Julius stürmte los zum Forsthaus, das ganz in der Nähe des Schloss Mespelbrunn umgebenden Sees lag.
Wenig später kam er in Begleitung des Försters über die heruntergelassene Zugbrücke durchs Tor. Im Innenhof hatte Michel bereits den Hund auf eine alte Decke gelegt. Wortlos kniete sich Korbinian nieder, betastete vorsichtig die Wunde, die inzwischen zu bluten aufgehört hatte.
»Michel, besorg sauberes Leinen und verdünnten Wein, ich bin gleich wieder hier«, ordnete der Forstmeister an.
Julius blieb bei seinem Schützling, redete auf ihn ein und streichelte seinen Kopf.
Eiligen Schrittes kehrte Korbinian mit einem Beutel zurück. Er spülte die Wunde mehrfach mit Wein und entfernte das Fell um die Wundränder mit einem scharfen Messer, während Michel den Hund festhielt. Dann nahm er eine Salbe aus dem Beutel und trug sie auf die nun sichtbare rosafarbene Haut auf.
»Wofür ist das?« Julius schluckte, als er sah, wie Arkan zusammenzuckte und wieder zu winseln begann.
»Die Opiumsalbe nimmt Arkan die Schmerzen«, brummte Korbinian, ohne aufzusehen.
Nachdem er die Wunde mit einem Pferdehaar vernäht und eine kleine Öffnung gelassen hatte, damit später der Eiter abfließen konnte, bestrich er ein Leinentuch mit Honig, legte es auf die Wunde, nahm ein weiteres Tuch, faltete es geschickt und brachte einen Verband an.
»Ich nehme Arkan mit zu mir, damit ich ihn weiter versorgen kann. Er bekommt einen Lederkragen, so kann er sich den Verband nicht abreißen.«
»Wird er wieder gesund?«, fragte Julius mit trockenem Mund.
»Ich weiß es nicht, doch wenn er es schafft, ist er wahrscheinlich als Jagdhund nicht mehr zu gebrauchen«, erwiderte der Forstmeister missmutig.
Julius stand mit gesenktem Kopf vor seinem Vater im Jagdzimmer des Schlosses und weinte. Die ausgestopften Köpfe der erlegten Hirsche, Böcke und Keiler an den Wänden schienen anklagend auf ihn herunterzustarren.
»Hör auf zu weinen. Du enttäuschst mich, mein Sohn. Es war dir verboten, Arkan mit in den Wald zu nehmen, und trotzdem hast du es getan. Wenn er stirbt, ist es deine Schuld, nicht die des Keilers. Dem Herrn sei Dank, dass unser Forstmeister auch heilkundig ist und weiß, wie man verletzte Tiere behandelt. Doch trotz seiner Kunst liegt es allein in Gottes Hand, ob Arkan überlebt.«
Nachdem sein Vater ihn entlassen hatte, ging Julius zur Kapelle, die sich im kleineren der beiden Schlosstürme befand. Der Ballsaal im Erdgeschoss, durch den man zur Kapelle gelangte, war verlassen, worüber Julius froh war. Oft spielten er und seine Brüder dort Ball, wenn der Hauskaplan sie aus dem Unterricht entließ. Julius kniete sich in eine der Gebetbänke, auf deren hölzerner Front das Echterwappen prangte. Ein silberner Balken mit drei blauen Ringen, gekrönt von einem blausilbernen Helm, dessen Büffelhörner ebenso mit Ringen verziert waren. Das durch die Glasfenster fallende Sonnenlicht erleuchtete die winzige Kapelle und tauchte die farbigen Heiligenbilder an der Gewölbedecke in warmes Licht. Stumm betete der Junge zum Allmächtigen, er möge ihm vergeben und Arkan gesund werden lassen. Gelobte, sich fortan um Schwächere und weniger Begünstigte zu kümmern. Zeit seines Lebens.
Sein Vater hatte ihm mehr als deutlich gemacht, was er von ihm erwartete. Er, Julius, sei der Kirche versprochen und solle ein würdiger Diener Gottes werden. Ein Pfeiler des Glaubens auf dem Fundament der Nächstenliebe – das waren seine eindringlichen Worte gewesen. In eine ehrenhafte und reiche Familie hineingeboren worden zu sein, bedeute auch, für sich und andere Verantwortung zu übernehmen. Irgendwann erhob sich Julius mit schmerzenden Knien und verließ die Kapelle. Traurig und mit hängenden Schultern schlich er durch die Gänge des Schlosses.
