Wozu dann der Stress, der Krieg und die ewige Unruhe in der Welt?
Wegen unserer engen, dualen Sicht. Niemand führt Krieg um des Krieges willen, nein, Krieg führt man nur deswegen, weil der andere stets im Unrecht ist und man ihn von den eigenen, berechtigten Forderungen überzeugen will. Will man die eigenen Forderungen erzwingen, muss man sich des Krieges bedienen, was natürlich nie im eigenen Unrecht, sondern immer in der Uneinsicht der anderen liegt. Die universale Energie ist eine unpersönliche Kraft, weder gut noch böse. Sie wird erst durch die Muster unseres Bewusstseins „weiß“ oder „schwarz“. Die Unterscheidungen passieren folglich im Gehirn, im Denken. Die einseitig negativen Schilderungen der negativen Kräfte spiegeln nichts anderes als die Angst der Menschen vor ihren unbewussten, eigenen Dämonen. Die Welt ist ein Spiegel, in dem wir in allen anderen unsere eigenen Dämonen erkennen, für die wir bei uns selbst blind sind.
Blind? Das Böse existiert doch in der Welt – oder?
Ja, aber nur, weil wir die Zusammenhänge des Bösen gar nicht kennen. Das „Böse“ setzt sich meistens aus einer Vielzahl von negativen Erfahrungen zusammen, die sich wiederum aus persönlichen Enttäuschungen nähren. Die Enttäuschungen wurzeln, wie gesagt, auf negativen Erfahrungen, bei denen man nur die Fehler der anderen, nicht aber die eigenen Erwartungen sieht.
Du meinst, wir sehen unsere Fehler meistens beim anderen?
In der Regel ist das so!
Das klingt nicht gut! Wo findet sich ein Lösungsansatz?
Wir dürfen die Lösung nicht von außen erwarten, sondern müssen sie in uns selbst finden. Es geht immer darum, unabhängig vom eigenen Standpunkt einen Bezugspunkt in uns selbst zu schaffen, der uns die Möglichkeit gibt, unser eigenes Verhalten von außen zu beobachten. Dann erkennen wir schnell, dass es im Grunde gar keiner Lösung bedarf.
Wieso braucht es keine Lösung?
Weil wir stets Teil der Lösung sind! Das Problem ist immer nur der Schatten der Erkenntnis: Wir sehen stets unsere eigene Perspektive, den Punkt, von dem aus wir unsere Probleme kreieren, denn aus der Sicht des Ganzen existiert unser Problem gar nicht …
Wo existiert das Problem dann?
Nirgends. Jeder Fehler ist nur eine Art Rückseite der Erkenntnis, und der Sinn liegt darin, nicht auf der Position des Fehlers zu verharren. Oder anders ausgedrückt: Fehler sind nur die Unschärfen materieller Systeme, die ohne Bezugspunkte gar nicht existieren. Aus geistiger Sicht sind sie nichts anderes als Wegweiser zu Erkenntnissen, die den Menschen helfen, das Wirken der evolutionären Entwicklung zu erkennen, die dem materiellen Denken normalerweise nicht zugänglich ist.
Du meinst, das Unrecht bleibt solange in der Welt, solange wir es immer nur beim anderen und niemals bei uns selbst erkennen?
Ja. Nur, wer seinen Schatten erkennt, weiß, wer er wirklich ist. Und nur wer weiß, wer er ist, kann ermessen, was es heißt, sich selber zu entwickeln. Denn wir sind nicht nur die Seiltänzer über dem Abgrund, wir sind auch die Krokodile im trüben Gewässer, welche die Unglücklichen beim Absturz auffressen. Wenigstens solange, bis wir merken, dass die Sünder der eine Teil und die Krokodile die andere Hälfte unseres Wesens sind.
Aber was ist mit dem Frieden in der Welt?
Die Suche nach dem Paradies muss eine Wunschvorstellung bleiben, damit sich die menschliche Spezies entwickeln kann.
Wie … was? Wieso kann sich der Mensch nicht in Frieden und Harmonie entwickeln?
Das statische Paradies böte dem menschlichen Ego keine Grundlage zur Entfaltung. So will es die Evolution. Der Mensch braucht immer wieder Kriege mit der Aussicht auf Frieden oder ständige Krisen mit der Hoffnung aufs Paradies, eine Hoffnung, die sich aber niemals erfüllen darf, damit sie als Entwicklungsgrundlage weiter funktionieren kann.
