Meine Uhr ist eingeschlafen
Ich hänge lose in der Zeit
Ein Sturm hat mich hinausgetrieben
Auf das Meer der Ewigkeit
Gib mir Asyl, hier im Paradies
Hier kann mir keiner was tun
Gib mir Asyl, hier im Paradies
Nur den Moment, um mich auszuruhn
Da draußen lauern deine Hände
Und ziehen mich auf den Grund
Ich sinke und ertrinke
An deinem warmen Mund
Gib mir Asyl …
Hörst du sie rufen? Sie kommen, mich zu suchen
Siehst du die Feuer dort am Strand?
Sag ihnen, keine Macht der Welt
Holt mich zurück an Land
Gib mir Asyl …
Wie lebt ein Mensch in einem fort, den man mochte und liebte? Tamara Danz wurde nur dreiundvierzig Jahre alt, aber sie hat viele Erinnerungen hinterlassen, ihre Lieder und ihre Texte. In zahlreichen Videoclips, Film- und Fernsehaufnahmen, sogar in akribisch gesammelten originalen Tonaufnahmen von Interviews ist sie so zu erleben, wie sie wirklich war, auf der Bühne und im privaten Leben, laut und leise, rau und zart, in ihren Höhenflügen ebenso wie in Konfliktsituationen.
Ihr Leben verlief nicht immer geradlinig, das hätte auch gar nicht zu ihr gepasst, aber Tamara wusste immer, was sie wollte – und was sie nicht wollte. Fasst man zusammen, was Freunde über sie sagen, dann lautet das Fazit:
»Karrierestationen konnten in der DDR planmäßig verlaufen. Nicht bei Tamara. Zickzack war ihr Kurs … ein paar Kurven dazu. Die Brüche und Widerstände, das Aufbegehren, legten die Stolpersteine auf dem vorgeplanten Weg. Reibung erzeugt Energie. Ihre Devise: Man muss hinfallen, um wieder aufzustehen.«
Und so war es auch auf ihrem Weg zur Musik, vom OKTOBERKLUB zum Rock ’n’ Roll, zu dem ihr auch die BEATLES und die ROLLING STONES die Richtung wiesen. Ihr »Yesterday« war immer das Heute von morgen.
Tamara (3. v. r.) beim Oktoberklub
Momentaufnahmen
Es ist die achte CD der 2006 auf AMIGA (das damals schon zu Sony Music gehörte) veröffentlichten, von JÖRG STEMPEL editierten 8-CD-Box SILLY – Die 7 Originalalben + Interview-CD mit Tamara Danz: Momentaufnahmen. Auszüge aus Gesprächen 1990–1994. Verantwortlich für Auswahl und Regie zeichnet Wolf-Dietrich Fruck, ein Intimkenner der Popmusikszene der DDR. Als Redakteur bei AMIGA (1983–1990) betreute er unter anderem die erste Punkplatte der DDR, das Album Hea Hoa Hoa Hea Hea Hoa von FEELING B, das noch im Sommer 1989 begonnen, von enormen Widerständen aus den »eigenen Reihen« im VEB Deutsche Schallplatten begleitet und schließlich im Januar 1990 veröffentlicht wurde. Nach der Wende arbeitete »Frucki« als Produzent und Regisseur für Hörbuchaufnahmen und gründete Mitte der 2000er Jahre gemeinsam mit Jörg Stempel die Musikproduktionsfirma Sechzehnzehn, benannt nach dem einheitlichen Kaufpreis einer AMIGA-LP in der DDR.
Zwischen Feeling B und Silly gab es Berührungspunkte. Beide Bands sind in dem zwischen 1985 und 1988 entstandenen dokumentarischen Roadmovie flüstern & SCHREIEN – Ein Rockreport vertreten. Weitere Protagonisten sind die Cottbuser Gruppe SANDOW und CHICORéE, die 1985 von DIRK ZÖLLNER gegründete Soul-Funk-Rock-Band aus Ostberlin, der 1987 die bis heute erfolgreiche Band DIE ZÖLLNER folgte.
Auch wenn diese filmische Musikdokumentation damals sehr erfolgreich gewesen war, wurden später kritische Stimmen laut, vor allem zur »Rollenverteilung der vier ungleichen Bands«. Damit gemeint war die Positionierung von Feeling B und Sandow als die sogenannten anderen Bands, die schon mal deutlicher gegen das DDR-System opponierten, Silly dagegen fiel die Rolle der »etablierten Band« zu und Chicorée der der »unbedarften Newcomer«.
