Finanziert wird das inzwischen weltweit bekannte Stiftungsprojekt von Sponsoren, die für eine Summe ab eintausend Euro ein eigenes Klangjahr erwerben können. Die Band Silly hat das 2014 gemeinsam mit dem Halberstädter Arzt Prof. Dr. Steffen Rickes getan, festgehalten auf einer Klangtafel für das Jahr 2196, dem 200. Todestag (!) von Tamara Danz.
Wenn ich an Tamara denke, dann tauchen vor meinem geistigen Auge Erlebnisse und Begegnungen mit ihr auf, die nachhaltige Spuren hinterlassen haben, Erinnerungen an die Komplexität einer starken Persönlichkeit. Ob beim Interview im »Notenbuden«-Studio, später beim Jugendradio DT64, da insbesondere in den traditionellen Sendungen zum Jahresende, wenn ich gemeinsam mit LUTZ BERTRAM die Ergebnisse der Kritikerumfragen nach den besten Rocksänger*innen, Instrumentalist*innen und vor allem dem Rockalbum des Jahres verkünden durfte.
In der Sendung »Rock ’83« begrüßten wir zum ersten Mal die komplette Band, damals neben Tamara Danz den Bassisten MATHIAS »MATZE« SCHRAMM und Gitarrist THOMAS FRITZSCHING (den beiden Silly-Gründern), Schlagzeuger MICHAEL »MIKE« SCHAFMEIER und dem gerade neu dazugekommenen Keyboarder RÜDIGER »RITCHIE« BARTON. Mitgebracht hatten sie ihr »sechstes Bandmitglied«, den Texter Werner Karma, sowie AMIGA-Chef Dr. RENÉ BÜTTNER, der möglich gemacht hatte, was es in dieser Nacht zu feiern galt: nicht mehr und nicht weniger als das DDR-Rockalbum des Jahres 1983, Mont Klamott, gewählt von einer Fachjury, der Musikkritiker*innen, -journalist*innen und -redakteur*innen angehörten. Und die waren selten so einig mit der Publikumsmeinung, denn auch die Fans hatten längst entschieden, dass ihrer Lieblingsband damit der ganz große Wurf gelungen war. Silly hatte mit diesem Album nicht nur neue Wege für sich als Band beschritten, sondern Maßstäbe für die gesamte deutschsprachige Rockmusik gesetzt. Das durften wir Radioleute damals so natürlich nicht sagen – Tamara schon. Unbefangen sprach sie im Live-Interview davon, wie »zielstrebig und ehrgeizig sie mit dem frischen Wind durch die neuen Leute (gemeint waren Barton und Karma) das gesamte bisherige musikalische Silly-Konzept umgekrempelt haben«.
Sicherlich, aus dem Westen tönte die Neue Deutsche Welle, nicht ungehört auch von den Musiker*innen in der DDR. Doch hat Silly mit der Musik und den Texten auf Mont Klamott einiges mehr gewagt. Der Musikwissenschaftler MICHAEL RAUHUT formulierte es einmal so: »Silly verbindet auf Mont Klamott … den musikalischen Biss der New Wave mit sinnlich-prallen und tieflotenden Bildern auf einem nicht nur für DDR-Verhältnisse einzigartigen Niveau«.
Was uns Radioleuten besonders gefiel, war diese unglaubliche Balance der neuen Töne und Sounds in den durchaus kommerziellen Umsetzungen. Drei Songs stürmten denn auch die Rundfunkhitparaden, »Mont Klamott«, »Die wilde Mathilde« (eine Zeitlang Erkennungsmelodie der Sendung »DT-Metronom«) und »Ein Lied für die Menschen«. Auch die Bühnenpräsentation hatte sich gigantisch verändert und ermöglichte vor allem Tamara viel mehr von dem, was sie schon immer auf der Bühne machen wollte. Mit unglaublicher Energie – »Raus aus der Spur« – verausgabt sie sich ganz und gar im neuen Silly-Rock ’n’ Roll-Gefühl, bis sie fast erschöpft und emotional aufgeladen eines der schönsten ihrer Lieder singt: »Abendstunden«.
Kinderfotos von Tamara
Inmitten von anderen Teenagern in einem Berliner Freibad
Als Achtzehnjährige mit Mutter Helene
Auch mit den drei folgenden Alben bis 1989 war Silly zu Gast in unserer Sendung am Jahresende, um die Auszeichnung für das jeweilige DDR-Rockalbum des Jahres entgegenzunehmen, für Liebeswalzer (1985), Bataillon d’Amour (1986) und Februar (1989).
