Eine Freundin, die eine überzeugte Feministin ist, fragte mich, ob ich gemeinsam mit ihr eine antisexistische Plattform auf Türkisch für Menschen in der Türkei gründen möchte. Sie wohnte in Paris, ich in Köln. Ich sagte zuerst nein, weil ich mir das nicht zutraute. Sie hat mich ermutigt und überzeugt.
Nach einiger Zeit als Online-Aktivistin lernte ich, wie wirksam es sein kann, die Aufmerksamkeit in den sozialen Medien auf bestimmte Themen zu lenken. Ich lernte auch, dass man politischen Aktivismus genauso gut online wie offline machen kann, dass auch diese Art von Aktivismus eine Gesellschaft nachhaltig verändern kann.
Meinen ersten Text auf Deutsch schrieb ich im Jahr 2015, weil ich mich über den berüchtigten Text „Warum mich der Feminismus anekelt“ von Ronja von Rönne aufregte. Ich setzte mich hin und schrieb ihr eine Antwort, ganz so als würde das Ronja von Rönne überhaupt interessieren. Und dann hatte ich diesen Text in meiner Hand, der überhaupt nicht lesbar war, weil meine Deutschkenntnisse einfach nicht ausreichten, um einen politischen Text auf Deutsch zu verfassen. Mein Ex und ich setzten uns dann zusammen und schrieben den Text erneut. Er musste mich nach jeder These, nach jedem Ausdruck fragen, weil er nicht verstand, was ich meinte. So schlecht war er geschrieben.
Als wir endlich fertig waren, kam das nächste Problem auf: ich wusste nicht, wohin damit. Bisher hatte ich noch nie für ein deutschsprachiges Medium geschrieben (für türkischsprachige auch kaum mehr als gebloggt, um ehrlich zu sein). Ich hatte auch keine Verbindungen, die mir dabei hätten helfen können, den Text irgendwo einzureichen. Also registrierte ich mich bei Blogspot. Wenn ich mich nicht falsch erinnere, generierte der Text ganze vier Klicks 1. Einer davon war von Ronja von Rönne selbst, weil ich ihr den Link per Facebook sendete. Daraufhin schrieb sie mir u.a.: „auch du als feministin profitierst ja letzten endes davon, wenn die debatte mal wieder laut im raum steht und sich jeder neu verorten muss bzw. nochmal darüber nachdenkt.“ [sic]
Durch mein Engagement als feministische Aktivistin auf der oben genannten türkischen Plattform erktolia.org, die sich gegen Sexismus und Diskriminierung von LGBTIQ+ stellt, lernte ich, wie man in den sozialen Netzwerken viele Menschen erreichen kann. Gleichzeitig wendete ich diese Erkenntnisse in Deutschland an und baute mir über Jahre hinweg meine eigene Reichweite auf Twitter auf. Ich ging auf politische Veranstaltungen, twitterte vor Ort, markierte Referent*innen in meinen Tweets, damit sie mich retweeten. Manchmal klappte es, oft wurde ich ignoriert. Ich ritt bei Hashtags zu politischen Themen mit und veröffentlichte Blogtexte auf meiner eigenen Website, die ich mir in der Zwischenzeit zugelegt hatte.
Einige Kolleginnen, mit denen ich für die antisexistische Plattform zusammenarbeitete, hatten bereits eine gewisse Reichweite. Ich fragte sie nach Tipps, ließ mir Ratschläge geben und setzte sie dann um, auch wenn ich sie manchmal falsch verstand. Als ich einen migrantischen Publizisten in Deutschland fragte, wo ich anfangen soll, wenn ich in deutschen Zeitungen Texte veröffentlichen möchte, sagte er mir, ich solle es zuerst bei kleinen linken Redaktionen probieren. Ich schrieb dann einer kleineren linken Zeitung und bot einen Text an, allerdings gleich dem Chefredakteur. Als er sich nicht zurückmeldete, was ja auch klar war, schrieb ich nochmal eine Mail. Wie dreist, oder? Ich hätte euch so gern gesagt, dass ich es heute natürlich geschickter machen würde, aber Geschicktheit zählt nicht gerade zu meinen Stärken. Am Ende geschah ein Wunder und er meldete sich zurück. Er wollte den Text tatsächlich haben. In dieser Zeitung hatte ich meine ersten beiden Veröffentlichungen. Dreistigkeit gewann. Der erste dieser Texte musste von einem Redakteur komplett neu geschrieben werden. Er tut mir bis heute leid.
Dass Dreistigkeit gewinnt, musste ich früh lernen. Ich war vielleicht zehn oder so und spielte mit meiner ungefähr gleichaltrigen Cousine in der Wohnung eines älteren Cousins. Ich habe halt viele Cousinen und Cousins. Als die Frau meines Cousins uns fragte, ob sie uns Pizzen aufbacken solle, lehnte ich ab, obwohl ich Lust hatte. Meine Cousine sagte dreist ja und bekam eine Pizza. Ich durfte ihr dann beim Essen zugucken. Ab dann wusste ich: wenn du etwas haben möchtest, musst du es halt sagen.
