Mir kommt dieses System sehr bekannt vor … gibt es keine Alternative?
Es gibt nichts außerhalb der Modelle, denn die verschiedenen Modelle, die sich die Menschen innerhalb der Jahrtausende geschaffen haben, sind die einzige Strasse, auf der sich die Evolution bewegt.
Wohin führt die Straße?
Die Wirklichkeit ist ein Sammelsurium von Modellen – je nach den kulturellen Quellen, aus denen der Mensch seine Wirklichkeit empfängt. Das bedeutet in der Summe: Modelle sind das einzige Mittel, unserer subjektiven Verlogenheit eine objektive Lüge entgegenzusetzen, und das ist auf dem Weg des Wissens nicht nur der erste, sondern auch der wichtigste Schritt.
So landen wir wieder bei der Religion?
Alle spirituellen, religiösen, magischen und esoterischen Modelle sind so etwas wie eine Auswirkung unserer materiellen Realität. Sie verkörpern die Manifestation der in der materiellen Welt unterdrückten Sehnsucht, die Welt nicht nur von außen, sondern auch von innen her zu erklären, also so, wie sich der menschliche Verstand die höheren Ziele „vorstellt“. Wenn wir das begriffen haben, sind wir für den ersten Schritt in die magische Welt bereit …
… erster Schritt wohin? Was können wir tun?
Nichts. Es tut sich ganz von selbst. Doch innerhalb dieses Nichtstuns könnten wir gewisse Dinge begreifen …
… die da wären?
Würden wir den Teufel beispielsweise nicht länger im außen suchen, könnten wir uns viel Leid ersparen – denn er ist in uns! Der schlimmste eigene Feind sind wir selbst: Es ist unser Schatten, und er will uns „killen“!
Er will uns zerstören? Das versteh ich nicht!
Der Teufel ist die abgespaltene Seite im Menschen – und er existiert in jedem von uns! Wenn wir das wissen, können wir gut schlafen …
Gut schlafen …?
Das, was wir erreichen wollen, ist determiniert von dem, was sich durch uns zu erreichen sucht, damit sich das Schicksal erfüllen kann. Das ist die letzte Erkenntnis innerhalb unseres Weges. Wüssten wir, dass es nichts zu erkennen gäbe, was wir nicht schon in uns trügen, könnten wir uns nicht mehr weiterentwickeln ...
Aber wenn der Teufel in uns sitzt?
Keine Angst – die Götter tun das ebenso! Sieh doch mal: Wir sind Kinder von Eltern, die Kinder von Eltern sind, die ebenfalls Kinder von Eltern sind usw. Das bedeutet, dass jeder von uns direkt auf den ersten Menschen zurückgeht, auf den ersten Affen, das erste Urviech usw., bis wir ganz am Schöpfungsanfang angelangt sind. Mit anderen Worten: Das ganze Universum ist in uns enthalten und deshalb ist die Kraft der Schöpfung auch ein Teil von uns. Leider ist es so, dass wir den Zugang zu unserer inneren Kraft verloren haben, die uns an der universalen Schöpfung teilhaben lässt. Deshalb können wir gar nicht mehr anders, als uns diesem selbst erschaffenen Gott anzuvertrauen, der uns in allen religiösen Machtsystemen, wuchernden Finanzmodellen, ausufernden Wachstumssystemen, wissenschaftsgläubigen Geistesvorstellungen und anderen technologischen Errungenschaften gütig entgegenblickt …
Wir können nicht anders …? Was meinst du damit?
Ohne die Systeme, die uns von unserer Spiritualität wegbringen und uns dafür den materiellen Konsum aufzwingen, wären wir gar nicht mehr lebensfähig. Diese Ambivalenz ist es, die uns Angst einflösst, denn sie hält uns den Spiegel unserer eigenen Lebenswelt vor Augen. Die finanziellen Märkte sind der Schatten der modernen Entwicklung schlechthin, wobei der Mensch zunehmend zum hilflosen Opfer seiner eigenen Schöpfung wird. Andererseits dürfen wir uns auch nicht bemitleiden: Wir haben uns diesen Dämon selbst ins Boot geholt. Letztendlich ist es der Weg des Menschen, der ihm in seinem Wesen durch die Evolution vorgezeichnet erscheint, und deshalb wird er auch niemals Frieden finden. Damit er sich mit dieser Wahrheit nicht auseinanderzusetzen braucht, schuf er sich seine Religion, die ihn von der Wirklichkeit ablenkt. Was lässt sich daraus schließen: Es ist alles in Ordnung, es gibt keinen Grund zur Sorge, zumindest nicht bevor wir uns mit unserer Vergänglichkeit auseinandersetzen oder auf dem Totenbett liegen!