Die Diskografie der Gruppe Silly darf durchaus als Beleg für eine außergewöhnliche und starke künstlerische Entwicklung angesehen werden, die gesteuert wurde vom enormen Einfallsreichtum der Musikanten, den mutigen und mutmachenden Texten sowie der Performance einer charismatischen Sängerin. Noch nicht am Anfang ihrer Karriere, aber mit jeder neuen Platte und Bühneninszenierung entwickelte sich Tamara Danz zu dem, was Journalisten mit »Rampensau«, »Rockröhre«, »Rocklady Nr. 1« (in der DDR) oder gar synonym zu einem ihrer großen Hits die »wilde Mathilde« bezeichneten. Dabei konnte sie die ruhigen Sachen genauso gut. Zum Heulen schön, wenn sie »So ’ne kleine Frau«, »Bataillon d’Amour«, »Paradiesvögel« und all die anderen wunderbaren Rockballaden live in den Konzerten sang, eingebettet in diesen speziellen Silly-Sound.
Das alles deutete sich für mich bereits in ihrem ersten, zugegeben noch etwas unentschlossenen, uneinheitlichen Album Tanzt keiner Boogie? an, das 1981 von AMIGA veröffentlicht wurde. Da hieß die 1978 gegründete Band noch FAMILIE SILLY und hatte über einen längeren Zeitraum die neun Titel ihres Debütalbums mit der Produzentin HANNELORE SCHUBERT in den Ostberliner Rundfunkstudios aufgenommen, was diesen etwas unorganischen Eindruck erklärt. Ihre künftigen Langspielplatten und späteren CDs kann man getrost durchweg als Konzeptalben bezeichnen, wegen der für Rockmusik vielleicht etwas großspurigen »Einheit von Inhalt und Form«, die ja ansonsten mehr in der Bildenden Kunst und Malerei gilt.
Nach der Wende sind zwei weitere großartige Silly-Alben erschienen, 1993 Hurensöhne und 1996 Paradies, mit einer Fülle starker Songs, die leider nur bedingt Eingang fanden in die Musikprogramme deutscher Radiosender. Und das lag nicht an der Qualität der Songs, sondern am fehlenden Mut von Programmverantwortlichen und Musikredakteuren, geschuldet dem Diktat des uns im Osten unbekannten Medienzauberwortes »Format«.
Mit einigem Stolz kann ich sagen, dass Silly im ORB sowie später im rbb und auch in den von JÜRGEN JÜRGENS verantworteten Sendungen im SFB (der Sender Freies Berlin war bis zur Fusion mit dem ORB zum rbb 2003 eigenständige Landesrundfunkanstalt für Berlin) immer eine Rolle gespielt hatte. So kam es unter anderem im November 1994, initiiert und unterstützt vom rbb, zu jenem denkwürdigen Konzert von Silly + GUNDERMANN & SEILSCHAFT. Unter dem Titel Unplugged. Live im Lindenpark wurde der Mitschnitt 1998 auf dem Berliner Label Buschfunk als Doppel-CD veröffentlicht, mit einunddreißig Songs aus dem Repertoire der Kultrocker und des eigenwilligen Rockliedermachers Gerhard Gundermann, der für die beiden Silly-Alben Februar (1989) und Hurensöhne (1993) Texte beigesteuert hatte, die meisten gemeinsam mit Tamara geschrieben.
Über diesem Konzert schwebte eine magische Aura. Ich kann mich noch genau an diesen Abend des 22. November 1994 erinnern, als mehrere Kolleg*innen vom Jugendsender Fritz und dem Kulturprogramm Radio Brandenburg bei nasskaltem Wetter und Stockfinsternis die paar hundert Meter vom Radiohaus in Babelsberg hinübermarschierten zum Lindenpark, dem legendären Potsdamer Rockschuppen in der Stahnsdorfer Straße. Einige konnten sich gar nicht vorstellen, ob diese Konstellation überhaupt funktionieren würde und dann noch unplugged. So war es dann aber nicht. Die Musiker hatten keinesfalls alle Stecker gezogen und waren schon aufgrund der Anzahl der auf der Bühne Versammelten doppelt so laut wie sonst in ihren Konzerten. Sie hatten ja auch etwas zu bieten – und zu beweisen, nämlich dass sie entgegen aller Unkenrufe auch die Zweifler überzeugen können.
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