Supervisionsbrille
Die Supervisionsinhalte (Gesprächsinhalte) betreffen die Beziehungen des Personals untereinander und zu Führungskräften, des Pflegepersonals zu den Patienten und deren Angehörigen, zur Krankenhausorganisation und zur Gesellschaft und können dann durch die so genannte Supervisionsbrille betrachtet werden. Partnerzentrierte Gesprächsführung, Beratung und Supervision sollten in der Praxis der Sozial- und Gesundheitsberufe eine Selbstverständlichkeit sein. Sie ist kein Allheilmittel. Ihre Einführung im Krankenhaus, Altenheim, Hospiz ist aber ein humanistischer Ansatz, um die bestmöglichen Hilfen für Patienten und Personal bereitzustellen.
Sterbebegleitung – ein Kommunikationsproblem?
Sterbebegleitung ist eben sehr häufig auch ein Kommunikationsproblem. So ist es ein weit verbreiteter Irrtum, davon auszugehen, Schwerstkranke würden bereits lange vor ihrem Tod das Bewusstsein verlieren. Sehr viele Patienten – so zeigen Praxiserfahrungen und Untersuchungen immer wieder überzeugend – bleiben bis kurz vor ihrem Tod erreichbar, wenn auch nicht immer ansprechbar (etwa direkt-verbal, symbolisch-verbal oder auch in der Form einer „Symbolsprache” wie sie z. B. Inger Hermann (2000) unter dem bezeichnenden Titel „Die Koffer sind gepackt!” beschreibt).
Zentral bleibt gerade in diesen Phasen, dass sich der Sterbebegleiter auf die dem Patienten noch mögliche Art der Kommunikation einlassen kann und sie verstehen lernt.
Dies mögen z. B. Symbol- oder Traumsprache sein, die das Nacherleben von vielleicht Unaussprechlichem möglich machen, etwa durch Weiterassoziieren und -phantasieren oder die gemeinsame Suche nach Wort- oder Bildmetaphern, die Trost spenden und entlasten (Mennemann, 1998).
Die berühmte amerikanische Sterbeforscherin Elisabeth Kübler-Ross beschreibt solche Gleichnisse, Parabeln und Symbolsprachen (1990) sehr anschaulich anhand zahlreicher Fallbeispiele – auch unter Verwendung von Zeichnungen –, angefertigt in einer Lebenskrise. Bekannt wurde sie insbesondere einem breiten (Fach-) Publikum dadurch, dass sie die vielfältigen Phänomene des Sterbens bestimmten typischen Abschnitten zuordnet.
Zum Nutzen der Phasenmodelle
Aber – so schreibt Mennemann (1998, S. 256):
„Eine Orientierung an Phasenmodellen, dies sei noch einmal kurz wiederholt, ist in der Praxis wenig hilfreich, da die Phasen nicht deutlich nacheinander ablaufen. Allerdings sind ein Wissen um unterschiedliche Verarbeitungsphasen und daraus folgend unterschiedliche Interventionsstrategien wichtig.”
Biografiearbeit, Erzählstunden, kreative Verfahren können das Gelingen der Kommunikation mit Sterbenden sehr bereichern und erleichtern und dies ist nur in sehr geringem Ausmaß abhängig von der richtigen Wortwahl. Im Vordergrund steht die Konsequenz: Das Zusammenspiel verbaler und nonverbaler Ausdrucksformen (vgl. Axiom 3, Modelle und Grundlagen der Kommunikation).
Ein alter Grundsatz: Schweigen ist oft ausdrucksstärker als Reden
Und ein weiteres Axiom gab den Hinweis:
„Auch wenn verbale Verständigung versagt, besteht weiterhin Kommunikation: Gelebtes Schweigen ist oft ausdrucksstärker als Worte. Erst die innere Abkehr vom sterbenden Menschen führt ihn in die Isolation, nicht jedoch Schweigen oder Stille. Erlebnisformen der Stille können sein: Nähe (Verringerung des körperlichen Abstandes) und innere Anwesenheit, auditive Kommunikation (Töne, Lieder, Musik), Zuhören („Die meisten sterbenden Patienten möchten keine Antworten, weil sie wissen oder spüren, dass es auf die Geheimnisse des Todes keine Antworten gibt”), Blickkontakte (Kommunikation ist über Blicke möglich zwischen vertrauten Menschen), Körperkontakt (Streicheln), einfühlende Solidarität (vorbehaltlose Begegnung, Einbringen der eigenen ganzen Person…) (Mennemann, 1998, S. 260).