Was würde sich ändern, wenn der Mensch das wüsste?
Wenn er das alles wüsste? Die ganze Welt würde mit einem Mal zusammenfallen, weil die Systeme ja nur aufgrund einer gemeinsamen Übereinkunft existieren. Wenn wir weiter wissen, dass es der eigene Glaube ist, der alles stützt, was wiederum der Grund ist, warum wir uns auf Gott verlassen können, dann werden wir erfahren, dass alles, woran wir glauben, der Glaube an unseren Glauben ist.
Könnte man nicht sagen, dass ohne unseren Glauben überhaupt nichts funktioniert …?
Man könnte in einem übertragenen Sinn sogar sagen, dass die Straße unter unseren Füßen nur solange vorhanden ist, solange unser „Glaube an die Straße“ einwandfrei funktioniert ...
… und wir nur Rollen in unserem eigenen Film spielen?
Wir spielen nicht nur die Rollen, wir führen auch Regie. Unser höheres Selbst stellt uns die Bühne zur Verfügung, auf der nicht nur unser bewusstes Ego, sondern auch höhere, unbeschreibbare Persönlichkeitsteile wie der Regisseur agieren – ich werde auf dieses Thema zu einem späteren Zeitpunkt zurückkommen 4. Dieser steuert und verändert das Bühnenstück, passt das Ego an die materielle Realität seiner Umgebung an, damit der Mensch in seiner Umwelt funktionieren kann.
Wer ist dieser Regisseur?
C. G. Jung hat ihn seinerzeit das „Selbst“ genannt und als Quelle und Ziel des persönlichen Willens definiert, eine letztlich unerkennbare, transzendente Mitte, die gleichermaßen Zentrum wie Peripherie umschreibt.
Und wer ist das Selbst?
Ich kann es dir nur in einem übertragenen Sinn erklären: Das Selbst ist der Wille des Bogenschützen, in die Mitte zu treffen, und zwar noch bevor er den Pfeil abschießt.
Warum haben wir unseren Glauben dann nicht schon lange durch ein tieferes spirituelles Wissen ersetzt? Warum halten wir dann so lange an unserem alten Glauben fest?
Um uns eine Sinnfindung zu ermöglichen! Wüssten wir, dass es nichts zu erreichen gibt, dass alles genau gleich gut und harmonisch ist, dann gäbe es auch keine Unterschiede, durch die wir uns von den anderen unterscheiden können, und dann hätten Ziele auch keinen Sinn.
Sollten wir den alten patriarchalischen Gott dann nicht endlich begraben?
Der ist doch schon lange tot. Dem moderneren Persönlichkeitsteil dieses Gottes begegnen wir heute in den Tempeln der Wissenschaft. Es ist eine Art Klebstoff, der die kollektiven Assoziationen des Menschen an einen festen Bezugspunkt, ein Grundaxiom, bindet und daraus den „aristotelischen Faden“ knüpft (sozusagen das Strickmuster unseres abendländischen Denkens), ein göttlicher Trick, mittels dem man die ganze Welt nach hinten ausmessen und nach vorne dirigieren kann. Die modernen Gralshüter, die heute in diesen Gemäuern wirken, sind keineswegs weniger schlimm als die alten Priester. Sie sind genauso der religiösen Hybris verfallen und in ihrem Rausch beispielsweise damit beschäftigt, anhand komplizierter menschlicher Hochrechnungen und Tabellen entweder alle offenen Fragen unserer Vergangenheit zu entschlüsseln oder aber in der Gentechnologie durch die Methoden der molekularen Biologie gezielt in das Erbmaterial einzugreifen.
Die meisten Menschen sehen das aber ganz anders – du bist kein Freund der Wissenschaft?
Nun, ich bin kein Freund des Eigendünkels. Der Mensch neigt dazu, seine Sichtweisen in den Mittelpunkt zu stellen, und der Wissenschaftler neigt dazu, seine akademischen Erkenntnisse zum Nabel der Welt zu erklären. Dabei müssten wir nicht nur „in die Breite forschen“, sondern auch in der Tiefe gründen, also nicht nur wissen wollen, was wir alles herausfinden können, sondern uns auch mit dem Umstand auseinandersetzen, warum wir uns gezwungen fühlen, auf alle äußeren Fragen eine Antwort zu finden. Warum versuchen wir nicht auch, unsere inneren Ebenen zu erforschen, denn letztlich sind wir alle sterbliche Wesen, und keine Errungenschaft wird uns davon abhalten können, sterben zu müssen.
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