Besonders Tamara Danz, die mit dem Feeling-B-Gründer und Sänger ALJOSCHA Rompe und mit Dirk Zöllner darüber hinaus gute persönliche Beziehungen pflegte, schmerzte diese teilweise von den Medien übernommene oberflächliche Bewertung, die dem Wirken und der Rolle von Silly gerade in der damaligen, sehr brisanten Zeit nicht gerecht wird. Später wird Tamara weitere Verletzungen erfahren, worüber an anderer Stelle zu lesen ist.
Als »verwendetes Basismaterial« für die Momentaufnahmen wird im CD-Booklet angegeben: »Privat, Interviewmitschnitt des Musikjournalisten Jürgen Stark«. Mit freundlicher Genehmigung erscheinen einige davon in diesem Buch schonend redigiert als Selbstaussagen von Tamara Danz:
(1) Über die Angebote, Schlagersängerin zu werden
»Als ich angefangen habe, wurde ich natürlich doch mehr als blondes Püppchen eingesetzt. Das war die Intention derer, die mich eingesetzt haben, die mir die Chance gegeben haben … überhaupt auf die Bühne zu steigen. Also mehr so drei Prinzessinnen im Background-Chor … die dann auch gleichzeitig ein Trittchen machen und schöne Handbewegungen und mit dem Arsch wackeln. Und den Rest musste man sich erarbeiten. Na ja, das hat schon auch ein bisschen was mit Risiko zu tun gehabt. Weil wenn man dann versucht hat, sich inhaltlich durchzusetzen, also mir ist es so gegangen, dann ist man schon sehr schnell auf Widerstände gestoßen. Am besten wäre es für mich gewesen, ich hätte eine Karriere als Schlagersängerin gemacht, die fremdes Zeug wiedergibt, also reproduziert. So wenn sich das einer ausschwitzt, ohne es zu hinterfragen, reproduziert, also irgendwelche Texte plappert. Das wäre wahrscheinlich die einfachste Variante gewesen und sicher auch die finanziell erfolgsträchtigste … Ich habe hin und wieder mal darüber nachgedacht, was das eigentlich soll, warum man sich da eigentlich so fertig macht … Andere brauchen das eben nicht. Die kriegen irgendein Image verpasst und jede Kritik, die da inhaltlich kommt, oder jede geschmäcklerische Sache von irgendwelchen Kritikern, die kann man ja dann abwälzen auf die Autoren … Wenn man alles selber zu verantworten hat, ist es natürlich ein bisschen schwieriger, aber du wächst damit auch, das Fell wird dicker und es lebt sich besser damit. Man kann besser in den Spiegel gucken.
Nein, ich brauche das Feedback von Leuten, zumindest von diesem harten Kern derjenigen, mit denen ich zusammen die Stücke mache. Und dann müssen einfach gute Musiker auf der Bühne sein. Ich kann mir da nicht für jede Plattenproduktion irgendwelche Leute zusammenklauben lassen, mögen sie noch so hervorragende, virtuose Musiker sein, und mich dann … mit irgendwelchen Leuten auf die Bühne stellen. Das muss doch zusammen wachsen, das merken die Leute doch, ob es Auftragsmusiker sind … Man hat ja eine Kommunikation von der Bühne runter und umgekehrt. Und dazu bin ich nicht in der Lage. Diesen Schritt hätte ich schon früher zu DDR-Zeiten machen können …«
(2) Über das Studieren
»Das Studium, was ich gemacht habe, da hätte am Ende gestanden: Dolmetscherin. Hieß damals Sprachmittler, und hätte auch etwas mit diesem Nachplappern zu tun gehabt. Also einer plappert vor, du übersetzt es im Kopf in eine andere Sprache und plapperst es im Grunde unreflektiert nach … Du kannst ja nicht deine eigene Meinung einbringen. Dann sind da an der Uni eine Art grobe Rollenspiele gelaufen. Da habe ich gemerkt, das ist nicht mein Ding und habe mir gesagt, okay, dann musst du jetzt mal versuchen, dein Hobby zum Beruf zu machen. Ich habe eine Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule ›Hanns Eisler‹ in Berlin gemacht. Die haben mich abgelehnt, weil es stimmlich nicht reichte und überhaupt, die sozialistische Persönlichkeit, so eine Begründung. Da habe ich mir gesagt, na gut, dann soll es so sein, und mich sofort in die freie Wildbahn begeben, das war ja damals möglich, Amateurkapellen, die überall gespielt haben. Und das hat mir eigentlich viel mehr gebracht, weil man da tatsächlich an der Praxis gewachsen ist, an der Praxis entlang. So was kann man nicht an der Hochschule lernen, wenn man nicht nebenbei vor Publikum arbeitet.«
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