„Bei mir wird das nie was“, bekannte ich. Wenn ich wenigstens wüsste, was ich verkehrt machte. Es schien, als ob bei identischer Vorgehensweise Franks Stämme jedes Mal gelangen, während meine selbst mit Nachsägen nie so richtig passten. Chris hatte ebenfalls kein Händchen und keine Geduld für die akribische Nut-und-Fugen-Arbeit: Er sägte mit der Alaskan Mill , einem Aufsatz für die Kettensäge, den ganzen Tag lang die Stämme zurecht, sodass sie zwei flache Seiten zum Aufeinanderliegen hatten. In Akkordarbeit stellte er die Dutzende von Brettern her, die wir nicht nur für als Fußbodenbohlen, sondern auch für Fenster- und Türrahmen sowie Dachgebälk benötigten. Eine staubige, laute Arbeit, um die wir ihn nicht beneideten.
Frank zuckte die Achseln. „Schau dir doch das Werkzeug an, mit dem wir arbeiten! Das kann ja nur ungenau werden.“
„Bei mir auf jeden Fall.“ Ich schleppte das bereits geschälte Stämmchen zum Bau, wo sich die Blockhauswände inzwischen in den Himmel reckten. Isolierendes Moos hing zwischen den Stämmen heraus, und an der Südseite gähnten die beiden großen Fensteröffnungen.
Ich schob den Stamm auf die halbfertige Ostwand. Mit einem Ende steckten die waagerechten Stämme bereits in der Fuge des Stützpfeilers, während der zweite Stützpfeiler noch nicht gesetzt war: Unsere Lösung des Problems mit den waagerechten Stämmen. Erst wenn die Wand ganz in die Höhe gezogen war, schoben wir den zweiten Stützpfeiler heran und nagelten ihn an den Fußbodenbohlen fest. So konnten wir die waagerechten Stämme einfach aufeinanderstapeln, statt sie von ganz oben zwischen die Pfeiler hineinhebeln zu müssen.
Ich richtete den zweiten Stützpfeiler auf und schob ihn probeweise gegen das Wandende um zu prüfen, dass auch alle Nuten in der Fuge verschwanden. Die von mir gesägte war zu lang geraten und sah nicht schön aus, aber zumindest passte es.
Chris warf einen weiteren zweiseitig zugesägten Stamm, der eine Nutbehandlung brauchte, vor der Baustelle auf den Boden und wischte sich mit dem Arm über die von Sägemehl gepuderte Stirn und Ohren. „Die Blackflies machen mich noch wahnsinnig!“
„Zeig mal.“ Tatsächlich, rote Punkte tüpfelten seine Haut, wo die blutsaugenden Fliegen zugebissen hatten. „Das Insektenmittel ist hinten beim Werkzeug. Soll ich mal sägen?“ Keine verlockende Vorstellung, auch wenn es eine Abwechslung von der Nutsägerei wäre.
Die Bauarbeiten schreiten voran
Er beugte sich vor und gab mir einen staubigen Kuss, der nach Benzin schmeckte. „Ach, es geht schon. Bald können wir mit dem oberen Stockwerk anfangen!“
„Dann müssen wir uns zur Belohnung aber einen extra Tag freinehmen“, schlug ich vor. „Das muss doch echt drin sein – wir schuften sechs Tage die Woche, und der freie Tag geht immer mit so Sachen wie Brot backen oder Wäsche waschen drauf!“
Chris, gut eingehüllt gegen Mücken und Blackflies
„Oder mit Trips nach Atlin.“ Von Nägeln über Fenster bis hin zu den OSB-Platten für den Fußboden und den Metalldachpaneelen kam dank Chris und seiner winterlichen Flussbegehung alles heil mit dem Jetboot bei uns an. „Ja, dann machen wir einen Tag frei. Aber jetzt weiter, damit wir die Hütte vorm Winter noch fertigkriegen!“
Seufzend kniete ich mich vor den nächsten Stamm, um wieder eine Nut zu sägen. Immerhin lockte der freie Tag in nicht allzu weiter Ferne.
