Dann stießen sie mit einem kleinen Glas Sauternes an, den ihnen der Wirt des Hotels Boston geschenkt hatte.
Mittelamerika und der größte Teil Südamerikas gehörten zu Spanien. Humboldt wurde eine Audienz beim König gewährt, der sich damals in Aranjuez aufhielt.
Der Monarch empfing ihn, während er gerade dem Hofmaler Francisco de Goya saß. Uninteressiert und gelangweilt gestand er ihnen alles zu, worum sie baten.
Als Humboldt Aranjuez verließ, führte er in seinem Portefeuille zwei Pässe und eine Empfehlung an alle Verwaltungsinstanzen von Spanischamerika mit, die verfügte, dass diese die Entdeckungsreisen der beiden Naturforscher in jeder Weise unterstützen sollten.
Von dort aus machten sie sich auf den Weg nach A Coruña.
Sie fielen immer wieder auf. Die beiden waren stets zusammen, redeten unverständliches Zeug, und es folgten ihnen drei Kutschen mit den seltsamsten Gepäckstücken.
Von ferne gesehen, wirkten sie wie zwei Irre auf der Flucht. Nicht einmal die Straßenräuber belästigten sie.
An den heiteren Tagen übernachteten sie im Freien, unbehelligt von den Flöhen der Herbergen.
Nie tranken sie Wein oder spielten Karten.
Man sah sie auf dem Turm einer Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Sie beobachteten die Landschaft mit einem Fernglas.
Meist war es so, dass der Ältere sprach und der Jüngere, der mit dem dunkleren Teint, zustimmte.
Wenn es Abend wurde, suchten sie eine Erhebung auf. Sie legten die Jacken ab und schauten sich den Sonnenuntergang an, der in jenen Breiten langsam und melancholisch vor sich ging.
Wenn die Nacht anbrach, schüttelte der Wind die kriechenden Pflanzen, die dort gediehen, durch. Sie hoben den Kopf. Wer als erster den Abendstern sah, zeigte ihn dem andern.
Sie wurden in Santiago de Compostela gesichtet. Sie streiften durch die Straßen der Stadt.
Freundlich lehnten sie wiederholt die Einladung, die Kathedrale zu besichtigen, ab. Sie verabscheuten den katholischen Aberglauben.
Sie erreichten den Hafen von A Coruña.
Schließlich sahen sie das Schiff. Die Fregatte Pizarro der spanischen Flotte, einen Dreimaster. In einer Woche sollte sie für die Überfahrt nach Kuba Anker lichten. Kuba war spanisches Territorium. Es lag in Amerika.
Humboldt betrachtete die Fregatte misstrauisch.
„Unter anderen Umständen würde ich ein Schiff mit dem Namen dieses blutrünstigen Mannes nicht betreten.“
„Nun, ich meinerseits mache mir Gedanken über die Solidität des Schiffsrumpfes“, antwortete Aimé Bonpland.
Drei Monate vorher.
Es war eine laute Stimme.
Sie hallte im Sitzungssaal der Académie nach.
„Der Brazo Casiquiare oder Canal Cassiquiare oder, wie immer er heißen möge, ist eine physische, hydraulische und geographische Chimäre. Von einer Verbindung zwischen dem Becken des Orinoco und dem Rio Negro, einem Nebenfluss des Amazonas, zu reden ist außerdem Unsinn, auch wenn dies von unserem Mitbruder La Condamine vorgetragen wird. Dass sich ein Fluss durch einen seiner Nebenflüsse mit einem anderen Fluss verbindet, ist eine weitere Lüge der katholischen Missionare. Nicht zufällig stammt sie von den reaktionären Mönchen des spanischen Königreichs, den schlimmsten von allen, denjenigen, die die Inquisition zu verantworten haben, welche die kreativsten Persönlichkeiten ihrer Zeit auf den Scheiterhaufen gebracht haben. Die Behauptung, man könne auf dem Flussweg von der Karibik zur Amazonasmündung fahren, ist eine Beleidigung der Intelligenz. Es gibt nichts dergleichen in der Welt.“
„Ich verabscheue die Mönche“, murmelte Humboldt während des Applauses, „aber es gibt Hinweise für die Existenz des Casiquiare-Flusses, und zwar nicht nur in den Äußerungen der Mönche und von La Condamine. Wir werden ihn entdecken.“
In der Straße packte Humboldt unter demselben Regenschirm Aimé Bonpland am Arm und hielt seinen Schritt auf.
