»Wir haben lange überlegt, wer dein Lehrmeister werden soll, und uns für Melchior Bernbeck entschieden, da er keinen Lehrling hat und du sein Stiefsohn bist«, sagte Schlichting.
Simon schluckte, ließ sich aber seine Enttäuschung nicht anmerken. Dann verneigte er sich vor seinem Stiefvater und dankte ihm, dass er ihn in die Lehre nahm.
»Und nun lasst uns feiern gehen«, rief Melchior laut. Bernbeck hatte die Zunftmitglieder in den Gasthof ›Zu den drei Raben‹ eingeladen, um dort Simons feierliche Aufnahme zu zelebrieren. Das Gasthaus war das größte der Stadt und verfügte über riesige Stallungen, um die Pferde der Durchreisenden aufnehmen zu können. Hier gab sich die Welt die Klinke in die Hand, und man erfuhr die neuesten Nachrichten von den Treidelreitern, die die Schiffe von Mainz bis in den Würzburger Hafen brachten. Niemand sonst konnte so viel Platz für Rösser und Menschen bieten wie der Rabenwirt. Allerlei fahrendes Volk befand sich im Schlepptau der Treidler, und die Würzburger erfreuten sich an der Vielzahl der Spielmänner, Gaukler und Bänkelsänger, ganz zu schweigen von den hübschen Dirnen.
Wulf warf Simon einen scheelen Blick zu. Er hasste es, nicht im Mittelpunkt zu stehen. Ihm war solch ein Fest nicht vergönnt gewesen, er als Sohn eines Meisters hatte keine Aufdingung benötigt. Einerseits war es ihm recht gewesen, denn so waren ihm die Lehrjahre erlassen worden und mit sechzehn Jahren war er Bäckergeselle. Aber andererseits, angesichts der Zeremonie, die für Simon abgehalten wurde, packte ihn der Neid. Auf dem Weg nach draußen, um sich zu erleichtern, drängte er sich an Simons Platz vorbei und beugte sich zu ihm hinunter.
»Glaub bloß nicht, du wärst jetzt etwas Besseres, weil du in die Zunft aufgenommen wurdest, anstatt wie bisher nur als Handlanger in der Backstube zu arbeiten«, zischte er Simon zu.
Simon tat so, als hätte er ihn nicht gehört, und hob seinen Becher, um Stamitz zuzuprosten.
Der gute Wein aus Franken floss in Strömen, und das Gespräch drehte sich um die bevorstehende Fürstbischofswahl. Inzwischen waren auch die meisten Ehefrauen der Zunftmitglieder anwesend, die bei Simons Aufnahmezeremonie nicht hatten dabei sein dürfen.
»Ich setze auf den Domherren Erasmus Neustetter genannt Stürmer«, verkündete der Apotheker lautstark seine Meinung. »Er und kein anderer wird unser nächster Landesherr werden.«
»Seid Euch nicht zu sicher, Sterzing. Da wette ich doch lieber auf Albrecht Schenk von Limpurg. Er wäre der Richtige, um die beiden Glaubensrichtungen zu versöhnen, damit der Frieden in der Stadt gewahrt bleibt. Auch Wirsberg war dies immer wichtig«, wandte Schlichting ein.
»Limpurg ist ein kränkelnder Mann. Und wer wählt schon einen Mann zum Fürstbischof, der bald vor unserem Herrgott stehen könnte? Aber vielleicht wäre es an der Zeit, wenn wieder mehr Strenge geübt werden würde«, mischte sich Melchior ein. »Seht euch doch nur um. Es wird zu viel gesoffen und gehurt, das ist nicht gottgefällig. Selbst in den Klöstern schert man sich nicht um das Keuschheitsgebot, und die Nonnen und Mönche trinken mehr Frankenwein, als sie vertragen können.«
Stamitz, der dem Wein bereits ordentlich zugesprochen hatte, lachte und hieb sich auf die Schenkel. »Das sagst ausgerechnet du, Melchior? Du hast doch ständig deine Finger unter irgendwelchen Röcken!«
Simon erstarrte. Aufmerksam hatte er die Gespräche der Männer verfolgt. Stimmte, was Stamitz gerade behauptet hatte? War sein Stiefvater untreu und beging Ehebruch? Er war froh, dass seine Mutter nicht mit am Tisch saß. Sie war untröstlich gewesen, als der Arzt sie ermahnt hatte, wegen des Fiebers das Bett zu hüten und auf Simons Aufdingungsfeier zu verzichten.
Bernbeck winkte ab. »Unter die Röcke zu fassen, ist keine Hurerei, Stamitz, allenfalls holt man sich Appetit für das eheliche Schlafgemach«, lallte er und schenkte sich einen weiteren Becher voll.
