1 ...6 7 8 10 11 12 ...20 Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, gab es in Australien nur zwei „kleine Zeitschriften“, die Bohemia , in der häufig auch Avantgarde-Texte veröffentlicht wurden und ein Journal, das den Namen Venture trug. Dann kamen in den letzten Monaten des Jahres 1939 drei neue Zeitschriften auf den Markt: The People’s Poetry , Western Writing und Southerly . Weitere dieser Art folgten schon bald, sodass es schließlich schien, als hätte der Krieg die Gründung neuer Zeitschriften tatsächlich gefördert. Zurückzuführen war dies größtenteils auf die Beschränkung des Imports von Publikationen als Teil der Rationierung des „Luxus“ in dieser Zeit. Daher hatten die Leute mehr Geld zur Verfügung, um es für die heimischen Produkte auszugeben.
Der Redakteur des Pertinent war der Dichter Leon Batt, und die ersten zwei Ausgaben, die im August und September 1940 erschienen, kosteten im Handel sechs Pence. Später stieg der Verkaufspreis auf einen Schilling. Pertinent unterschied sich sehr vom Smith’s Weekly , es hatte ein anderes Hauptthema und definierte seine redaktionelle Herangehensweise prägnant: „Was es nicht will“, kündigte Leon Batt in einer offiziellen Bekanntgabe des Zeitschriftenhandels an, „sind sentimentale Klischees, konventionelle Dramen, einen chauvinistischen Patriotismus und romantische Verklärung. Cartoons, Ideen für Cartoons und ungewöhnliche Foto-Geschichten sind das, was es braucht, denn das Pertinent ist eine der wenigen nicht-intellektuellen Publikationen mit einem bestehenden Interesse an der Dichtung.“15
Es war der freidenkerische, innovative Ansatz des Pertinent , der Norton als eine potenzielle Mitarbeiterin anzog. Ihre ersten Zeichnungen, die zur Veröffentlichung angenommen wurden, waren zwei Fantasy-Werke, die geisterhafte Elementarkräfte darstellten, sowie eine Bleistift-Studie, die den Titel The Borgias trug und in der dritten Ausgabe abgedruckt wurde, welche im Oktober 1941 erschien.
In den November- und Dezember-Ausgaben des Jahres 1941 waren Leitartikel über ihr Werk enthalten. Der Eröffnungsabsatz eines solchen in der Dezember-Ausgabe las sich wie folgt:
Bleistiftzeichnung von Norton mit dem Titel The Borgias, im Pertinent abgedruckt.
Wenige, wenn überhaupt irgendjemand unter Australiens Künstlern, hat so viel Erstaunen und fachliche Kontroverse hervorgerufen wie Miss Rosaleen Norton. Weitere Studien dieser höchst bemerkenswerten Kunstentdeckung werden in den zukünftigen Ausgaben des Pertinent erscheinen. Die Originale dieser Werke können käuflich erworben werden.16
Die November-Ausgabe des Pertinent aus dem Jahres 1941 enthielt drei visionäre Zeichnungen: The Rite of Spring zeigt einen bärtigen Zentauren, The Dream eine Mischung aus ägyptischen und saturnalischen Bildern und Sorcery einen gehörnten Merlin, der einen konischen turmhaften Hut trägt und von einer Horde grinsender Ghoule und Hobgoblins umringt ist. Der Begleitartikel trug keinen Autorennamen und wurde wahrscheinlich von Batt selbst verfasst. Nach der Behandlung der heidnischen Einflüsse auf Nortons Kunst stellte der Verfasser fest, dass das Werk der Künstlerin, „abgesehen von seiner angeblich thematischen und bildnerischen ‚Unorthodoxie‘, unzweifelhaft über das Gewöhnliche hinausreicht. Man zollt ihm nun mehr Interesse und Aufmerksamkeit als in der Vergangenheit.“ Diese Aussage bezog sich möglicherweise auf den Smith’s Weekly und Frank Marien, der Nortons künstlerische Talente nicht anerkannte. Leon Batt glaubte ganz sicher, dass der Pertinent mit den Kunstwerken Rosaleen Nortons eine wichtige Entdeckung gemacht hatte: „Der Pertinent fühlt, dass mit Miss Rosaleen Norton eine Künstlerin entdeckt wurde, die es wert ist, mit einigen der besten Zeitgenossen des Kontinents, sowohl Amerikas und Englands verglichen zu werden.“
Für die Dezember-Ausgabe aus dem Jahre 1941 lieferte Norton weitere Bildwerke. Der Artikel More from the Folios of Miss Rosaleen Norton’s Art wurde mit einer Zeichnung in Aquarellfarben und Bleistift eröffnet und zeigte den „Bock von Mendes“, eine stilisierte Interpretation des Teufels als ein grinsendes, ziegenköpfiges Ungeheuer. In dem Artikel enthalten waren auch noch zwei andere Zeichnungen: Nightmare und Desolation . Norton wurde von der Berichterstattung über ihre Person zu dieser Erweiterung der Publikation ermutigt, denn für sie bedeutete die Anerkennung, die ihr damit zuteilwurde, einen Durchbruch, auch wenn es sich bei The Pertinent nur um ein kleineres Blatt handelte. Einen bedeutenden Effekt auf ihr Leben würde Nortons Verbindung zu dieser Zeitschrift allerdings in anderer Hinsicht haben, denn der Pertinent würde schon bald damit beginnen, die Werke eines jungen Schriftstellers zu veröffentlichen, welcher Nortons Liebhaber und später sogar ihr Partner in magischen Ritualen werden sollte: Der Dichter Gavin Greenlees.
