„Von meinem Großvater. Er war Soldat und davon überzeugt, dass alle Männer wissen sollten, wie man allein zurechtkommt.“
„Ich nehme an, dass das für einen Soldaten wichtig zu wissen ist.“
„Vielleicht auch für die Frau eines Soldaten“, sagte er mit scheuem Lächeln.
Wie sanft und freundlich Aidan doch war. Nicht so ein brutaler Mann wie dieser Kapitän Harris! Wenn man es zusammenzählte, hatte sie weniger als zwei Wochen mit Aidan verbracht. Wie gut hatte sie den Mann, den sie geheiratet hatte, wirklich gekannt? Wie viele ihrer Gefühle waren ein Produkt ihrer eigenen Wünsche und Träume?
Mit ihrem jungen Herzen hatte sie sich nach ihm gesehnt, sie hatte Angst um ihn gehabt, ihn betrauert und beklagt, aber dennoch kannte sie ihn kaum. Würde sie ihn heutzutage überhaupt wiedererkennen?
Sie klammerte sich verzweifelt an die Erinnerungen, in denen sie beide noch Kinder waren - obwohl das auch nur wenige waren. Sie konnte sich nicht länger an sein Gesicht oder seinen Geruch erinnern, ohne dass sie ein Bild von ihm sah, oder seine vier Briefe.
Wie naiv sie doch gewesen war! In den vergangenen vier Jahren hatte sie die gehobene Gesellschaft mit Abstand betrachtet und ihr wurde bewusst, dass sie vollkommen ahnungslos war, als sie geheiratet hatten. Wie auch immer, wenn sie die Gelegenheit gehabt hätten, sich täglich zu sehen und kennenzulernen, hätten sie es zweifelsohne durchgestanden.
Aber wie würde es sein, wenn sie ihn fände? Hatte er sich bewusst dagegen entschieden, zu ihr zurückzukehren? Etwas tief in ihrem Herzen sagte ihr, dass er nicht tot war, was sie noch mehr fürchtete, als wenn er es wirklich wäre.
Hör auf damit, schimpfte sie mit sich selbst. Du kannst nicht deine eigenen Gedanken gegen ihn vergiften. Dennoch , sagte ihr Verstand, du kannst der Sache auch nicht unvorbereitet entgegentreten . Was, wenn er entstellt oder verkrüppelt ist? Er würde nicht wollen, dass sie ihn so sähe. Vielleicht beging sie einen Fehler, aber es würde nicht richtig sein. Nein, sie musste endlich Frieden in ihrem Herzen haben. Jetzt war es zu spät, um umzukehren - sie war bereits mitten auf dem Ozean.
Anjou war froh, dass niemand wusste, dass sie verheiratet war. Sie war nicht davon überzeugt, dass viele es verstehen würden, falls sie zurückkam und nicht Trauer tragen würde, wo sie doch bereits ihre ganze Jugend mit Tränen und Trauer verbracht hatte. Es war ein Kampf zwischen Schuld und der Qual, den Aufmerksamkeiten charmanter junger Männer zu widerstehen, die ansonsten eine passende Partie für sie wären, während sie sich gleichzeitig fragte, ob es nicht sinnlos sei. Ihre Eltern hatten ihr die Ehe erlaubt, als sie ihnen keine andere Wahl gelassen hatte. Aber sie hatten sie schnell dazu ermutigt, ihr Leben wie gehabt weiterzuführen, als das Kriegsministerium ihn als im Kampf gefallen erklärte; speziell nachdem drei Jahre vergangen waren, in denen es keine Hinweise darauf gab, dass er in Gefangenschaft war.
Es erschien ihr immer noch unwirklich. Einerseits kam sie sich vor wie in einem Märchen aus einem ihrer Tagträume. Andererseits fühlte es sich an, als würde sie immer noch darauf warten, dass er zu ihr zurückkäme.
„Sie ist wirklich stur. Irgendwann muss ich schlafen“, sagte Edward, ohne dabei jemanden direkt anzusprechen.
„Wer ist stur?“, fragte Charles, obwohl er die Antwort schon wusste.
