Natürlich gab es im Sozialismus auch Mann und Frau, und die Kinder wurden wie in der Urgesellschaft und wie im Kapitalismus gezeugt. Die Gesellschaft der DDR stand unter sexuellem Druck und suchte sich ihre Ventile. Sie fand sie in der Freikörperkultur. Diese war nie verboten worden, aber sie war zunächst ein Randphänomen. Die Moritzburger Teiche, der Ostseestrand auf dem Darß und ähnliche Badestellen waren Geheimtipps. Erst in den 1980er Jahren erschien ein FKK-Führer zu all diesen Stränden, nachdem sie sich ausgeweitet und ein immer breiteres Publikum gefunden hatten: die Kiesgruben in Luppa bei Oschatz, in Naunhof bei Leipzig, in Pahna bei Frohburg und eine wachsende Anzahl von Strandabschnitten an der Ostseeküste. Dort entfaltete sich ein gemäßigt-wildes Leben. Nicht jugendgefährdend wie am französischen Cap d’Agde, aber doch eine kleine Welt ohne FDJ-Bluse, ohne sozialistische Losungen, eine Welt, die Lenin nicht geplant hatte – ein Stück Freiheit. Da wurden abends Lieder zur Gitarre gesungen, da gab es Lagerfeuer, die nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr angemeldet waren, da regelte sich alles von der Basis her – der staatliche Überbau musste lediglich für den geordneten Pkw-Parkplatz sorgen (womit er genug zu tun hatte). Hier begegneten sich der Parteisekretär und der Pfarrer incognito.
Gemessen an der Bevölkerungszahl waren diese DDR-Paradiese stärker besucht als die entsprechenden Areale in der alten BRD. Vielleicht lag es ja auch daran, dass es im Westen mehr schicke, modische Badeanzüge gab, die die weibliche Welt Parade tragen wollte, während die schlichteren DDR-Kostüme aus Malimo weniger Reiz hatten als das, was die Natur den Frauen schenkte. Jedenfalls war die DDR auf diesem Gebiet führend, vielleicht sogar Weltspitze – und sie hatte etwas, das es im gesamten sozialistischen Lager nicht noch einmal gab. Im Zuge der Freikörperkultur bürgerten sich dann im letzten Jahrzehnt der DDR auch gemischte Familiensaunen ein. Auch in einzelnen DEFA-Filmen wurden, nachdem die DDR ideologisch gefestigt schien, gelegentlich züchtige, aber doch verlockende Busen enthüllt. Und im Theater Karl-Marx-Stadt begann mit der Inszenierung von Goethes „Faust I“ 1975 das, was einem heute das Leipziger Schauspiel vergällt: der Auftritt entblößter Körper – jedoch noch nicht in regelmäßigen Kopulationsszenen, sondern indem für eine Minute drei junge Hexen barbusig in der Walpurgisnacht durch die Reihen sprangen. Die Vorstellung im großen Saal der Stadthalle war immer ausverkauft „Die nackte Republik“ – das war die DDR.
Конец ознакомительного фрагмента.
Текст предоставлен ООО «ЛитРес».
Прочитайте эту книгу целиком, купив полную легальную версию на ЛитРес.
Безопасно оплатить книгу можно банковской картой Visa, MasterCard, Maestro, со счета мобильного телефона, с платежного терминала, в салоне МТС или Связной, через PayPal, WebMoney, Яндекс.Деньги, QIWI Кошелек, бонусными картами или другим удобным Вам способом.