Meine Kollegin DANUTA GÖRNANDT, die für ihre Sendung »Liedersprüche« damals die Idee zu diesem Projekt hatte, schrieb im Booklet zur Buschfunk-CD: »Das Repertoire beider Bands wurde abgeklopft nach den Liedern, die auch ohne soundtechnisches Beiwerk Bestand haben könnten. Lieder, die Poesie und Kraft hatten, auch wenn sie auf ein musikalisches Grundgerüst reduziert wurden. Als auf der Bühne dann neun hochmotivierte und exzellente Musiker (Anm. d. Autors: darunter eine Frau, die Multiinstrumentalistin TINA POWILEIT) auf zwei souveräne und einzigartige Interpreten, deren ganze Originalität und Emotionalität trafen, entstand eben dieses Ereignis, das nicht mehr in die Formel zwei plus zwei passte. Passiert war viel mehr. Ein Konzert, bei dem Tamara Danz sich selbst und ihren Liedern sehr, sehr nahe war. Kein Beiwerk, mit dem sie sich als Rocklady oft genug umgeben hatte, keine Ablenkung von den Songs und ihren stimmlichen Möglichkeiten. Da lagen verletzliche Emotionalität und aggressive Direktheit beieinander, da konnte sie provozieren und zugleich zart sein. Und genauso Gerhard Gundermann … Zwei originäre Stimmen, zwei starke Persönlichkeiten, die sich in dieser Gemeinsamkeit auf wunderbare Weise ergänzten und die Faszination, die von ihnen ausging, vervielfachten.«
In eindrücklicher Erinnerung geblieben sind mir zwei andere Radiokonzerte, die wir vom ORB organisiert hatten und die durch die unerwarteten Ereignisse und den ersten Nachwende-Stimmungswechsel in einem Teil der Gesellschaft, vor allem in Ostdeutschland, eine tiefere Bedeutung erhielten. Vor allem die ausländerfeindlichen Aktionen zuerst 1991 in Hoyerswerda und im Sommer 1992 in Rostock-Lichtenhagen, als es dort tagelang zu rassistisch motivierten Krawallen kam, die darin gipfelten, dass ein an die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber angrenzendes Wohnheim, in dem sich über hundert Vietnamesen aufhielten, ehemalige Vertragsarbeiter der DDR, von Rechtsradikalen in Brand gesteckt wurde, während die gaffende Menschenmenge drum herum applaudierte. Dieses Ereignis steht als trauriges Synonym für die heftigsten fremdenfeindlichen Angriffe in Deutschland nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Auch wenn es 1992/93 zu furchtbaren Anschlägen in westdeutschen Städten wie Mölln und Solingen kam, als Rechtsextremisten Häuser von Türken anzündeten und darin Menschen verbrannten, bedrückte uns, so kurz nach der friedlichen Revolution und dem Fall der Mauer 1989, der zunehmende Fremdenhass in den neuen Bundesländern besonders stark.
Als junges Kulturprogramm Radio Brandenburg des erst am 1. Januar 1992 auf Sendung gegangenen Ostdeutschen Rundfunks Brandenburg hatten wir es uns auf unsere »multikulturellen Fahnen« geschrieben, als eines der ersten Medien im Verbund mit engagierten Künstler*innen ein deutliches Zeichen zu setzen gegen Gewalt und Fremdenhass in unserem Land. Tamara Danz und die Musiker von Silly saßen sofort mit im Boot, als wir Ideen austauschten für diese zwei wichtigen Konzerte Ende 1992 in Potsdam (Lindenpark) und Berlin-Weißensee (Die Halle). Alle Bands und Musiker*innen, die wir ansprachen, waren sofort bereit, unter Verzicht auf ihre Gagen dabei zu sein. Einige hatten selbst Erfahrungen damit gemacht, von rechtsradikalen Bands attackiert zu werden.
Vor Hoyerswerda und Rostock hatte es in der ehemaligen DDR-Kreisstadt Eberswalde in der Nacht vom 24. auf den 25. November 1990 eine der ersten schlimmen ausländerfeindlichen Aktionen nach der Wiedervereinigung gegeben. Rechtsradikale Jugendliche jagten den Angolaner Amadeu Antonio durch die Stadt und prügelten ihn zu Tode.
Als ich Tamara damals anrief, sagte sie spontan zu sinngemäß mit den Worten: »Wegschauen ist keine Option, wir müssen diesen Typen zeigen, wo ihre Grenzen sind, und wir hauen ihnen mit unserer Musik eins auf die Schnauze.« Für mich war es wie ein Déjà-vu, wenn auch unter ganz anderen gesellschaftlichen Vorzeichen. Denn so hatte ich Tamara eigentlich immer erlebt, wenn es darum ging, politische Haltung und Engagement zu zeigen. So war es in der DDR gewesen, vor allem in der Wendezeit, und so blieb es in den wenigen Jahren danach, die ihr vergönnt blieben. Tamara legte Wert darauf, »menschliche Haltung« zu zeigen, wie es Werner Karma in einem der berührendsten Silly-Lieder, »Ein Lied für die Menschen«, zum Ausdruck brachte.
