1 ...7 8 9 11 12 13 ...20 Wenn ich diese Gefühl offen und ehrlich analysieren soll, finde ich nur eine Erklärung: Für das Unreine ist alles unrein. Es gibt nichts Ekelhaftes dabei, nicht einmal jene Bilder, die grauenhafte, erschreckende, ja sogar abstoßende Ideen oder Darstellungen zeigen. Alles in allem sind die Zeichnungen und Gemälde stilistisch perfekt ausgeführt; und auch wenn sie aufgrund des Gegenstandes etwas flüchtig wirken, so sind sie doch gut balanciert, erdacht und in sich vollständig.18
Paul präsentierte Norton als eine Person, die Interesse an „okkulten und psychischen Phänomenen“ hatte und sich mit ihnen gut auskannte. Er betonte auch, dass Norton eine Praktikerin war, also jemand, der diese Phänomene an sich selbst erfuhr:
Aus einer Praxis der Selbsthypnose heraus hatte sie die höchst außergewöhnliche Fähigkeit entwickelt, die Dimension der Psyche wirklich zu betreten, ihre Persönlichkeit auf andere Ebenen als die physische zu transportieren und mit ihren Sinnen das wahrzunehmen, was für die meisten von uns für immer im Verborgenen bleibt …19
Nortons Zeichnung mit dem Titel Nightmare
Der Artikel enthielt auch drei Zeichnungen von ihr. Eine trug den Titel Challenge und zeigte eine nackte Frau, die mit einer Spinne kämpft. Eine andere, Medieval Scene , stellte eine Ansammlung jovialer Mönche, Magier, Hexenmeister und Hofnarren dar. Nightmare zeigte eine archetypische Gottform, die aus dem nackten, liegenden Körper einer Frau aufsteigt, bei der es sich deutlich um Norton selbst handelte.
Norton mit der Zeichnung Nightmare
Nightmare bildete das menschliche Bewusstsein ab, das die Grenzen der Zeit transzendiert und die astralen und mythischen Dimensionen durchdringt. Damit manifestierte Norton in ihrer Kunst eine deutliche Darstellung von Trance-Zuständen. Die Zeichnungen waren der Vorläufer vieler visionärer Illustrationen, die später Greenlees‘ Gedichte in der limitierten Ausgabe von The Art of Rosaleen Norton begleiten sollten.
Es ist nicht bekannt, wann Norton und Greenlees sich zum ersten Mal trafen, doch Mitte Juli 1949 reisten sie beide per Anhalter von Sydney nach Melbourne, um dort einen Ort für eine Ausstellung mit den aktuellen Werken der Künstlerin zu finden. Nachdem sie Kontakt mit einem Studenten namens Ian Stapelton20 von der University of Melbourne aufgenommen hatten, wurde eine Galerie der Rowden White Bibliothek derselben Universität für eine Ausstellung gebucht. Unter den sechsundvierzig ausgewählten Werken befanden sich einige von Nortons bis zu diesem Zeitpunkt besten Zeichnungen : Timeless Worlds , Lucifer , Triumph , The Adversary , The Initiate , eine frühe Version von Individuation , Merlin und Loosing (sic) of the Whirlwind . Viele dieser Werke wurden in Farbe fotografiert, obgleich diese Farbdias erst im Jahre 1982 auftauchten.
Norton, Greenlees und Stapelton
Die Ausstellung war hauptsächlich für Studenten und Akademiker konzipiert, doch nur zwei Tage nach ihrer Eröffnung betrat die Polizei von Victoria die Galerie und konfiszierte vier der ausgestellten Gemälde. Später wurden auf Grundlage der Strafrechtsverordnung aus dem Jahre 1928 Anzeigen gestellt, bei denen Nortons Witches’ Sabbath , Lucifer , Triumph und Individation als dekadente und obszöne Kunstwerke bezeichnet wurden, durch welche der Betrachter möglicherweise zu ungesunden sexuellen Gelüsten verführt werden könnte.