»Julius, was ist mit dir?«
Plötzlich stand er vor Christina Alberdinen. Die zwergenhafte Magd mit ihrer verwachsenen Schulter war nur wenig größer als er. Sie war die gute Seele auf Mespelbrunn und wurde von allen geliebt, besonders von den Kindern, Adolf, Julius und Sebastian. Meist hütete sie die kleine Schwester der Echterbrüder, Margarethe, und kümmerte sich um den wenige Monate alten Valentin, der im Mai zur Welt gekommen war.
Julius begann zu schluchzen und stürzte sich in Christinas Arme. Sie drückte ihn an ihren üppigen Busen, und nachdem er sich etwas beruhigt hatte, fasste sie nach seiner Hand und führte ihn in die Schlossküche mit ihrem Kreuzrippengewölbe. Warm und behaglich war es hier. Über dem Herd baumelten Kupfertöpfe und Pfannen unterschiedlicher Größe. Die Köchin bereitete das abendliche Mahl zu, und es duftete bereits köstlich.
»Setz dich, mein Junge«, sagte Christina.
Auf dem gemauerten Wandvorsprung neben dem großen Backofen stand ein frisch gebackenes, süßes Brot gefüllt mit Rosinen und Nüssen. Die kleinwüchsige Magd schnitt zwei dicke Scheiben ab, legte sie auf einen einfachen Teller und brachte ihn an den Tisch. Dann nahm sie Julius auf den Schoß und sah ihn aufmerksam an.
»Und nun erzählst du mir, was dich so bedrückt.«
Während Julius von seinem Ungehorsam, den Geschehnissen im Wald und von seiner Angst um Arkan berichtete, brach Christina immer wieder ein kleines Stückchen Brot ab und reichte es ihm, wenn er ins Stocken geriet und die Tränen zurückdrängte. Am Ende war das himmlisch schmeckende Brot aufgegessen. Julius fühlte sich erleichtert und so voller Zuversicht, Arkan werde wieder gesunden, dass sich sogar ein Lächeln auf sein Gesicht stahl.
Er schmiegte seinen Kopf an Christinas Halsgrube und murmelte schläfrig: »Wie nennt man dieses Brot?«
»Ich nenne es Seelenbrot«, antwortete sie und strich dem Jungen sanft über den blonden Schopf. »Es ist mit Liebe gebacken.«
Erster Teil
Im kalten Nieselregen stand der dreizehnjährige Simon am Grab seines Vaters und fror erbärmlich. Es war Anfang November, und neben ihm zitterte seine Mutter, Anna, die stumm weinte und die Hände vor dem Körper gefaltet hatte. Seine kleine Schwester Barbara hatte ihre rechte Hand in Simons Linke gelegt und schluchzte leise. Tränen rannen ihre blassen Wangen hinab und Rotz lief aus ihrer Nase. Simon spürte einen dicken Kloß im Hals, als der Priester die Grabstelle mit Weihwasser besprengte, das Kreuzzeichen schlug und den Sargträgern mit einem Kopfnicken bedeutete, die letzte Ruhestätte seines Vaters abzulassen.
Viele waren gekommen, um dem Bildhauermeister Gebhard Reber das letzte Geleit zu geben. Simons Vater war ein angesehener und beliebter Bürger der Stadt gewesen. Wahre Kunstwerke hatte er hervorgebracht, und wer es sich leisten konnte, der ließ sich Grabplatten und Skulpturen fertigen, aber auch Rosenkränze, die Gebhard aus den bei der Bildhauerei anfallenden Bruchstücken herstellte. Doch das vermochten nur die Adligen, Fürstbischof Friedrich von Wirsberg und die gut betuchten Bürger und Amtmänner. Gebhard hatte gute Geschäfte mit reichen Kaufleuten gemacht, die kleinere Statuen für ihn verkauften, und so ein hübsches Vermögen angehäuft. Schon als junger Mann war er bis nach Florenz gezogen, um seine Kunst bei den Meistern der Bildhauerei zu erlernen. Simon hatte nie genug von seines Vaters Geschichten bekommen und beschlossen, wenn er einmal alt genug war, auch in die fernen Lande jenseits der Alpen zu ziehen.
Die Trauergäste zogen vorbei, schüttelten der Mutter die Hand, manche strichen Barbara mitleidig über den Kopf, und der eine oder andere legte Simon die Hand auf die Schulter.
»Dein Vater war ein guter Mann, sei tapfer, Junge.«
Als der letzte Händedruck erfolgt war, blieb Gebhards Familie noch einen Augenblick stehen, um einen letzten Blick auf den Sarg zu werfen, bevor der Totengräber das Grab zuschaufelte. Anna Reber legte die Arme um die Schultern ihrer Kinder und drückte sie an sich.
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