Die Hunde rannten aufgeregt vor Chris und mir her, konnten ihr Glück kaum fassen: Ein Spaziergang! Keine kurze Runde ums Grundstück mit Abstecher in die Bootsbucht wie in den letzten Wochen, sondern eine echte Exkursion in den noch immer unbekannten Wald. Weg- und steglos, wie die Wildnis war, ging es in einer Art Hürdenlauf unter, über und mitten durch das Gesträuch.
Unser Urlaubstag fühlte sich an, als würden wir schwänzen – fast hatte ich ein schlechtes Gewissen, endlich einmal allein mit Chris und den Hunden unterwegs zu sein. Wo wir hingingen, war mir egal; ich wollte nur das Gefühl auskosten, mit Chris durch die Gegend zu streifen, die uns irgendwann ein Zuhause sein würde. Meine Gedanken drehten sich immer noch um die praktischen Fragen des Wildnislebens.
Silas kann sich für die Bauarbeiten nicht begeistern
Ich tastete nach dem Bärenspray an meinem Gürtel, das ähnlich wie Pfefferspray wirkt, aber entsprechend stark für Bären dosiert ist. „Meinst du, wir müssen uns richtige Pfade durch den Wald anlegen?“
Chris duckte sich unter einem umgestürzten Baum hindurch. „Keine Ahnung. Vielleicht finden wir mit der Zeit ja Wildwechsel, die wir nutzen können … wenn wir endlich Zeit haben! Ich würde auch so gerne noch einen Elch schießen, sonst haben wir nur die paar Gläser Einmachfleisch.“
Ich rümpfte die Nase. „Die reichen schon bis zur nächsten Jagdsaison. So das Geschmackserlebnis ist das nicht … riecht wie Hundefutter aus der Dose, wenn man ein Glas aufmacht.“
Weideröschen
„Vielleicht müssen wir es das nächste Mal schon gleich beim Einkochen würzen oder die Soße machen“, schlug Chris vor. „Und wir können ja auch immer einen Teil Elchfleisch in Atlin in meiner Gefriertruhe bunkern.“
„Aber wenn wir mit dem Bauen fertig sind, musst du ja nicht mehr so viel hin und her fahren, oder? Dann kämen wir an deine Gefriertruhe nicht so oft ran.“
Eine winzige Wiese mit wilden Himbeerbüschen tauchte vor uns auf. Der See, an dem wir uns orientierten, glitzerte durch die grünen Bäume. Nur hie und da warnten ein paar Zweige mit frühem Herbstlaub davor, dass der Winter und das Ende der Bausaison nahten. Vom Wasser hallte der geisterhafte Ruf eines Eistauchers zu uns empor.
Chris pflückte ein paar Beeren und steckte mir eine in den Mund. Sie zerplatzte herrlich süß und fruchtig auf meiner Zunge. „Kommt drauf an, wie sich unsere Jugendherberge und Survivalkurse entwickeln.“
Ich kniete mich neben ihn. Wilde Himbeeren! Koyah und Silas schnüffelten interessiert am Busch und begannen mit spitzen Lippen, die besten Beeren zu pflücken. „Nee, sucht euch woanders was“, protestierte ich. Wenigstens betrieb Blizzard, mein blonder Wald- und Wiesenmischling, keinen Mundraub: Hechelnd hatte er sich in den Schatten gelegt. „Wir müssen uns auch bald entscheiden, wie die Leute bei uns überhaupt buchen können.“
„Satellitentelefon oder Funktelefon“, sagte Chris. „Oder Satelliteninternet.“
„Tja, nur was davon?“ Für diesen Sommer und Winter hatten wir nur ein Funkgerät. Telefonisch erreichen konnte uns niemand, und wenn wir ein Problem hatten, würden wir erst per Funk jemanden erreichen müssen, der für uns telefonierte. Auf die Dauer war das kein Zustand.
„Ich bin ja für Satelliteninternet“, meinte Chris und legte sich auf den Rücken. Koyah nutzte sofort die Gelegenheit, ihm quer übers Gesicht zu lecken – er war ein begeisterter Küsser und hatte die schnellste Zunge des Nordens. „Bäh! Geh!“
„Mit Internet in der Wildnis … “ Ich seufzte.
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