Plötzlich war da Corinnes gellender Schrei, als Viviennes Zähne in ihre Halsschlagader eindrangen. Ein Schrei, kurz und grauenerregend, als würde er von einem gefangenen Kaninchen kommen – doch es war niemand da, der ihn hören konnte … nur die dünnen, gemeißelten Lippen des Jünglings schienen zu lächeln, als das warme Blut des Opfers über seine Füße lief.11
Marien war beeindruckt von Nortons imaginativen, wenn auch gruseligen Fähigkeiten als Autorin und entschied sich, ihr eine Stelle als Jungjournalistin anzubieten, obwohl ihm gleichzeitig bewusst war, dass es nötig sein würde, die kreativen Energien der Schreiberin in eine Form zu bringen, die für die Leser verdaulicher war. Bald darauf jedoch bestand Norton darauf, als Graphikkünstlerin und nicht als Journalistin angestellt zu werden. Marien war sich ihrer künstlerischen Talente nicht sicher und machte ihr klar, dass die Zeichnungen, die der Smith’s Weekly abdruckte, humorvoll und geistreich waren und das Hauptanliegen darin bestand, die Leser zum Lachen zu bringen. Norton versicherte ihm, dass sie in der Lage dazu wäre, Illustrationen im angemessenen Stil zu produzieren.12
Leider erwiesen sich die ersten Zeichnungen, die Norton für den Smith’s Weekly anfertigte, als kommerziell inakzeptabel. Die erste Komposition, die sie Marien anbot, zeigte eine Anzahl von Frauen, die auf einer Art Gras im Kreis saßen und sich darüber amüsierten, wie sie ihre Neugeborenen bissen. Auf einer anderen, mit einem Kommentar versehenen Zeichnung sah man zwei Mädchen vor einem Tigerkäfig im Zoo stehen. Eines der Mädchen schaute zu dem Zoowärter hinüber und bemerkte gegenüber ihrer Freundin: „Wäre das nicht ein Spaß, wenn die Tiere ihn auffressen würden!“
In den darauffolgenden Monaten bat Marien Norton, ihre Werke in einem für die Allgemeinheit zugänglicheren Stil anzufertigen. Doch Norton war nicht in der Lage, die Art von Illustrationen zu produzieren, die von der Leserschaft des Smith’s Weekly angenommen wurden. Nach acht Monaten verließ sie den Smith’s Weekly , und sie konnte von da ab malen und zeichnen, wie es ihr beliebte.
Das Leben nach dem Smith’s Weekly
Norton entschied sich, nicht nur eine für ihre Kunst günstigere Umgebung als den Smith’s Weekly zu finden, sondern auch ihre Familie in Lindfield zu verlassen. Nortons Mutter war kurz zuvor gestorben und nun gab es keinen emotionalen Druck mehr für die Tochter, zuhause zu bleiben. Sie hinterließ ihrem Vater und ihren Schwestern eine handgeschriebene Notiz auf dem Kaminsims, packte ihre Sachen zusammen und ging zum Bahnhof, der ganz in der Nähe des Hauses lag. Doch ihr wurde schnell klar, dass sie ihre Abreise nicht richtig geplant hatte:
Die einzige Sache, die ich übersehen hatte, war Geld. Am Bahnhof wurde mir klar, dass ich nicht einen Penny bei mir hatte. Und ich konnte mit zwei schweren Koffern nicht in die Stadt laufen, so borgte ich mir zwei Schilling von dem hiesigen Bibliothekar. Das brachte mich triumphierend mit dem nächsten Zug in die Stadt.15
In der Stadt angekommen trat sie sofort mit mehreren Kunstateliers in Kontakt, da sie Arbeit als Künstlermodel suchte. Nach Aussage von Cecily Boothman, Nortons älterer Schwester, stand sie auch mehrere Male für Norman Lindsay Modell, als sie ihn zuhause und in seinem Atelier bei Springwood in den Blauen Bergen westlich von Sydney besuchte, wo sie ihm auch einige ihrer Zeichnungen zeigte. Lindsay hielt Nortons übernatürliche Kunst für roh und eindimensional, doch zweifelsohne hatte er auf ihren Stil einigen Einfluss. In den frühen 1950er Jahren wurde Norton für genau denselben bacchanalischen Kunststil – heidnische Feste, herumtollende unbekleidete Frauen und Satyrn – bekannt, der Norman Lindsays frühe Strichzeichnungen zu einem so kontroversen Gegenstand werden ließ. In den 1930er Jahren hingegen war Norton noch dabei, die rudimentären Grundlagen ihres künstlerischen Stils zu formulieren und entwickelte in dieser Zeit ihre eigene, einzigartige Bandbreite albtraumhafter Bildwelten. Dennoch war sie auch häufig als Model angestellt:
