»Meine Kindheit hat nichts mit meiner Mission zu tun«, erwiderte ich mit aller Härte, zu der ich noch fähig war. »Ich habe einen Auftrag, und ich gedenke, ihn zu erfüllen. Hundertdreißig eurer Kinder sind verschwunden, alle auf einen Schlag. Wie viele sind übrig geblieben? Zehn oder fünf? Vielleicht keines?«
Einen kurzen Augenblick lang sah es aus, als rege sich etwas in diesen Gesichtern aus erstarrtem Hass und trotziger Wut. Doch falls da wirklich etwas gewesen war, so verschwand es binnen eines einzigen Herzschlages.
»Der Rattenfänger nahm unsere Kinder mit sich, und sie sind nun an einem besseren Ort als diesem dunklen Loch.« Immas Augen verengten sich; Zorn loderte in ihnen. »Keine hier wird dir eine andere Antwort geben. Sie können es nicht, denn was ich sage, ist die Wahrheit. Und nun geh! Geh endlich!«
Ein Raunen ging durch die Menge, als sei jedes ihrer Worte eine geheime Losung, eine Aufforderung zum Angriff. Einige der Frauen erhoben sich langsam von ihren Hockern. Ihre Gebärde unterstrich die Drohung in Immas Worten, stärker als eine gezogene Klinge es vermocht hätte. Entgegen meines Vorsatzes verspürte ich Angst.
Noch einmal machte ich den Versuch, die Lage zu entspannen: »Ich bin hier, um euch zu helfen und die Schuldigen ihrer gerechten Strafe zuzuführen.«
Imma lachte auf, ein hoher, grauenvoll schriller Laut, der die Luft durchschnitt wie ein Pfeil. »Gerechtigkeit, Ritter Robert? Was ist mit deiner eigenen gerechten Strafe?«
Ich blickte ihr direkt in die Augen und sah Wissen darin, ein Wissen viel schlimmer als jede Waffe. Vor Fäusten und Krallen mochte mich mein Dolch bewahren, doch nichts konnte die entsetzliche Macht der Vergangenheit zerschlagen, die aus diesen Augen über mich kam wie eine Heerschar vergessener Geister. Die Erinnerung übermannte mich mit all ihrer Macht, ich fuhr herum wie vom Blitz getroffen, riss die Tür auf und rannte ins Freie. Panik trieb mich voran, rasend schnell durch fremde Gassen, fort von diesen Augen, fort von dem, was sie wussten.
Ich erreichte die Grenze der kargen Bauwüste, fast blind vor Grauen, stolperte vorwärts über Stege aus Balken und Brettern, schwankend auf zähem Morast. Eine Wand aus Holz und Stein wuchs vor mir in den grauen Himmel, ich umrundete sie und sank in den trügerischen Schutz ihres Schattens. Hingehockt, die Knie fest an die Brust gezogen, blieb ich sitzen, lauschte dem Grollen fernen Donners und dem Flüstern des Regens auf tiefschwarzen Pfützen.
Eine rohe Stimme riss mich schließlich aus traumloser Gleichgültigkeit.
»He, du! Verschwinde!«
Vor mir stand, aufgestiegen aus der Tiefe eines Moors, ein riesiger Mann, über und über mit Schlamm bedeckt. In einer Hand hielt er einen schweren Hammer. Seine Stimme war kraftvoll und bestimmt. Ich blinzelte zu ihm auf und erkannte, dass es sich um einen Steinmetz handeln musste.
»Was hast du hier zu suchen?«, fragte er.
Hinter ihm erschienen weitere Männer, vier an der Zahl. Sie wirkten mir kaum weniger kräftig als der erste.
Ich stemmte mich rücklings an der Mauer auf die Beine und bemühte mich, so gelassen wie möglich zu wirken. Falls mir dies gelang, schien es die Tagelöhner nicht zu beeindrucken.
»Er hat dich was gefragt«, brüllte einer aus dem Hintergrund.
»Du bist nicht von hier«, stellte ein anderer fest.
»Seht euch den Dolch an«, rief ein dritter.
Der Steinmetz beugte sich vor und starrte mir ins Gesicht. »Wer bist du?«, fragte er.
»Robert von Thalstein«, erwiderte ich wahrheitsgemäß, ehe mir schlagartig die Erkenntnis kam, dass dies ein Fehler sein mochte. Wahrscheinlich war auch mein Name – mein neuer Name – längst allseits bekannt.
Zu meiner Erleichterung schienen die fünf Männer ihn jedoch zum ersten Mal zu hören. »Was tust du hier?«, fragte der Steinmetz, offenbar Wortführer des kleinen Bautrupps. »Niemand darf die Baustellen betreten, solange hier gearbeitet wird. Anweisung des Vogts.«
»Das wusste ich nicht.« Einen Augenblick lang erwog ich, mich als Ritter des Herzogs zu erkennen zu geben, dann aber verwarf ich den Gedanken. Im Genitium hatte wenig gefehlt, und die Frauen hätten sich mit bloßen Händen auf mich gestürzt. Nicht auszudenken, was diese Kerle mit ihren Werkzeugen anstellen mochten.