Ich weiß nicht … das tönt ziemlich brutal. Irgendwie fehlt mir der Begriff „Freiheit“? Was ist mit dem freien Willen?
Wir haben die Freiheit, das zu tun, was im kollektiven morphischen Zeitfeld schwingt, sozusagen ein gesellschaftlich verankertes Bild von Freiheit in einem beschränkten persönlichen Rahmen umzusetzen. Es geht immer darum, „das zu tun, was getan werden muss“, wie schon Goethe wusste. Wenn wir diesen Anspruch erfüllen, erhalten wir das, was zu einem „gefühlten“ Bild von Freiheit führt.
Und wo liegt das Ziel über das gesellschaftliche oder materielle Wirken der Menschen hinaus …?
Unsere Wurzeln liegen im Geist des Universums, im Unbekannten, und wir sind hierher gekommen, um uns zu verändern – um die Gesetze der Veränderung der Materie kennen zu lernen. Es geht hier darum, zu lernen, wie wir selbst auf unsere Welt einwirken – die Bedingungen zu gestalten, durch die wir die Welt verändern können, damit wir das Wirken unseres eigenen Geistes erfahren. Erst dann können wir merken, dass wir es selbst sind, die unsere Welt gestalten, und dass wir uns selbst verändern müssten, wenn wir unsere Welt verbessern wollten.
b) Spezielle Fragen zu den „höheren“ Erkenntnissen hinter den menschlichen Modellen
Wie hältst du es selbst mit dem christlichen Gottesbild?
Solange wir diesen Gott weder in uns selbst noch in unserer Erinnerung, sondern nur in den religiösen Schriften suchen, sollten wir uns diesem Gott nur aus dem historischen Blickwinkel eines Anthropologen nähern. Jeder Mensch hält in seinem Bewusstsein die Erinnerung an die schöpferische Quelle verborgen, den Geistfunken, zu dem er zurückkehren will. Es ist die Sehnsucht nach dem Paradies, die wir im Leben verdrängen, der Wille, ins gelobte Land zurückkehren zu wollen, in die Brunnenstuben, aus denen die Menschen ihre Götter schöpfen. Dahinter versteckt sich aber nicht die Rückkehr und die Verschmelzung mit der göttlichen Quelle, sondern der egoistische Anspruch, sich schöpferisch zu entfalten und im Grunde selbst wie Gott zu sein. Der Schluss liegt auf der Hand: Diese Bilder lenken von der Wirklichkeit ab – der kollektive Gott hilft uns nicht weiter, ganz im Gegenteil, er stärkt und behütet uns in unserer Illusion …
… sozusagen ein göttliches Gespenst, das sich in den eigenen Hintern beißt?
Gott ist ein Bild, das uns zwingt, uns mit den Wirkungen unserer eigenen Errungenschaften auseinandersetzen zu müssen. Irgendwie geht es darum, uns selbst die Aufgabe zu stellen, die uns hilft, Gott oder den Sinn des Lebens in den Zielen und den Auswirkungen unserer Taten zu erkennen. Deshalb zeigt dieses Bild von Gott immer wieder auf seinen Schöpfer, den Menschen, zurück …
Du glaubst, die Menschen haben sich ihren Gott nach ihrem eigenen Ebenbild geschaffen?
Klar, denn wir sehen immer nur das, was wir sehen wollen, und wir erkennen in der Welt die Dinge genauso, wie unsere kollektiven Prägungen uns einladen, das Gesehene zu interpretieren, damit es nicht aus dem Rahmen unserer gemeinsamen Vorstellung fällt. Schlimmer noch: Wir sehen in allem nur die Vorstellung unserer dualen Denkmuster bestätigt, die wir an der Wiege des Bewusstseins gerufen und seitdem differenziert und verfeinert haben. Im Grunde ist alles, was wir sehen, nichts anderes als ein Gebräu von elektronischen Impulsen im Hirn, die den Menschen zwingen, sich auf etwas zu beziehen, damit er wenigstens zwei Punkte hat, mit deren Hilfe er sich in seinem eigenen Konstrukt bewegen kann. Stell dir vor, unsere Ausrichtung, die Welt wahrzunehmen, würde sich verschieben, dann fiele die ganze Aufmerksamkeit im Wahrnehmen unserer Wirklichkeit zusammen und dann würde unsere ganze Zivilisation im Nu verschwinden.
Wo aber sitzt der Impuls, sich ein solches Ebenbild überhaupt schaffen zu wollen?
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