Ich wandte meinen Blick auf die Wand über dem Bett. Das Kruzifix hing inmitten des Schattengewebes, umsponnen von seidiger, kraftvoller Schwärze.
Am Morgen erkundigte ich mich bei der Wirtin nach dem Weg zum Genitium, der Tuchweberwerkstatt am Weserufer. Ich würde den alten Dorfbezirk durchqueren und ein Stück am Fluss entlang nach Süden gehen müssen. Im Genitium arbeiteten nur Frauen, woben wollene Mäntel und Hemden. Ich hoffte, dort einige Mütter der verschwundenen Kinder zu treffen.
Nach einem Frühstück aus Brot und fetter Milch – weder Maria noch Dante zeigten sich – machte ich mich auf den Weg. Der Himmel war unverändert düster und schwer. Regen fiel ohne Unterlass und setzte die Gassen noch tiefer unter Wasser. Abfälle und stinkende Ausscheidungen, sorglos aus Fenstern und Türen gekippt, trieben in Pfützen und Rinnsalen dahin. Mit ihnen schwamm klebriger Fäulnisgeruch durch die Straßen.
Ich trug kein Zeichen meiner Ritterwürde am Leib, nur ein einfaches Hemd und Beinkleid, außerdem den Dolch. Alles andere hatte ich im Gasthaus zurückgelassen, mit dem Befehl an die Wirtin, sorgsam darauf Acht zu geben. Doch trotz aller Schlichtheit hob ich mich allzu deutlich ab vom einfachen Volk in seinen zerlumpten, knielangen Tuniken über stoffumwickelten Beinen. Immer wieder trafen mich finstere Blicke. Eisige Ablehnung schlug mir entgegen. Zweifellos hatte sich meine Ankunft längst herumgesprochen.
In den engen Gassen traten die Menschen zur Seite, wenn sie meiner gewahr wurden, doch war dies kein Zeichen von Ehrerbietung. Man mied mich, darüber konnte kein Zweifel bestehen, und mir fiel ein, was Graf von Schwalenberg gesagt hatte: »Hinter vorgehaltener Hand spottet das Volk über Euch.« Niemand lachte, aber mir war klar, was der Alte meinte. Glanz und Glorie des Rittertums waren dahin.
Gelegentlich versuchte ich, einen Blick in eines der armseligen Häuser zu werfen, doch die meisten Fensterläden waren wegen des Regens geschlossen. Als ich scheinbar beiläufig an eine offene Tür trat, um hineinzusehen, vertrat mir ein schmutziger Kerl mit wildem Bart den Weg. Er stützte sich auf einen rohen Holzknüppel und sah mich herausfordernd an. Ich verstand die stumme Drohung und wandte mich ab; nicht, weil ich den Streit mit ihm fürchtete, sondern vielmehr, um mir nicht noch mehr Feinde zu schaffen, als dies meine Herkunft allein für mich tat.
Am Flussufer wurde ich Zeuge einer Urteilsvollstreckung. Einem Dieb sollte die rechte Hand abgeschlagen werden. Einmal mehr offenbarten sich die seltsamen Herrschaftsverhältnisse in Hameln. Zwei Männer drückten den jammernden Verbrecher auf die Knie und hielten seinen Arm über einen Holzblock. Daneben stand ein alter Mann mit einem Beil, dessen Schneide er auf den Handknöchel des Diebes drückte. Zweifelsohne war dies der verrückte, herzogstreue Henker, den Schwalenberg erwähnt hatte. Ein weiterer Mann in der Kleidung eines bischöflichen Schergen holte in diesem Augenblick mit einem schweren Holzhammer aus und ließ ihn auf die stumpfe Seite des Beiles krachen. Dadurch trieb er die Schneide mit einem entsetzlichen Bersten durch den Knöchel des schreienden Diebes. Mit zuckenden Fingern stürzte die Hand in den Schlamm. Ein groteskes, grausames Schauspiel. Beide Seiten, Herzog wie Bischof, hatten das Urteil gemeinsam vollstreckt.
Ich ging weiter, passierte zum zweiten Mal unter den misstrauischen Blicken der Arbeiter das Hamelner Loch und gelangte schließlich zum Genitium.
Das Gebäude war ein lang gestreckter Fachwerkbau, dessen Hinterwand an den Fluss grenzte. Riesige Wasserräder drehten sich knarrend mit der Strömung. Über dem Eingang bemerkte ich ein Kreuz, an dem man fünf Borretschblüten befestigt hatte – schlichte Hausmannsmagie, die es Ehebrecherinnen unmöglich machen sollte, das Gebäude zu verlassen. Ich bezweifelte, dass die Tagelöhnerinnen Kreuz und Blüten aus freiem Willen angebracht hatten.
