Gab es etwas, das dir an Tamara vielleicht nicht so gefallen hat?
Nein, kann ich eigentlich nicht sagen. Wir hatten nur einen Streitpunkt, den wir immer genüsslich ausgekostet haben, bei unseren manchmal die ganze Nacht dauernden Gesprächen (lacht). Und zwar über den Begriff Demut gleichgesetzt mit Unterwürfigkeit. Da habe ich immer gegengehalten. Für mich ist Demut keine Unterwürfigkeit, sondern Achtung – dem Leben und der Kreatur gegenüber. Mehr ist es nicht. Aber Tamara hat es eben anders gesehen.
Gibt es für dich ein Lieblingslied?
Ja, das gibt es: »PS« vom Album Bataillon d’Amour, mit dem Text von Werner Karma. Und das Schöne ist, dass ich dieses Lied auch selbst singen durfte, im Konzert zum zehnten Todestag von Tamara. Das fand am 22. Juli 2006 auf der Freilichtbühne in Berlin-Weißensee statt. Da traten viele Kolleg*innen aus Ost und West mit Silly-Liedern auf: Toni Krahl, Ulla Meinecke, Joachim Witt, Dirk Zöllner, Wolfgang Niedecken und, ich glaube, auch schon Anna Loos. Es war jedenfalls sehr eindrucksvoll. Auch weil aus dem »Tribute to Tamara« gleich noch ein Gedenkkonzert für Herbert Junck wurde, den im Jahr zuvor ebenfalls an Krebs verstorbenen langjährigen Silly-Schlagzeuger.
Angelika Weiz 2006 auf der Freilichtbühne Weißensee bei einem Silly-Konzert zu Tamaras zehntem Todestag
Was waren denn eure größten Gemeinsamkeiten in der Liebe zur Musik?
Das waren schon einige. Beide mochten wir von Anfang an die Beatles, aber auch ganz andere Sachen. Tamara hat mich zum Beispiel an diese bulgarischen Chöre herangeführt, vor allem die Frauenchöre, die in den 1990ern in der ganzen Welt so berühmt wurden. Im Gegenzug bat mich Tamara um Inspirationen aus dem Jazz. Ich hatte damals so eine Kassette mit ganz viel Saxophon-Zeug drauf, vor allem von David Sanborn, das sollte ich für Ritchie überspielen, für irgendwelche Soli. Wir haben auch deshalb Musik ausgetauscht, weil wir ganz unterschiedliche Radiosender gehört haben bzw. die unterschiedliche Musik gespielt haben, in Thüringen andere als damals in Berlin, also Westberlin. Wir hörten den Hessischen Rundfunk und den Bayrischen Rundfunk, die spielten ganz viel Solosachen und vor allem Blues, Soul und Funk. In Berlin hörte man Kapellen, die kannte ich gar nicht (lacht).
Wie hat aus deiner Sicht der gegen Silly und andere DDR-Bands manchmal erhobene Vorwurf der Staatsnähe und der angeblich genossenen Privilegien auf Tamara gewirkt?
Tamara musste sich diese sogenannten Privilegien hart erarbeiten. Sie durfte ja erst mal gar nicht in den Westen fahren. Bei all diesen Diskussionen blieb sie immer streitbar und klar. Sie hat es auch nicht als Privileg angesehen, sondern war immer dafür, dass alle Musiker reisen sollten, vorausgesetzt sie werden eingeladen. Das war ab einem bestimmten Zeitpunkt für Silly der Fall. Aber auch bei anderen Themen hat sich Tamara stets engagiert und für die Kollegen stark gemacht. Da gab es mal so eine Gagendiskussion, also welche Bands welche Gageneinstufung bekommen, und da plädierte Tamara dafür, dass alle die höchste Einstufung bekommen sollten, den Status einer »freien Vereinbarung«. Reisen und Gage als Privileg, das fand sie absolut abartig – und ich auch. Tamara hat sich immer als Vorreiterin für manche Dinge gesehen, für Gerechtigkeit oder ob es um die richtigen Verträge ging. Da habe ich viel von ihr gelernt.
Nach der Wende musstet ihr euch dann mit ganz anderen Sachen herumärgern …
O ja, das war eine harte Zeit. Nach der bald verflogenen anfänglichen Euphorie veränderte sich fast alles für uns. Ich habe mich schnell vollständig aus dem Geschäft zurückgezogen, wollte nicht schon wieder Kompromisse machen. Und ich habe meine Muggen gemacht, im Übrigen bis heute, das reicht mir. Viele haben sich verbrannt in dieser Zeit. Das wollte ich nicht.