„Es ist doch natürlich, dass zwei große hydrographische Becken miteinander verbunden sind. Da geschieht etwas Vergleichbares wie bei dem Experiment mit den kommunizierenden Röhren, das man in der Schule durchnimmt.“ Er sah Aimé Bonpland an. Sein Lächeln verriet, dass er ihm etwas enthüllen wollte. „Sie werden sich fragen, was das mit dem Zweck unserer Reise zu tun hat. Ich antworte Ihnen darauf: ‚Vielleicht nichts!‘ Aber es wird eine hervorragende Werbung.“
Der Regen lief ihm über das Gesicht wie Wasser über Porzellan.
Sie befanden sich im Heckkastell der Fregatte Pizarro mit Kurs auf Kuba.
Es wurde Abend. Aimé Bonpland beobachtete, wie ihm Europa aus den Augen schwand. Der Herkulesturm leuchtete über A Coruña, das Leuchtfeuer brannte.
Die Luft wurde langsam kühl.
Der Nordostwind sicherte ihnen eine ansehnliche Geschwindigkeit für den Fall, dass sie englischen Kriegsschiffen entkommen müssten.
Der Seegang war so stark, dass er sich beim Gehen festhalten musste. Mit jeder Welle kam eine Wolke von Gischt, welche die Kleidung durchnässte. Schon bald war es Nacht.
Aimé schrieb in sein Tagebuch in der Kabine, die er mit Humboldt teilte: „Der Reisende sieht nicht das Ganze, sondern die Einzelheiten seiner unmittelbaren Umgebung. Zudem beurteilt er sie nach seinen eigenen Interessen und Leidenschaften. Objektiv zu sein ist die geringste seiner Tugenden.“
Er bemerkte, dass Humboldt hinter ihm stand. Dieser legte ihm die Hand auf die Schulter. Er las, was darauf folgte:
„‘Ich werde also unvollständig und subjektiv sein.‘ Ich verstehe, Aimé. Subjektivität und Unvollkommenheit sind die einzige Möglichkeit, etwas zustande zu bringen, was im Gedächtnis der Menschen überdauern wird. Sie denken an die Nachwelt, an etwas, das nach Ihnen kommen wird?“
Aimé Bonpland wandte sich zu ihm um.
„Nein, Ich verstehe nicht, warum Sie diese Frage stellen, Alexander. Ich bin zu jung, um daran zu denken.“
„Nehmen wir dieses Schiff! Alle außer uns beiden sind hier um eines unmittelbaren Nutzens willen. Niemand denkt an die Nachwelt.“
Es war tiefe Nacht. Europa lag hinter ihnen.
Die flackernden Lichter am Horizont waren die letzten Signale, die vom Festland ausgingen. Die große Flamme des Leuchtfeuers auf dem Herkulesturm war noch immer beeindruckend. Nach einiger Zeit wurde auch diese schwächer und hörte auf zu scheinen, der Nebel verschlang sie.
Vor ihnen lagen der Geruch der Meeresluft und der Atlantische Ozean, in dichter Finsternis.
An den Tagen mit starkem Wind hörte man die Takelage zwischen den gewachsten Masten knarren.
Der Bug senkte sich bis ins Meer hinab. Das Wasser schoss über das Deck, floss bis zum Heck und in den Laderaum. Dann hob sich der Bug wieder, bis das aufgewühlte Wasser Regenbögen aufleuchten ließ, die sich in bunte Teile auflösten.
Humboldt maß die Temperatur und die Luftfeuchtigkeit, die Wassertemperatur, den Luftdruck, die Stellung der Sterne und die Position des Schiffes nach Längen- und Breitengrad.
Man sah ihn auf das Deck steigen, gleichgültig gegenüber Seegang und Seekrankheit. Er war unermüdlich. Niemand tat es ihm gleich, aber es beneidete ihn auch keiner; hinter dieser eisernen Gesundheit musste etwas Furchtbares stecken.
Es war eine schwüle Nacht, die einen Sturm ankündigte.
Schlaflos ging Aimé Bonpland an Deck. Humboldt bemerkte ihn und machte ihm ein Zeichen, langsam zu kommen. Er legte den Finger auf die Lippen.
Aus der Ferne beobachtete sie der Steuermann.
Leicht hob Humboldt den Finger vom Mund, zeichnete das Segment einer Ellipse und zeigte nach oben zur Spitze der Masten.
Da waren sie: In einer verwirrenden Choreographie flogen weiß-bläuliche Lichter von einem Mast zum anderen, verschmolzen miteinander, tanzten, zitterten, bildeten Knäuel, die herumwirbelten und sich wieder auflösten, um sich dann wieder zu verschlingen. Sie hielten inne und pulsierten. Dann nahmen sie ihren Tanz wieder auf, in einer unaufhörlichen, sich ständig verändernden Bewegung. Aimé Bonpland kannte sie. Es waren die Elmsfeuer.
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