Als Paulus 54 n. Chr. seinen Brief an die Römer schreibt, sind viele Judenchristen bereits zurückgekehrt. Der Gemeinde gehörten auch etliche Heidenchristen an. In Römer 16 grüßt Paulus 26 Personen und fünf Haushalte. Er kannte diese Menschen alle persönlich. Fast alle waren aus Gemeinden, die Paulus über die Jahre gegründet hatte.
Zu den uns vorliegenden Berichten passt es am ehesten, dass Paulus Priscilla und Aquila zurück nach Rom sandte, nachdem das Edikt des Claudius im Jahr 54 n. Chr. wieder aufgehoben worden war. Einen Beleg dafür könnte man darin sehen, dass Priscilla und Aquila Paulus bei der Gemeindegründung in Ephesus halfen. Vier Jahre bevor Paulus seinen berühmten Römerbrief verfasste, brachte er dieses bemerkenswerte Ehepaar nach Ephesus. Sie sollten dort seine Gemeindegründung, die er später in Angriff nahm, vorbereiten (Apg 18,18-19). Die Neutestamentler William Sanday und Arthur Headlam stellen fest:
Dass wir Prisca und Aquila in Rom finden, überrascht kaum angesichts des strategischen Weitblicks, den Paulus bei solchen Gelegenheiten erkennen lässt. Nachdem er in Ephesus Fuß gefasst hatte und sich nunmehr mit dem Gedanken trug, Rom zu besuchen, wurde ihm klar, welchen wertvollen Dienst sie dort leisten konnten und wie geeignet sie wären, seinen eigenen Besuch in Rom vorzubereiten, nachdem sie in seiner unmittelbaren Umgebung fast überflüssig geworden waren. So erscheint es geradezu selbstverständlich, dass er sie nach Rom entsandte, wo sie bereits bekannt waren. 24
Nachdem er Priscilla und Aquila nach Rom vorausgeschickt hatte, bat Paulus verschiedene andere Juden und Nichtjuden aus den verschiedenen Gemeinden, die er gegründet hatte, mit ihm nach Rom zu gehen. 25Was war sein Anliegen? Er wollte eine multikulturelle Gemeinde in der Weltstadt Rom gründen. 26
Paulus wollte das Evangelium in Rom verkünden und diese gerade verpflanzte Gemeinde als Plattform benutzen, um die Stadt zu erreichen. (Paulus kam zwar schließlich nach Rom, jedoch nicht wie geplant: Er erreichte die Stadt als Gefangener.) Die Christen in Rom stellten sich als großartige Gemeinde heraus – worum man sie im ganzen Imperium beneidete. 27
Diese Rekonstruktion der Ereignisse passt wesentlich besser zu den uns vorliegenden Daten als die Vermutung, das letzte Kapitel des Römerbriefes sei eigentlich Teil des Epheserbriefes und nur versehentlich dem Römerbrief angehängt worden. 28Sie macht auch mehr Sinn als die Vermutung, die 26 erwähnten Personen seien innerhalb eines Zeitraumes von nur drei Jahren mehr oder weniger zufällig nach Rom übergesiedelt. 29
In Römer 15,20 stellt Paulus klar, dass er es nicht als seine Aufgabe sah, eine Gemeinde auf dem von einem anderen Apostel gelegten Fundament zu bauen. 30Den Römern schreibt er, als wäre er ihr Apostel. In Römer 1,15 verspricht er, das Evangelium zu verkünden, sobald er in Rom angekommen sein würde. Verschiedene Experten auf dem Gebiet antiker Briefschreibung sind zu dem Schluss gekommen, Paulus habe die Gemeinde in Rom gegrüßt, um kundzutun, in welcher Beziehung er zu ihnen stehe, und um damit seine apostolische Autorität zu begründen. 31
Zusammengenommen machen alle diese Indizien glaubhaft, dass Paulus aufgrund „umgekehrter Verpflanzung“ der Apostel der Römer war. Das erklärt auch, wie Paulus all die Menschen kennen konnte, die er in Kapitel 16 grüßt. Damit entfällt die Notwendigkeit, Kapitel 16 vom übrigen Brief abzuhängen. Darüber hinaus stellt es uns eine weitere Vorgehensweise vor, Gemeinde Jesu Christi zu gründen.
Aus dem Neuen Testament wird deutlich, dass Gott es gut findet, wenn apostolische Arbeiter zusammen dienen, insbesondere zu zweit. Das ist im Neuen Testament zwar nicht überall der Fall, haben doch Paulus, Petrus, Timotheus, Titus, Epaphras und andere gelegentlich alleine gearbeitet. 32Allgemein gilt aber, dass Gottes Werk durch Menschen vorangebracht wurde, die zusammengearbeitet haben. 33Beachten Sie Folgendes:
• Die zwölf Apostel werden paarweise aufgezählt (Mt 10,2-4).
