Bewegen (Leib und Bewegen)
Damit wird den Beteiligten im Krisen-Lehr-Lern-Prozess ein methodisches „Rüstzeug” an die Hand gegeben um „überleben zu lernen, und das ist wesentlich.” (Burgheim, S. 247)
Ein Beispiel: Das „Apallische Syndrom”
Ein Fallbeispiel
Im so genannten „Wachkoma”(=„Apallisches Syndrom”) befindet sich der Patient in einem schlafähnlichen Zustand, hält aber die Augen offen. Ursachen für diesen Zustand sind mannigfaltig: Etwa ein Herzinfarkt, Schlaganfall, Unfall, Komplikationen in Verbindung mit einer Reanimation oder infolge eines Narkosezwischenfalls. Ca. 100.000 Menschen – so schätzt man – erleiden pro Jahr ein solches schweres Schädel-Hirntrauma in Deutschland (laut Angaben des Vereins „Dornröschen” in Bad Honnef).
In einer großen Regionalzeitung (Rhein-Zeitung, Koblenz vom 22.09.2001) wird folgender Fall beschrieben:
Willi Zeck, ein 57-jähriger Maschinenbauer, fällt bei Arbeiten „rund um sein Haus” plötzlich um. Er wird reanimiert, im Krankenhaus ein zweites Mal. Wie lange er unter Sauerstoffmangel gelitten hat, weiß seine Frau nicht. Die Ärzte versetzen den Patienten in ein künstliches Koma. Nach zwei Wochen atmet Zeck wieder selbst, aber das Bewusstsein erlangt er nicht wieder. Seine Frau ist dennoch optimistisch, schaut ihn immer wieder an und denkt: „Er muss doch gleich aufwachen.” Die Ärzte bleiben skeptisch, „ich müsste abwarten”, sagten sie. „Und sie wollten mir nichts versprechen, keine zu großen Hoffnungen machen.”
Gertrud Zeck lässt sich die Hoffnung nicht nehmen. Bis heute nicht. „So einfach geht das nicht.” Ihr Mann wird in die Akut-Rehabilitation nach Trier verlegt. Sein schlafähnlicher Zustand hält an. Mit geöffneten Augen starrt Willi Zeck zur Decke. Seine Frau sitzt jeden Tag neben ihm, stundenlang hält sie seine Hand. Und sie erzählt, erzählt. Von Tochter Sandra, vom neuen Haus. Von den Rechnungen, die endlich bezahlt sind, und dass das Geld sogar noch fürs Verputzen reichen wird. Gertrud Zeck muss sich erst daran gewöhnen, dass sie keine Antwort bekommt. Fragen stellt sie dennoch, und mit ihrem Mann vereinbart sie: „Wenn du ja sagen willst, dann mach die Augen ein Mal zu.” Als das funktioniert, ist die 46-Jährige endgültig überzeugt, dass ihr Mann im Wachkoma seine Außenwelt wahrnimmt.
… und die Meinung der Experten
Ein Experte, der Oldenburger Mediziner Andreas Zieger , wird in dem Artikel der Zeitung wie folgt zitiert:
„Bei Wachkoma-Patienten handelt es sich um lebende und empfindsame Menschen, deren Leben konsequent gefördert oder begleitet, nicht aber durch Maßnahmen zur Sterbehilfe beendet werden sollte. Menschen im Wachkoma sind weder unheilbar Kranke noch Sterbende oder gar (Teil-) Hirntote, sondern sie sind neurologisch (Langzeit-) Schwerstkranke. Ihre Behandlung, Förderung und Begleitung ist an den gleichen Kriterien zu messen wie der Umgang mit anderen chronisch Schwerstkranken oder Schwerstbehinderten.”
Die Sprache der Sterbenden
Die Beschäftigung – eben auch nonverbal – mit der „Sprache der Sterbenden” setzt voraus, dass sich die Begleitenden die Zeit und die Ruhe nehmen, um genau hinzusehen, hinzuhören und sich in den sterbenden Menschen hineinzufühlen (Klessmann, 1994).
Demnach können sprechunfähige Menschen durchaus noch sehr wahrnehmungsfähig sein und sind auf vielfache Weise noch zu erreichen.