Die Tweets und Blogartikel trugen 2016 endlich Früchte. Ich erhielt eine Nachricht von der taz-Redakteurin Fatma Aydemir, die ich bis dato nicht persönlich kannte, deren Arbeit ich aber sehr schätzte. Sie bot mir eine freie Mitarbeit bei der taz an. Ich konnte es nicht fassen, weil es einfach zu schön war, um wahr zu sein. Im selben Jahr veröffentlichte ich dort meinen ersten Text. Das war das erste Mal, dass ich für einen Artikel bezahlt wurde.
Als Aktivistin ist es so gut wie unmöglich, in der deutschen Medienlandschaft ernstgenommen zu werden. Das Wort „Aktivist*in“ wird sogar ausgrenzend verwendet: „Wir sind doch keine Aktivisten – wir sind Journalisten!“ sagen viele in den Redaktionen. Das soll bedeuten, dass Aktivist*innen nicht objektiv sein und dadurch nicht berichterstatten können, Journalist*innen hingegen schon. Das ist natürlich Unsinn. Kein Mensch kann objektiv sein.
Als Nicht-Muttersprachlerin ist es auch sehr schwierig, als Autorin Fuß zu fassen. Die Arbeit dauert einfach länger und dir wird die Fähigkeit, in deiner zweiten oder dritten Sprache Texte verfassen zu können, ständig abgesprochen. Aber es gibt auch wunderbare solidarische Menschen wie Fatma Aydemir und viele andere, die nicht nur reinkommen und hinter sich die Türe schließen, sondern diese aufhalten und anderen dabei helfen, auch reinzukommen.
In Deutschland ist es also nicht für alle gleich leicht (oder gleich schwer), Gehör zu finden. Es ist vor allem dann schwer, wenn du hier fremd bist, kein Netzwerk hast und Themen behandelst, die zwar ständig Teil deines Lebens sind, aber von der weißen Mehrheitsgesellschaft, die in den Medienhäusern überwiegend vertreten ist, als nebensächlich angesehen werden. Also ich dachte immer: ich muss ganz laut schreien. Ich muss unangenehm sein. Ich muss provozieren. Ich muss auffallen. Ich habe keine Wahl. Ich werde sonst nicht gehört. Weil sich niemand interessiert.
Mein erster Text auf Deutsch ist jetzt also sechs Jahre alt. Seitdem habe ich nicht mehr aufgehört zu schreiben (und zu schreien). Manche meiner Texte waren nicht gut genug, veröffentlicht zu werden und wurden abgelehnt, andere wurden veröffentlicht. Nicht alle haben es in dieses Buch geschafft.
Im Laufe der Zeit habe ich meinen Plan, nach Dalmatien zu ziehen, um dort meinen eigenen Laden aufzumachen, fast schon vergessen. Heute ist dieser Plan nichts Weiteres als eine diffuse Erinnerung.
***
In „Hallo, hört mich jemand?“ findet ihr Kolumnen und Kommentare, die bisher bereits veröffentlicht worden sind, mit einer Ausnahme („Für immer verpeilt“ wurde nicht veröffentlicht, sondern für eine Bewerbung geschrieben.) Außerdem habe ich drei Folgen von meinem Podcast „Scharf mit alles“ mit aufgenommen. Alle Texte habe ich für dieses Buch überarbeitet, mal hier einen Kontext hinzugefügt, mal da einen neuentdeckten Grammatikfehler korrigiert. Die Texte in diesem Buch sind teilweise über tagesaktuelle Themen, die bei der Veröffentlichung des Buches nicht mehr so aktuell sein dürften. Andere sind sehr persönlich und autobiografisch. Manche sind selbstironisch, manche wütend, manche sind moderater, andere wollen nur pöbeln. Alle sind direkt. Alle sind ehrlich.
Ich nutze ein Gendersternchen. Weil Geschlechter über Mann und Frau hinausgehen. Wo das nicht möglich ist, versuche ich durchzukommen, indem ich geschlechtsneutrale Begriffe verwende. Ich habe versucht, die Texte thematisch klar zu trennen und zu sortieren, aber es gelang mir nicht. Themen, die ich in meinen Texten behandele, also Rassismus, Sexismus, Klassismus und virtuelle Gewalt, greifen in der Regel ineinander und sind daher nicht immer gut zu trennen. Oft erwähne und problematisiere ich mehrere Aspekte gleichzeitig. Ich entschied mich trotzdem, sie in getrennten Kapiteln unterzuordnen.
Читать дальше