen gegeben.“
Hasard hörte nur mit halbem Ohr hin. Sein Blick war unablässig auf die Gestalten seiner Männer gerichtet.
Smoky und Luke Morgan standen mit hängenden Köpfen da. Er konnte sich gut vorstellen, was jetzt in ihrem Inneren vorging. Sie schrieben sich die Schuld an der verhängnisvollen Wende zu, die die Dinge genommen hatten. Aber sie hatten selbst ihr Bestes gegeben und keinen einzigen Fehler begangen. Sie waren ganz einfach überrumpelt worden.
Ehe Ferris, Blacky, Smoky und Luke der Durchbruch zum Palisadenlager gelungen war, hatten die Spanier Verstärkung und Nachschub an frisch geladenen Waffen erhalten, und nur so hatten sie die vier Männer zur Aufgabe zwingen können.
Dann hatten die spanischen Soldaten ihre vier Gefangenen als Geiseln benutzt und somit das Duell zwischen dem Seewolf und Don Felix abrupt unterbrochen.
Nur Ed Carberry, Big Old Shane und Dan O’Flynn hatten das Palisadenlager erreicht und waren darin verschwunden. Soviel hatte der Seewolf während seines erbitterten Degenkampfes mit Samaniego verfolgen können. Aber was nutzte dieser Teilerfolg jetzt noch? Auch der Profos, Shane und Dan würden die Waffen strecken müssen.
Heftig fegte der Wind über Airdikit und trug alle Hoffnungen des Seewolfs davon, tief in den Dschungel hinein, wo sie sich zwischen Mangroven und Lianen verloren.
Hasards Blick richtete sich wieder auf Blacky.
„Blacky“, sagte er, und seine eigene Stimme klang ihm fremd und brüchig. „Mein Gott, Blacky.“
Blackys Gesicht hatte die Farbe alten Talges. Er schien nicht mehr zu atmen. Diese Feststellung traf Hasard wie ein Hieb. Er fühlte sein Herz heftig pumpen, bis in den Hals hinauf, und seine Knie wurden jetzt so weich, als müßten sie jeden Augenblick nachgeben.
War Blacky schon tot?
Der Profos hatte Sumatra-Jonny von den Eisenfesseln befreit, jetzt arbeitete er wie ein Besessener an den Ketten von Trench, einem von Morgan Youngs Kameraden. Big Old Shane und Dan O’Flynn waren dabei, mit dem von der „Isabella“ mitgebrachten Werkzeug Josh Bonarts Handschellen und Beinschäkel zu öffnen. Jonny kümmerte sich um einen halbnackten, hageren Eingeborenen – offenbar einen Batak oder Atjeh von Sumatra –, der zu seiner „glorreichen Zehn“ zu gehören schien.
Was draußen, vor den Palisaden, vorgefallen war, hatten sie nicht verfolgen können, und es war jetzt auch keine Zeit dafür, das Tor zu öffnen und ins Freie zu spähen.
„Verdammt“, sagte Carberry nur. „Das Schießen hat aufgehört. Das ist kein gutes Zeichen, Leute.“
„Unsinn“, meinte Shane und versuchte dabei zu lachen, was ihm allerdings mißlang. „Gleich geht das Tor auf, und Hasard, Blacky, Luke, Ferris und Smoky erscheinen. Ich schätze, Hasard hat Don Felix, den Oberhurensohn, besiegt und benutzt ihn jetzt als Geisel.“
„Genau das denke ich auch“, sagte Dan, aber seiner Miene war anzusehen, daß er davon genausowenig überzeugt war wie der graubärtige Schmied von Arwenack.
Carberry verzog das Narbengesicht zu einer wüsten Grimasse. „Ihr palavert euch selbst was vor. Da draußen ist eine Mordssauerei passiert, das schwöre ich euch. Los, beeilen wir uns, ehe die Dons auch uns zu packen kriegen.“
Er hatte Trenchs Ketten gelöst und wandte sich jetzt Sullivan zu. Trench gab er einen Schlegel, und dieser Mann eilte nun seinerseits zu Christians hinüber, der wie alle anderen Sträflinge nicht nur schwer mit Eisen behängt, sondern zusätzlich an einem in den Boden gerammten Pfahl festgekettet war.
Jonny hatte den hageren Eingeborenen befreit, und beide Männer arbeiteten nun an den Ketten ihrer gleich in der Nachbarschaft hockenden Kameraden.
Auch Josh Bonart konnte jetzt aus seinen Handschellen und Beinschäkeln schlüpfen.
Etwas später waren insgesamt neun Mann befreit, und Jonny nickte dem Profos zu. „Vier meiner Leute stehen hier neben mir, Profos, die anderen sitzen oben in der verfluchten Festung im Kerker, wie ich vorhin wohl schon gesagt habe.“
Der Narbenmann nickte ihm nur knapp zu, dann wandte er sich an Shane und Dan. „Und wir müssen die Burg im Sturm erobern, Freunde, sonst haben wir hier gleich verspielt. Wir müssen Ben mit einem der schweren Geschütze, die ich auf dem Söller gesehen habe, ein Zeichen geben, und er wird mit unserer alten Lady in die Hafenbucht rauschen, um den Dons Zunder zu geben.“
„Los, verlieren wir keine Zeit mehr“, drängte Big Old Shane. „Auf was warten wir noch?“
Sie drehten sich um und wollten zur Nordseite des Palisadenlagers laufen, aber einige Sträflinge streckten flehend die Hände nach ihnen aus und begannen, laut durcheinanderzurufen.
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