»Du hast meine Frage noch nicht beantwortet, Kerl«, donnerte der Steinmetz. »Was hast du hier zu suchen?«
»Ich habe mich ... verirrt«, erwiderte ich matt. »Lasst mich gehen, und ich will euch nicht weiter von Eurem Tagwerk abhalten.«
»Unsere Arbeit ist für heute getan«, sagte der Anführer. »Es dämmert schon.«
Großer Gott, wenn das die Wahrheit war, dann musste ich mehr als den halben Tag hier verschlafen haben. Der Himmel hatte die Farbe verschimmelten Brotes angenommen, ein schillerndes Graugrün. Der Regen fiel ohne Unterlass. Plötzlich hatte ich nur noch den brennenden Wunsch, mich auf den Weg zurück zur Herberge zu machen.
»Wie kann man sich hierher verirren?«, fragte einer der Tagelöhner zu Recht. Hameln war nicht groß, und von hier aus waren die Hütten des Dorfes im Norden wie auch die Häuser der Reichen im Süden nicht zu übersehen. Ganz zu schweigen vom Turm der Marktkirche und den Holzzinnen der Mysterienbühne.
»Gib du ihm die Antwort«, sagte der Steinmetz und wies mit dem Hammer auf meine Brust.
Da traf ich eine Entscheidung.
Mit gehöriger Schnelligkeit packte ich den Hammer mit beiden Händen, doch statt ihn dem Mann zu entreißen, stieß ich das Werkzeug nach hinten – dem anderen in den Magen. Mit einem Aufschrei krümmte er sich zusammen und stieß einen Schwall wilder Flüche aus. Die übrigen vier sprangen nach vorne und griffen nach mir, doch ich entging ihren zupackenden Händen mit einem gewagten Sprung aus dem Schatten der Mauer, mitten in eine gewaltige Schlammpfütze abseits der Holzstege. Verwünschungen brüllend setzten sie mir nach, einer nach dem anderen landete unter peitschenden Schlammfontänen im Dreck. Der Morast saugte an meinen Stiefeln, trotzdem gelang es mir, nach vorn zu springen. Links und rechts von mir schossen fette Ratten aus den Fluten und brachten sich vor Füßen und Schreien in Sicherheit. Ich erreichte ein Brett und balancierte darauf entlang eines schmalen Erdwalls zwischen zwei mit Wasser gefüllten Baugruben. Als die Männer es mir gleichtaten, rutschte prompt einer von ihnen ab und landete mit ausgebreiteten Armen im Brackwasser.
»Jetzt erkenne ich ihn«, brüllte einer. »Es ist der Ritter. Der Ritter des Herzogs.«
Darauf verdoppelten sie ihre Anstrengungen, meiner habhaft zu werden. In einigen Bauruinen zu beiden Seiten des wirren Netzes aus Fußbrettern reckten sich weitere Köpfe aus Fenstern und Gruben. Einige Männer ließen von ihrer Arbeit ab und nahmen gleichfalls die Verfolgung auf. Sie alle schrien Flüche und Drohungen, und nur ein Wunder mochte verhindern, dass andere Tagelöhner, die sich noch irgendwo vor mir befanden, meinen Weg versperrten.
Tatsächlich gelang es mir, trockenen Boden zu erreichen. Eine schmale Schotterstraße führte am Ufer entlang und verband den Stiftsbezirk mit dem Dorf. Zweihundert Schritte weiter nördlich erkannte ich das Genitium. Genau vor mir lag der Fluss.
Es blieb keine Zeit zu zögern. Schritte und Rufe in meinem Rücken kamen immer näher und mehrten sich auf Besorgnis erregende Weise. Ich hatte vor der Hinrichtung des Ketzers erlebt, zu welcher Grausamkeit das Volk fähig war, und hegte keinesfalls den Wunsch, das erbärmliche Schicksal des Mannes zu teilen.
So sprang ich mutig voran in den Fluss und versank. Die wilde Jagd hatte mir den Atem genommen, und schon nach Augenblicken musste ich erneut auftauchen, um Luft zu holen. Da sah ich sie am Ufer stehen, zehn, fünfzehn Mann, mit grimmigen Mienen, Hämmer und Hacken in Händen haltend, bereit, mir sofort den Garaus zu machen. Zu meinem Glück verbargen mich Wellen und die anbrechende Dunkelheit vor ihrem Zorn. Ich tauchte sogleich wieder unter und schwamm unter Wasser nach Norden.
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