• Jesus sandte die zwölf Jünger zu zweit probeweise aus (Mk 6,7).
• Jesus sandte die zweiundsiebzig Jünger zu zweit aufs Missionsfeld (Lk 10,1).
• Lukas zählt die elf verbliebenen Jünger im Obergemach paarweise auf (Apg 1,13).
• Der Herr sandte seine Jünger oft zu zweit aus, um etwas zu erledigen (Mt 21,1; Lk 22,8).
• Petrus und Johannes haben zusammengearbeitet (Apg 3,1 ff.; 4,1.13 ff.; 8,14 ff.).
• Paulus und Barnabas arbeiteten zu zweit (Apg 13–15,35).
• Barnabas und Markus arbeiteten zu zweit (Apg 15,39).
• Paulus und Silas arbeiteten zu zweit (Apg 15,40).
• Paulus sandte die Männer zu zweit zum Dienst aus (Apg 19,22; 2 Kor 8,16-18).
Diese Beispiele sollten nicht als mechanisch zu befolgende Methode missverstanden werden. Vielmehr wuchsen die Arbeiter, die zusammen unterwegs waren, im gemeinschaftlichen Erleben organischer Gemeinde geistlich zusammen (Lk 22,8; Joh 20,2-3 u. Apg 3,1). Das gemeinsame Reisen war einfach der natürliche Ausdruck geistlichen Lebens.
Das Teamkonzept zeigt, dass christliche Mitarbeiter einander brauchen. Es bewahrt sie davor, zu selbsternannten Einzelkämpfern am Werk Gottes zu werden. Obwohl Teamarbeit dem biblischen Vorbild entspricht, erlebt man sie heutzutage nur selten. Ich persönlich finde, dass das ein großer Missstand und ein Armutszeugnis ist. Die Teamarbeit mag zwar mancherorts nicht möglich oder manchmal einfach nicht praktikabel sein, sie sollte aber wesentlich häufiger praktiziert werden, als es der Fall ist.
Eine Strategie für spontane Ausbreitung
Noch ein weiterer Aspekt paulinischer Gemeindegründungsstrategie scheint mir erwähnenswert. 34Paulus gründete Gemeinden hauptsächlich in Städten. Die ländlichen Gegenden ließ er meist links liegen und ignorierte die kleineren Ortschaften. 35Dagegen steuerte er die Hauptstädte an. Er wollte heimische Gemeinden in einflussreichen und bevölkerungsstarken Städten gründen.
Der Ausdruck Heiden (engl. heathen = Nichtchristen) leitet sich etymologisch von Landleute , Dorfbewohner , Bauern her (engl. heath = Heide, Acker, Feld).
Nur selten erwies sich das Christentum außerhalb antiker Städte als erfolgreich. Weil unser Glaube wesenhaft relational (beziehungsbegründet) ist, konnte die Gemeinde außerhalb des städtischen Milieus nur schwer Fuß fassen. In den Städten sahen sich die Christen täglich und konnten füreinander sorgen. Auf dem Land dagegen lebten die Gläubigen eher voneinander isoliert. Nur schwer konnten sie dort das „Miteinander“, das das Neue Testament betont, umsetzen. In der Folge entwickelte sich das Christentum zunächst zu einem hauptsächlich städtischen Phänomen.
Die Strategie des Paulus, Gemeinden eher in großen Städten zu pflanzen, geht allerdings über die Vorteile für das gemeinsame Leben hinaus: Das Evangelium sollte sich auch ganz spontan verbreiten können (1 Thess 1,8). Wenn eine organische Gemeinde gut funktioniert, wird sie die Verlorenen schon allein durch ihre Attraktivität anziehen. In der Großstadt, in der die Menschen oft nahe beieinander leben, ist so etwas gut möglich. Auf dem Land dagegen ist das viel schwieriger. Roland Allen schreibt:
Genau das meine ich mit „spontaner Ausbreitung“. Ich meine damit jenes Wachstum, das auf die nicht-verordnete und nicht-organisierte Aktivität einzelner Gemeindeglieder zurückzuführen ist, die anderen das Evangelium erklären, das sie selber für sich entdeckt haben. Ich meine damit die Ausbreitung als Folge einer unwiderstehlichen Anziehungskraft der christlichen Gemeinde auf Menschen, die deren geordnetes Leben sehen und von dem Wunsch ergriffen werden, das Geheimnis eines Lebens zu entdecken, an dem sie ganz instinktiv teilhaben möchten. Ich meine damit auch die Ausbreitung der Gemeinde durch das Hinzufügen weiterer Gemeinden. 36
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