Gavin Greenlees und seine Dichtung
Gavin Greenlees war ohne Frage ein frühreifes Talent; zwei seiner frühen Gedichte wurden im Jahre 1943 im Pertinent veröffentlicht. Zu diesem Zeitpunkt war er gerade mal dreizehn Jahre alt.17 Greenlees wurde am 15. April 1930 in Armadale, einem Vorort von Melbourne, geboren. Seine Eltern gehörten, wenn sie auch nicht sehr wohlhabend waren, dennoch der Mittelklasse an. Sein Vater, Gavin Senior, war von Beruf Journalist; seine Mutter Gladys war als Sozialarbeiterin beschäftigt. Greenlees‘ Eltern versuchten, in ihrem Sohn die Liebe zur Literatur zu entflammen und stellten sicher, dass er eine umfassende und strenge Erziehung genoss.
Gavin Greenlees im Jahre 1949
Er wurde auf der Elwood Public School eingeschult und besuchte später das Christian Brother’s College und weiterhin St. Patrick’s, Ballarat und die Melbourne High School.
Im Alter von zwölf Jahren gewann Greenlees dreimal hintereinander Dichterwettbewerbe, die von der australischen Medienkommission gesponsert wurden, und mehrere seiner Werke erschienen später in dem Australian Weekend Book . In den frühen 1940er Jahren wurden mehrere von Greenlees‘ Gedichten auch im ABC Weekly und im Australia Monthly publiziert.
Greenlees‘ frühesten künstlerischen Einfluss übte der Surrealismus aus, den er entdeckte, als er zwölf Jahre alt war. In einem persönlichen Kommentar zu The Art of Rosaleen Norton – eine Kollaboration von Norton und Greenlees, die erstmalig im Jahre 1952 veröffentlicht wurde – merkte Norton an, dass der Surrealismus „seine Fantasie derart anregte, dass er besessen davon wurde … Mit seiner Intuition erfühlte er geheimnisvolle, unbekannte Welten und auch die Möglichkeit, diese heraufzubeschwören … “
Es ist unwahrscheinlich, dass Norton Greenlees in den frühen Jahren des Pertinent persönlich kannte, denn zu dieser Zeit war er noch ein Schuljunge, der in Victoria lebte; doch es steht außer Zweifel, dass es letztendlich das Journal als gemeinsamer Publikationsort war, welches die beiden letztlich zusammenbrachte.
Ein Artikel über Nortons okkulte und visionäre Kunst erschien in der Juni-Ausgabe des Pertinent im Jahre 1943, und in derselben Ausgabe wurde auch ein Gedicht von Norton, das den Titel Winter Night Thoughts trug, veröffentlicht. Der neue Artikel über Norton war untertitelt mit A Vision of the Boundless , und Norton wurde darin als Hellseherin präsentiert, die Auskunft über „verborgene Welten“ geben kann und als Mystikerin, die in der Lage ist, jene Dimensionen des Bewusstseins zu durchdringen, die von Normalsterblichen nur schemenhaft wahrgenommen werden können. Erst kurz zuvor war Norton eine Gemäldeausstellung im Pakie’s Club in Sydney angeboten worden; ein bekannter Treffpunkt für Nachtschwärmer in der Elisabeth Street, der von Künstlern, Journalisten und Vertretern der Bohème regelmäßig besucht wurde. Der Pertinent-Artikel , von einem Autor verfasst, der sich nur einfach „Paul“ nannte, war eine kritische Betrachtung dieser Ausstellung. Paul erklärte dem Leser, dass „viele der Bilder“ auf den ersten Blick „unangenehm erschienen, weil sie Darstellungen des Bösen“ waren. Die meisten Arbeiten ekelten ihn an, doch er gab nicht der Künstlerin, sondern sich selbst die Schuld daran:
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