Man hielt mich für ein gutes Model; nicht wegen meiner Kurven, deren Nichtvorhandensein ihren eigentlichen Reiz ausmachte; da ich aber selbst Künstler war, wusste ich, welche Posen sich am besten zeichnen ließen. Es gab viel zu tun, vieles lag vor mir. Als ich meinen gegenwärtigen Freund kennen lernte, erfuhr ich, dass auch er seine Arbeit verloren hatte; dennoch aber war genug Geld da, um in einem der märchenhaften alten Gebäude in der Gloucester Street – dem früheren „Ship and Mermaid Inn“, dem ersten Pub in Sydney, – ein Zimmer (damals acht Schilling) anzumieten. Später wurde dieser Pub ein Treffpunkt für Künstler, Musiker und Alkoholiker.14
Das „Ship and Mermaid Inn“, das im Jahre 1841 gebaut wurde, lag genau gegenüber dem Circular Quay von Sydney. Es war in der Zeit, als sie dort wohnte, da Norton anfing, esoterische Literatur zu lesen, unter anderem auch Werke zur mystischen Kabbala, zu vergleichenden Religionswissenschaften und mittelalterlicher Dämonologie. Damals begann sie auch ihr Interesse an dem griechischen Gott Pan zu entwickeln. Während ihres Aufenthaltes im „Ship and Mermaid Inn“ nahm sie verschiedene Teilzeit-Arbeiten an und war zeitweilig als Küchenhilfe in einem Krankenhaus, als Designerin für einen Spielzeughersteller und als Kellnerin in einem Nachtclub der Bohème von Sydney tätig.
Irgendwann im Jahre 1935 lernte Rosaleen auf einer Veranstaltung in Bellevue Hill einen jungen Mann namens Beresford Conroy kennen. Sie waren beide erst siebzehn zu dieser Zeit und entwickelten schnell Sympathie für einander. Beresford war gut gebaut und attraktiv und ein frühes Foto zeigt das junge Paar glücklich, lächelnd und in Zweisamkeit vereint. Sie heirateten am 24. Dezember 1940, machten sich danach, wie Rosaleen es ausdrückte „auf den Weg“, und fuhren per Anhalter zuerst von Sydney nach Melbourne, dann weiter nach Norden Richtung Brisbane und Cairns. Als sie zurück in Sydney waren, zogen sie in ein altes Sandsteingebäude in der Bayswater Road, wo sich heute das Seniorenheim der Church of England befindet. Doch leider hielt die Ehe mit Beresford nicht lange. Von einem Schwall von Patriotismus erfüllt, der mit den schnell eskalierenden Spannungen des Zweiten Weltkriegs kam, ging Beresford als Freiwilliger zur Armee, verließ Australien, um in Neu Guinea zu dienen und ließ seine junge Frau allein zurück. Norton war davon nicht beeindruckt, und als er aus dem Krieg zurückkam, reichte sie die Scheidung ein, obwohl sie erst 1951 wirklich geschieden waren. Beresford und Roie gingen nun auseinander, und sie zog in ein altes Steingebäude, das den Namen Merangaroo trug und welches so farbenfroh war wie Beggary Barn.
Es war ursprünglich von Sträflingen gebaut worden, lag unweit der Garrison Church im Rocks Bezirk, und wurde von einer exzentrischen Eigentümerin namens Mrs. Carter geführt. In diesem Haus lebten alle Arten von Menschen – Künstler der Bohème, Seeleute und sogar ein englischer Geheimagent, der einmal einen mutmaßlichen Nazi-Sympathisanten drei Wochen lang in seinem Schlafzimmer gefangen hielt. Es war ein exotischer und unberechenbarer Ort – jene Art exzentrischer Gemeinschaft, in der Norton voller Freude lebte. Die Zeit im Merangaroo regte ihre Fantasie an und brachte sie dazu, die besten Seiten ihres Talents gedanklich zu ergründen.
Bald darauf kehrte Norton in die Welt der Zeitschriften und Boulevardblätter zurück. Da der Smith’s Weekly für sie nicht mehr in Frage kam, begann sie eine geeignete Plattform für ihre Zeichnungen und Schriften zu suchen. Diese fand sie schließlich bei einer kleinen Zeitschrift namens Pertinent , ein taschenbuchgroßes Monatsblatt, das sich selbst als Mischung aus „Fiktion, Fotos und Fakten“ bezeichnete.
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