Tamara ist eine der wenigen, die sich nicht verbrannt hat, obwohl sie anfangs Schlimmes erlebt hat. Zum Beispiel die Geschichte mit ihrer Westplattenfirma. Einmal kam sie mit einer Kassette zu mir und sagte: »Stell dir mal vor, jetzt soll ich mir davon Texte von irgendwelchen Leuten raussuchen.« Die Nummern waren im Prinzip fertig, sie spielte mir das vor. Ich habe mich nur an den Kopf gefasst, wie man einer Frau wie Tamara solche Texte anbieten kann und einer Band wie Silly solche Musik. Wir waren beide entsetzt, und es hat einen harten Kampf gekostet, sich da durchzusetzen.

Tamara 1983
Was wird für dich bleiben von Tamara, in deinem Herzen?
Alles. Alles. Was ich nie vergessen werde: ihre Telefonnummer. Bis vor ein paar Jahren, als ich noch Festnetz hatte, erwischte ich mich dabei, dass ich sie anrufen wollte, um etwas mit ihr zu besprechen. So wie wir es immer getan hatten. Vergessen werde ich nie den Tag des Abschiednehmens auf dem Friedhof in Münchehofe, das Härteste, was ich je erlebt habe. Das hatte nicht nur mit Tamara zu tun, sondern auch mit Helene, ihrer Mutter, die nur einen Monat später starb. Sie saß da in ihrem Rollstuhl und ich sang an der Grabstelle. »Amazing Grace« und »Kumbaya«. Es ist mir so schwergefallen. Vorher in der Kapelle haben wir, Anke Schenker, Ines Paulke, Vlady Slezák, Vio Slezák und René Decker noch Tamaras Lieblingslied von den Beatles, »Because«, gesungen. Es ist uns allen schwergefallen und wir haben uns an den Händen gehalten. Da kam ein Schmetterling in die Kapelle geflogen und René sagte: »Tamara ist da.«
MOMENTAUFNAHMEN
(4) Über Anpassung, Widerstand und Staatsnähe
»… Wir haben ja im Jahr zwischen hundert bis hundertfünfzig Gigs gemacht. Wir haben davon gelebt, dass wir live gespielt haben. Wir waren am Umsatz der Platten überhaupt nicht beteiligt, und insofern war das natürlich ein Multiplikationsfaktor … Und wir haben natürlich versucht, so weit wie möglich zu gehen. Doch irgendwann wäre vielleicht die Ausbürgerung angesagt gewesen. Wäre ich zu weit gegangen in Sachen Biermann, dann hätten sie gesagt: ›Na okay, dann raus hier.‹ Natürlich wollte ich das nicht. … Ich wollte doch was bewegen. Ich habe einen Haufen Publikum gehabt, und man lebt doch dort, wo man das Gefühl hat, gebraucht zu werden, und Leute hat, die derselben Meinung sind. Das hat sich später bestätigt, irgendwann innerhalb ’89. Das hat was gebracht. Stell dir mal vor, die wären alle abgehauen. Natürlich hat nicht jeder solche dicke Haut gehabt zu sagen: ›Okay, ich bleibe hier und stelle mich den Repressalien.‹ … Die das noch aushalten konnten, sind geblieben. Man sollte gegenseitig so fair sein zu sagen: Ich habe den Schritt gemacht, der andere hat den anderen Schritt gemacht. Es sind ja hier im Osten ein paar Leute auf die Straße gegangen. Es ist nicht so, dass die Wiedervereinigung über uns gekommen ist.
Und die Staatsnähe: das Gegenteil war der Fall. Wenn wir auch Kommerzialisten sind, haben wir eine gewisse Schamgrenze, die wir nicht überspringen. Silly war eine der wenigen Gruppen, die in der Tat versucht hat, durch ihre Textaussagen etwas zu bewegen und etwas in Bewegung zu bekommen …
Zu Anfang haben mich solche Vorwürfe sehr verletzt. Der Blätterwald hat ja nicht sehr üppig gerauscht in der DDR … Inzwischen habe ich eine Hornhaut gekriegt … Ich kann es ja beweisen, das Zeug ist auf CD oder Platte und die Texte sind abgedruckt. Ich kann es jederzeit schwarz auf weiß lesen und hörbar machen … Die Texte sind weiß Gott nicht staatsnahe.«
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