„Wir hatten jetzt Haferbrei zu jeder Mahlzeit. Wenn das so weiter geht, haben wir alle Skorbut, bevor die Reise zu Ende ist.“
„Dann solltest du meine Schwester um Hilfe bitten, obwohl ich keine Ahnung, wie gut sie sich eignet.“
„Noch nicht.“
„Bist du zufrieden damit, ständig Brei zu essen?“
„Lange genug, um zu sehen, wie du auf dem Boden kriechst.“
Charles lachte. „Das erinnert mich an unsere erste Woche in der Schule. Keiner wollte petzen, daher aßen wir eine Woche lang Haferschleim. Sie hatten es nicht gewagt, uns mehr davon zu geben, da sie Angst hatten, dass unsere Eltern davon Wind bekämen.“
„Damals war es lustig“, sagte Edward. „Ich brauche jetzt vernünftiges Essen.“
„Ich kann mich noch nicht einmal erinnern, was für ein Streich es war ...“, sagte Charles.
„Es war Gardiner. Er hatte Belchers Schubladen ausgeleert, nachdem Belcher ihn wegen eines Papieres schikaniert hatte, das er sich weigerte, für ihn zu schreiben. Und jetzt essen ich wieder seinetwegen eine Woche lang Haferschleim.“
„Tut mir leid, alter Junge, aber das kannst du ihm diesmal nicht anhängen. Das ist deine eigene Dickköpfigkeit.“
Edward grunzte.
„Du verlässt dich ziemlich stark darauf, dass Anjou kochen kann. Was, wenn sie die Küche in Brand setzt?“
„Sie kann kochen. Ich weiß es einfach.“
„Wie du meinst. Ich hoffe, dir fällt etwas ein, bevor die Vorräte schlecht werden.“
„Das hoffe ich auch.“
„Warum legst du dich nicht etwas hin? Du wirkst ausgezehrt.“
„Ich fühlte mich ausgezehrt. Ich glaube, ich werde mich ein wenig ausruhen. Das Meer ist im Moment ruhig genug.“
Anjou hörte ein Klopfen an der Kabinentür.
„Anj? Aufwachen!“, flüsterte Charles laut von der anderen Seite der Vertäfelung.
„Was gibt es, Charles?“, fragte sie, als sie die Tür öffnete, nachdem sie schnell einen Morgenmantel übergeworfen hatte.
„Er schläft endlich. Beeil dich.“
Sie griff nach ihrem Umhang und eilte ihm hinterher über den Niedergang und durch die Luke auf das Deck. Sie atmete so viel frische Luft ein wie nur möglich und streckte ihr Gesicht dem klaren Himmel und der Sonne entgegen.
„Das ist lächerlich“, sagte Charles, als er sie beobachtete.
„Vielleicht. Es ist eine Art Selbstschutz. Man könnte es eher aushalten, wenn es besseres Essen gäbe.“
„Stimmt. Man wartet förmlich darauf, dass es eine Meuterei gibt“, bemerkte er trocken.
„Meinst du, das Monster versteckt das gute Essen vor uns?“
„Ich ... ich ...“, stotterte Charles.
„Wir sollten gehen und nachsehen, solange er schläft“, sagte sie mit schelmischem Grinsen.
„Anjou, nein.“
„Wo ist die Küche“, fragte sie und ignorierte seine Warnungen.
Charles lachte.
„Was amüsiert dich?“, fragte Anjou. Sie sah sich auf dem Deck um und bemerkte die misstrauischen Blicke der Matrosen, die sie beobachteten, als sie in der Nähe des Vorderdecks standen. Sie ignorierte die Blicke und ging weiter, um einen großen Mast herum, stieg über Taue und Haken, hin zur Mitte des Decks.
„Es gibt keine Küche auf einem Schiff.“
„Woher soll ich das wissen? Bring mich zu dem Ort, wo das Essen zubereitet wird und die Nahrungsmittel lagern.“
Charles schenkte ihr ein schwaches Lächeln und wies sie mit dem Kopf an, ihm zu folgen. Das Schiff war größer, als sie es sich vorgestellt hatte, obwohl sich das Deck im Vergleich zu dem endlosen Meer klein anfühlte. Er führte sie eine weitere Leiter hinab, durch einige enge Durchgänge und in einen dunklen Raum, den er als Laderaum bezeichnete. Hier gab es eine unglaubliche Menge an Nahrungsmitteln in Säcken und Fässern und Anjou schnappte irritiert nach Luft.
„Ich kann es kaum glauben“, rief sie aus. „Warum bekommen wir zu jeder Mahlzeit Haferschleim?“
Charles zuckte die Schultern. „Ich nehme an, du könntest ihn das selbst fragen.“
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