Der Körper als Kommunikationsträger
Schweigen und Zuhören sind gleichrangige zentrale „Sprachkompetenzen”, und es wird immer wieder in Theorie und Praxis der Sterbebegleitung völlig zu Recht auf den Körper, die Körpersprache, als wichtigen Kommunikationsträger hingewiesen.
Neben klassischen körperorientierten Methoden (wie Yoga, autogenes Training, progressive Muskelentspannung) treten in jüngster Zeit auch „Konzentrative Bewegungstherapie – KBT” (Hausmann & Neddermeyer, 1996) und „Focusing”.
Focusing
Dieses Focusing – so schreibt Agnes Wild-Missong in ihrem Vorwort zur deutschen Ausgabe 1981 des vom Begründer dieser Methode (des Chicagoer Psychologieprofessors Eugene T. Gendlin ) herausgegebenen Standardwerks – ist „als eigentlicher Prozess psychischer Veränderung eine Neuentdeckung. Es ist ein körperlich spürbar ablaufender Prozess, bei dem sich aus Körperempfindungen Sinngehalte ergeben. Dieser Prozess bringt ein Evidenzerleben mit sich, das demjenigen, der es erfährt, absolute Sicherheit vermittelt, das eigentliche Bedeutsame einer Sache gefunden zu haben. Dieses spezielle Sprechen-Lassen aus dem Körper, um die eigentliche Bedeutung eines Problems in evidenter Weise zu erfahren und zu erkennen, ist Focusing.” (S. 7)
Gefühle in Worte fassen
„Focusing wurde im Rahmen der klientenzentrierten Psychotherapie entwickelt. Carl Rogers , der Begründer der klientenzentrierten Psychotherapie, postuliert das empathische Verstehen, das wirkliche Zuhören-Können. Indem er sich in den Bezugsrahmen des Klienten versetzt, versucht Rogers , die Gefühlsbedeutung der Aussage eines Klienten zu verstehen und dem Klienten sein Verständnis mitzuteilen. (…) Wenn Rogers die Gefühle, die eine Aussage begleiten, widerspiegelt, lässt Gendlin die Aussage zuerst körperlich empfinden, bis aus der Körperempfindung die gefühlte Bedeutung spricht.” (S. 7/8)
Bereits diese prägnanten Formulierungen skizzieren den unschätzbaren Wert dieser professionellen Interventionsmöglichkeit: Hier wird das Körpererleben auch an Worte gebunden und eine ganzheitliche Kommunikation hergestellt, und damit tragen körperliche Entspannung und bewusstes Wahrnehmen eines Schmerzes zur psychischen Erleichterung bei; aktuelle Publikationensind beispielhaft folgende:
Cornell (1997); Feuerstein; Müller & Weiser-Cornell (2000), und zum Thema „Schmerzbewältigung”, „Umgang mit chronischen Schmerzen” liegt auch eine CD-ROM beim FZK (Focusing Zentrum Karlsruhe / Weingarten) vor.
Burgheim (1994) macht an sieben methodischen Gestaltungselementen – verbunden mit vielen Beispielen und Praxisbezügen – die Aufgaben eines „Lernhelfers” (so nennt er ihn) in der qualifizierten Begleitung von Sterbenden und Trauernden deutlich.
Burgheims Lehr-Lern-Prozess
Dazu bedient er sich folgender methodischer Elemente im Lehr-Lern-Prozess als Weg des Lehrens und Lernens (S. 167 – 251):
Verstehen (Sprache und Verstehen)
Hineinhören (Erzählung und Hineinhören)
Schreiben (Schreiben und Vorlesen)
Schauen (Bilder und Schauen)
Gestalten (Gestalten und Begreifen)
Berühren (Körper und Berühren)
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