Angewidert stand Simon von der Bank auf, warf seinen Mantel über und ging nach draußen, um frische Luft zu schnappen. An die Hauswand gelehnt betrachtete er den Unrat in den Straßen. Vielleicht wäre es tatsächlich gut für die Stadt, wenn jemand hier für Ordnung sorgte. Es wurde immer schlimmer, jeder kippte einfach seinen Dreck aus dem Fenster in die Gassen. Er hatte keine Lust mehr, wieder hineinzugehen, stieß sich von der Hauswand ab und schlug den Weg zur Lilien-Apotheke ein. Die Feier würde ohnehin bald zu Ende sein. In seiner Manteltasche tastete er nach den Kreuzern, die Anna ihm für ihre Arznei mitgegeben hatte.
Die Apotheke mit ihren kunstvoll gedrechselten Möbeln aus Walnussholz wirkte gediegen. Getrocknete Kräutersträuße baumelten vor den Fenstern, und die Schränke und Regale, auf denen in verschiedensten Holzstandgefäßen die Arzneien und Gewürze Platz fanden, reichten bis unter die Decke. Davor stand ein Tisch von beeindruckender Handwerkskunst, auf ihm eine Waage aus Messing mit unterschiedlichen Gewichten, ein steinerner Mörser mit Pistill und ein silbernes Tablett mit feinstem Marzipan. Simon spürte, wie ihm das Wasser im Munde zusammenlief.
»Junge, kann ich dir helfen?«
Die Frau des Apothekers war gerade vom angrenzenden Laboratorium in die Offizin gekommen. Dort wurden Destillationen durchgeführt und Salben hergestellt. Sie trug eine schneeweiße Tudorhaube, die ihr Haar vollständig bedeckte und ihre Haut dunkler erscheinen ließ.
Teresa Sterzing war die Tochter eines Kaufmanns, den ihr Gatte Konrad auf einer Reise nach Venedig kennengelernt hatte. Pietro Tardelli war ein liebenswerter Kerl, alle Zeit munter und fröhlich und redete ohne Unterlass. Konrad und er hatten sich auf Anhieb verstanden, und Pietro hatte den Apotheker eingeladen, Gast in seinem Hause zu sein, bevor dieser die Rückreise nach Würzburg antreten musste. Als Konrad Sterzing Teresa Tardelli zum ersten Mal gesehen hatte, war er der schwarzhaarigen, glutäugigen Schönheit gleich verfallen. Seine Familie hatte später die Nase gerümpft ob der etwas dunkleren Haut seiner Braut, doch Konrad hatte es nicht gekümmert. Pietro Tardelli hingegen hatte keine Einwände gehabt. Im Gegenteil, Teresa war das zwölfte von dreizehn Kindern, und jedes Maul, das er nicht zu stopfen hatte, war eine Erleichterung.
Simon fischte den Zettel des Arztes heraus, und Teresa streckte auffordernd die Hand danach aus, die Simon geflissentlich übersah.
»Gott zum Gruße. Meine Mutter ist krank«, antwortete Simon und las von dem Stück Papier ab. »Sie soll ein Elixier aus Weidenrinde, Lindenblüten und Sauerdornwurzel bekommen. Die Weidenrinde zur Hälfte, die beiden anderen Kräuter je zu einem Viertel.«
In den dunklen Augen der Apothekerfrau lag ein erstaunter sowie ein belustigter Ausdruck.
»Verzeih, ich konnte nicht ahnen, dass du des Lesens mächtig bist. Die meisten Jungen und Mädchen können es nicht. Nun, dann wollen wir mal sehen, ob wir den Trunk für deine Mutter bereiten können.« Sie drehte ihm den Rücken zu und angelte drei Gefäße aus den Regalen hinter sich. »Es dauert nicht lange, ich muss nur das Elixier zusammenmischen.«
Geschickt nahm sie die Glasflaschen und verschwand im Laboratorium. Simon ließ seine Augen umherwandern, murmelte dabei die Namen der Inhalte vor sich hin, die auf den Gefäßen prangten.
»Pfefferminzblätter, Rosenblüten, Süßholzwurzel, Ingwer, Kamille, Schafgarbe, Augentrost …«
»Suchst du was?«, unterbrach ihn eine glockenhelle Stimme.
Simon fuhr zusammen und drehte sich um. Ihm gegenüber stand ein Mädchen mit schwarzen Haaren und dunklen Augen, eindeutig die Tochter der Familie. Sie trug ein schlichtes blaues Kleid mit einem viereckigen Halsausschnitt, der mit weißer Spitze gesäumt war und ihren heranreifenden Busen erahnen ließ. Ihre Lippen besaßen die Farbe tiefroter Kirschen, und die langen Locken wurden durch zwei seitlich geflochtene Zöpfe, die am Hinterkopf zusammengebunden waren, nur mühsam gebändigt. Bisher hatten Mädchen Simon nur mäßig interessiert, doch dieses Mal war es anders. Sie war etwas Besonderes.
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