Ich trat ein und sah mich zwei langen Reihen von Webstühlen gegenüber, an denen Frauen lautstark damit beschäftigt waren, grobe Wolle zu Kleidung zu verarbeiten. Der Lärm zahlloser Gespräche war ohrenbetäubend. Die Frauen, vielleicht drei Dutzend, trugen einfache Kleider und hatten die Haare mit Tüchern hochgebunden. Die Luft war gesättigt von Feuchtigkeit und Schweiß.
Während ich mich noch umsah, übertönte plötzlich ein Ruf alle Gespräche und ließ sie verstummen:
»Seht!«
Im selben Moment wandten sich sämtliche Blicke in meine Richtung. Für endlose Herzschläge sagte niemand ein Wort. Alle starrten mich an, manche ausdruckslos, einige ablehnend. Das Surren der Webstühle brach ab, als alle Frauen auf einen Schlag ihre Arbeit ruhen ließen. Nur das Rauschen der Wasserräder an der Rückseite zerstörte die Vollkommenheit des Schweigens.
Etwas Merkwürdiges war mit diesen Augen, die mich aus allen Richtungen ansahen, als wollten sie mich kraft ihrer Blicke an die Tür nageln. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, was es war. Sie wirkten seltsam leblos, wie Perlen aus glasiertem Ton, unheimlich und leer. Die meisten dieser Frauen hätten ebenso gut tot sein mögen, seelenlose Körper, von den Wasserrädern in Bewegung gehalten, ihr Dasein allein von harter Arbeit bestimmt. Es war mehr als Unbehagen, das mich dastehen ließ wie versteinert, unfähig, mich zu regen; für einen Augenblick war es nackte, frostige Angst.
Schließlich gab ich mir selbst einen Ruck, suchte mir eine jener Frauen heraus, die mir am nächsten saßen, und sprach sie direkt an. Ich nannte meinen Namen und den meines Herrn – und wurde sogleich unterbrochen.
»Wir kennen dich, der du dich nun Robert von Thalstein nennst«, sagte eine der Arbeiterinnen und erhob sich von ihrem Platz. Es war nicht jene, die ich angesprochen hatte, sondern eine hagere, hoch gewachsene Frau mit spindeldürren Händen und knochigem Hals. Ihr Gesicht sah aus wie ein Stück alte Baumrinde, obgleich sie ihr dreißigstes Jahr schwerlich überschritten hatte.
»Wir kennen dich«, sagte sie noch einmal, »und wir wollen dich nicht in Hameln sehen. Geh zurück zum Hof deines Herzogs. Geh und komm nie wieder.«
Die Kälte in ihrer Stimme und die eisige Entschlossenheit ihrer Worte ließen mich für einen kurzen Moment in meiner Entscheidung schwanken. Wie sollte ich die Mission meines Herrn erfüllen, wenn mich schon einige Weiber schreckten? Ich tat also, als kümmerte mich nicht, was sie sagte, und entgegnete: »Ich bin wegen eurer Kinder hier. Es heißt, sie seien fort.«
Die Frau kam näher. »Du warst selbst einst ein Kind in Hameln, doch sieh dich nun an. Sieh, was aus dir geworden ist! Robert von Thalstein war nicht immer dein Name, nicht wahr?«
Da war etwas in ihren Bewegungen, das mich warnte. Eine unausgesprochene Drohung. Was würde geschehen, wenn sich all diese Frauen plötzlich auf mich stürzten?
»Wie ist dein Name, Weib?«, fragte ich mit betonter Ruhe.
»Ich bin Imma, die Frau des Hufschmieds. Ich spreche für diese Frauen, und ich sage dir: Wir wollen deine Fragen hier nicht, Ritter.« Das letzte Wort spie sie mir voller Verachtung entgegen.
»Was geschah mit euren Kindern, Imma?« Ich hätte Zorn spüren müssen über die Weise, wie sie mit mir sprach, doch zu meinem eigenen Erstaunen war da nichts als bohrende Unruhe.
Das Knochenweib hielt es noch immer nicht für nötig, mir Antwort zu geben, und ein Blick in die Runde versicherte mir, dass dies auch für die übrigen Frauen galt. Im Gegenteil – die Gleichgültigkeit in ihren Gesichtern wandelte sich mehr und mehr in Zorn. Ich begriff nicht, womit ich sie gegen mich aufgebracht hatte. War es wirklich nur mein Stand als Ritter im Gegensatz zu ihrer erbärmlichen Armut?
Imma stand jetzt nur noch zwei Schritte von mir entfernt, die Arme leicht angewinkelt, die dürren Finger zu Klauen gespreizt. »Erinnerst du dich noch an deine Kindheit in diesen Gassen?«
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