Klessmann (1994. S. 171) führt dazu aus:
Wahrnehmungsfähigkeit
„Hör-, Seh-, Riech- und Geschmackssinn sind mehr oder weniger intakt und natürlich kommen auch die Wahrnehmung von Hautkontakt, Mimik, Gestik, Zeichensprache und die Sprache der Berührung hier voll zum Zug. Krankenschwestern, die darin Erfahrung und Übung haben, berichten erstaunliche Dinge über die Differenziertheit, die in der Verständigung mit solchen Patienten möglich ist.”
Modulation der Stimme
Vor diesem Hintergrund ist es sinnvoll, wenn Menschen, die Sterbende begleiten, etwas über ihre eigene Mimik und Gestik sowie über ihre Stimme wissen. Ebenso wichtig ist es, dass sie wissen, was sie ausstrahlen und wie sie Zuwendung oder Ablehnung, Gleichgültigkeit oder Freude ausdrücken oder wie sie zu Schwerkranken oder Sterbenden sprechen: Wie klingt meine Stimme? Eher hart oder flüchtig oder warm? Wie rede ich mit einem Schwerkranken? Mache ich ihn zum Kind, oder rede ich mit ihm wie mit einem Erwachsenen?
Seit langem ist bekannt:
„Trost und Zuwendung heilen!”
Dies wird durch die Distanziertheit in der modernen medizinischen Versorgung, aber auch durch Routineabläufe in Krankenhäusern / Altenheimen allzu häufig verhindert.
Hilft Vertrauen heilen?
Ein großes Krankenhaus in Mecklenburg-Vorpommern firmiert seit kurzer Zeit unter dem Logo „Vertrauen hilft heilen!”. Dies tragen die Beschäftigten auch im Namensschild ihrer Dienstkleidung. Während dies dem einen allzu plakativ-aufgesetzt vorkommen mag, wird der andere daran vielleicht Gefallen finden und Zutrauen fassen.
So berichtet die Zeitschrift „Psychologie Heute” (04/1992, S. 41) über eine „Stanford-Untersuchung mit Brustkrebs-Patientinnen, die zusätzlich zur medizinischen Therapie an Selbsthilfegruppen teilnahmen”.
Demnach berichteten diese Frauen nicht nur von einem wesentlich verbesserten Befinden, sondern sie überlebten auch durchschnittlich 18 Monate länger als eine vergleichbare Kontrollgruppe, die ausschließlich in ärztlicher Behandlung war.
Beides muss zusammenkommen
Natürlich können Wärme, Akzeptanz, Zuwendung die medizinische Therapie und Diagnostik nicht ersetzen. Kombiniert und ganzheitlich kann beides aber ganz offentsichtlich deutliche Fortschritte im Heilungsprozess bewirken.
Und abschließend:
„Gesagt ist nicht gleich gehört, gehört ist nicht gleich verstanden, verstanden ist nicht gleich akzeptiert; diese Grunderfahrung professioneller Gesprächsführung weist darauf hin, dass Beraten mehr und anderes ist als Informationen weitersagen.” (Quelle unbekannt)
Wer sich mit dem Thema „Beratung” umfassend und allgemein beschäftigen will, sei auf die Zeitschrift „BERATUNG AKTUELL – Zeitschrift für Theorie und Praxis der Beratung” (Hrsg.: Sanders, R. Paderborn: Junfermann-Verlag) hingewiesen oder auf die wissenschaftliche Reihe „Beratung” (Hg.: Nestmann, F. & Thiersch, H., Band 1 – 7; Tübingen: dgvt-Verlag).
Wusstest Du schon?
Wusstest Du schon,
dass die Nähe eines Menschen
gesund machen,
krank machen,
tot oder lebendig machen kann?
Wusstest Du schon,
dass die Nähe eines Menschen
gut machen,
böse machen,
traurig und froh machen kann?
Wusstest Du schon,
dass das Wegbleiben eines Menschen
sterben lassen kann,
dass das Kommen eines Menschen
wieder leben lässt?
Wusstest Du schon,
dass die Stimme eines Menschen
einen anderen Menschen wieder aufhorchen lässt,
der für alles taub war?
Wusstest Du schon,
dass das Wort oder das Tun eines Menschen wieder
sehen machen kann,
einen, der für alles blind war,
der nichts mehr sah
in dieser Welt und in seinem Leben?
Wusstest Du schon, dass das Zeit-Haben
für einen Menschen mehr ist als Geld,
mehr als Medikamente,
unter Umständen mehr
Читать дальше