Während der nachfolgenden Gerichtsanhörungen am Carlton Court in Melbourne, dem Rat der Krone und Repräsentant der Polizei von Victoria, wurde argumentiert, dass Norton Werke ausstellte, die durch mittelalterliche Dämonologie inspiriert wurden. Nortons Verteidiger A.L. Abrahams entgegnete, dass die angeblich obszönen Bilder der Künstlerin harmlos waren im Vergleich zu Illustrationen, die in dem Buch The History of Sexual Magic abgedruckt worden waren. Diese Publikation wurde trotz ihrer Darstellungen von der Zensur genehmigt und war überall in Australien erhältlich. Abrahams führte des Weiteren an, dass Nortons Kunst, um sie für schuldig im Sinne der Anklage befinden zu können, von einer Art sein müsste, die „schädlich für alle jene Menschen ist, deren Geist unmoralischen Einflüssen gegenüber offen ist.“ In seinem Abschlussplädoyer befand der Bepfründete Richter Addison schließlich zu Nortons Gunsten, ließ die Anklagen gegen sie fallen und verhängte eine Gesamtkostenauferlegung gegen die Polizei.
Witches’ Sabbath aus dem Jahre 1949
Während sich Norton in Melbourne aufhielt, wurde sie von Professor Oeser kontaktiert, der die Psychologische Abteilung der University of Melbourne leitete. Daraufhin stellte sie sich bei dessen Kollegen, dem Psychologen L.J. Murphy für den Rorsbach-Behn-Test Verfügung. Die faszinierenden Einsichten in Nortons magische und künstlerische Prozesse, die sich aus diesem Test ergaben, sowie das Interview, das Murphy mit ihr führte, werden in einem späteren Kapitel behandelt.
Die Bohème von Kings Cross
Nach ihrer Rückkehr aus Melbourne zogen Norton und Greenlees in ein Viertel Sydneys namens Kings Cross, ein Vorort der Stadt, der Exzentriker, Dichter, Landstreicher und Künstler anzog und für seinen unbürgerlichen Lebensstil bekannt war. Viele farbenfrohe Charaktere wohnten in Kings Cross – das Viertel war Sydneys Gegenstück zu Greenwich Village in New York und Soho in London. Ursprünglich war diese Gegend um die Bayswater Road, die Darlinghurst Road und Victoria Street ein exklusiver Wohnort der Wohlhabenden. Im Viktorianischen und Edwardianischen Zeitalter hatten erfolgreiche Händler hier ihre Stadthäuser errichtet und aus der Gegend einen Ort eleganter Zurückgezogenheit gemacht. Doch dann gab es demographische Veränderungen und Kings Cross wurde, wie Frederick C. Folkhard in seinem Buch The Rare Sex feststellte, in den 1920er Jahren zum „Treffpunkt für Schriftsteller, Dichter, Maler, Bildhauer, Musiker und Gammler.“21
In dieser Zeit gab der junge Amerikaner „Wild Bill Kelley“, Sohn eines kalifornischen Millionärs, in seiner Wohnung am Royston Square eine Reihe scheinbar endloser Partys; und in dieser aufrührerischen, dunstigen Stimmung schien es so, als würde jeder gleichzeitig trinken, singen, zechen, diskutieren, Sex haben oder Faustkämpfe austragen. Diese Partys liefen unablässig – solange, bis ein Mädchen namens Dell Hutton bei einer dieser Zusammenkünfte in einer Sommernacht des Jahres 1926 an einer Drogenüberdosis starb.
Dulcie Deamer, die berühmte australische „Königin der Bohème“ führte zu dieser Zeit ebenfalls ein wildes Leben und sollte später behaupten, sie hätte über zweitausend Partys in Kings Cross miterlebt. Auf dem Künstlerball des Jahres 1924 trug Dulcie ein sensationelles Leopardenkostüm und war als eine Dame bekannt, die auf den Tischen der Café-Häuser einen Spagat zu machen pflegte. Einmal verlangte einer ihrer Vermieter, dass Dulcie ihre Wohnung verlassen solle; und sie war darüber so erbost, dass sie sich ein ruhiges altes Pferd besorgte und es in die Wohnung brachte. Dann füllte sie die Badewanne mit Wasser, legte ein wenig Heu in eine Ecke und verließ unbemerkt das Haus – und ließ das Pferd zurück.
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