Parallel zu den beiden Konzerten produzierten wir damals auch eine CD unter dem Titel Gewalt – ohne mich, unterstützt von der DSB (Deutsche Schallplatten Berlin), der Ausländerbeauftragten des Landes Brandenburg Almuth Berger und dem Berliner Stadtmagazin TIP. Die meisten der sechzehn Künstler*innen dieser CD waren auch bei den Konzerten dabei: ELEMENT OF CRIME, PETER HILLER & EARL OF EAST, KLAUS HOFFMANN, Gundermann & Seilschaft, Silly, City, NORBERT BISCHOFF, ULLA MEINECKE, die PUHDYS, DIRK MICHAELIS, ANDRé HERZBERG, Barbara Thalheim, Pankow, ENGERLING und Rio Reiser. Und so spielten in diesen Konzerten nicht Rockmusiker und Liedermacher aus der ehemaligen DDR und BRD, aus Ost und West, sondern deutsche Musiker*innen, die ein gemeinsames Anliegen vereinte, für Toleranz und gegen Fremdenhass.
Von der Presse wurden einhellig das »hochkarätige Künstlerensemble«, das hohe künstlerische Niveau und das gemeinsame Anliegen gewürdigt. Im Artikel »Lieder gegen Fremdenhass« schrieb Wolfgang Hubner am 2. November 1992 in der Tageszeitung Neues Deutschland:
»Anders als die Politiker stritt auf der Bühne niemand um links und rechts oder den alleinigen Anspruch auf die Wahrheit. Es ging nur um eines: Menschlichkeit. Und musikalisch war Seltenes, vielleicht sogar Einmaliges zu erleben: Ulla Meinecke gemeinsam mit Pankow, nach langer Zeit auch wieder einmal André Herzberg mit seiner alten Band, Rio Reiser mit Silly, die eine weitere Rarität beisteuerten: die Uraufführung eines Titels ihrer Anfang 1993 erscheinenden Platte.«
Das war der Titel »Halloween in Ostberlin«, den uns Silly vorab für die auf dem DSB-Label veröffentlichte CD gab. Und es kam noch zu einem weiteren Höhepunkt, am Schluss des Konzertes, als Tamara Danz den Auftritt von Rio Reiser sehr emotional ansagte: »… einer, dem man hundertprozentig glauben kann, was er sagt und was er singt … was heutzutage ja nicht mehr so angesagt ist.« Nach ihren letzten Worten beginnt das Intro zum Song »Durch die Wüste«, tosender Beifall, als Rio Reiser die Bühne betritt. Er wird begleitet von der Silly-Band und es wird auch deswegen ein historischer Auftritt. Man kann es nachschauen, bei YouTube im Internet und dazu die euphorischen Kommentare lesen, »Tamara und Rio, zwei unvergessene Künstler in ganz Deutschland«.
Der 3. August 1996 war ein wunderschöner, sehr heißer Sommertag. Am Vormittag fuhr ich von meinem Wohnort in Berlin-Köpenick nach Münchehofe, an diesen idyllischen kleinen Ort kurz hinter der Stadtgrenze, der schon zu Brandenburg gehört. Dort war inzwischen der Ü-Wagen aus Potsdam eingetroffen und hatte, wie mit den Kollegen verabredet, ein paar hundert Meter entfernt von der Friedhofsmauer geparkt. Es war der Tag der Beisetzung von Tamara Danz und mir oblag die Aufgabe, darüber für den ARD-Hörfunk zu berichten. Zahlreiche Fans hatten sich schon stundenlang vorher eingefunden, und nach und nach trafen auch viele Musikerkolleg*innen, Künstler*innen, Freund*innen, Weggefährt*innen und Medienvertreter*innen ein. Ich nutzte die frühe Gelegenheit, um einige zu bitten, im Anschluss für ein paar Worte zum Ü-Wagen zu kommen. Das waren unter anderem Werner Karma und TONI KRAHL. Viele Menschen fanden gar keinen Platz in der kleinen Friedhofskapelle und warteten draußen.
Als Tamara im weißen Sarg von ihren Musikern zu ihrer letzten Ruhestätte getragen wurde, an ihrer Seite die Eltern, ihre geliebte Mutter Helene, selbst von schwerer Krankheit gezeichnet im Rollstuhl, vernahm ich aus der Ferne die unvergleichliche Stimme ihrer Freundin ANGELIKA WEIZ – ein Moment unglaublicher Trauer, in dem sich so viele Menschen gemeinsam wiederfanden. Gar nicht so einfach, danach wieder in die sachliche Realität meines Auftrages zurückzufinden. Gemeinsam mit meinen Gesprächspartnern gelang es mir wohl, diese Eindrücke und Emotionen, die wir gerade erleben durften, als nachhaltige Würdigung für eine große Künstlerin, für Tamara Danz, genau zu formulieren. Wie ich später erfuhr, haben fast alle Hörfunksender der ARD, im Osten und Westen, im Norden und Süden, diesen Beitrag gesendet. Und fast alle haben im Anschluss einen Song gespielt: »Asyl im Paradies« vom siebten Silly-Studioalbum, für das Tamara Danz ausnahmslos alle Texte schrieb.
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