Die Braunkohle wurde hauptsächlich in Brikettform ausgeliefert und verbrannt. Wir brauchten für unseren großen Haushalt zirka 100 bis 120 Zentner im Jahr. Die kleine Papierfabrik, in der mein Vater arbeitete, benötigte einen Eisenbahnwaggon Kohle aller zwei Tage. Damit das ganze Land heizen und seine Wirtschaft laufen konnte, mussten zahlreiche Siedlungen zerstört und ihre Bewohner umgesiedelt werden. Jahrmillionen hatte es gedauert, bis die Braunkohle entstanden war, in Jahrzehnten wurde sie ausgeplündert und verbraucht für nur wenige Generationen der Menschen. In der Umgebung von Leipzig verschwanden zirka vierzig Dörfer und eine Kleinstadt (Eythra) von der Landkarte. Flussläufe wurden verlegt, Straßen und Eisenbahnlinien. Eine idyllische Auwaldlandschaft wurde zur mondartigen Wüste. Alte Schlösser, Bauerngüter und Kirchen wurden abgerissen, lediglich das wertvolle Inventar der Kirchen wurde geborgen und auf andere Kirchen verteilt. Es gab mangels politischer Öffentlichkeit keine Proteste der Bevölkerung. Geduldig wie Schafe ließen sich die Menschen zur Schlachtbank führen. Sie gaben ihre Bauerngüter, ihre Häuser und Gärten auf und erhielten als Ersatz eine kleine Neubauwohnung in Markkleeberg, Borna oder Leipzig und waren darauf bis zur Wende (als ihnen der reale Geldwert und der Betrug, den sie erfahren hatten, bewusst wurde) manchmal noch stolz, weil diese Wohnung zentralbeheizt war und über ein Bad verfügte, damals noch Luxus in der DDR.
Subjektiv war der Umgang mit der Kohle nicht schlimm, sondern eher erlebnisbetont. Die schwarzen, an den Pressseiten glänzenden Briketts fassten sich sympathisch an. Das Heizen der Öfen war mir nicht lästig, sondern Teil des Alltags und konnte Spaß machen. Sicher war es mühsam, hundert Zentner Kohle erst durchs Kellerfenster in den Kohlekeller zu schippen, nachdem die Ladung vom Lkw vor oder hinter dem Haus abgekippt worden war, und diese Kohlen dann in täglichen Portionen eimerweise wieder in die oberen Wohnetagen zu tragen, aber letztlich war das nicht das Elend der DDR, sondern hatte einen Zug, das Leben noch selbst zu meistern, so wie man selber wusch und kochte. Das Heizen mit Kohle hinterließ gewaltige Mengen an Asche. Dafür gab es ursprünglich Aschegruben, die gefüllt und dann wieder von Zeit zu Zeit geleert werden mussten – eine wesentlich schmutzigere Angelegenheit als das Heizen. Später gab es für jedes Haus Aschetonnen aus Zink, die von der Ascheabfuhr im zweiwöchentlichen Rhythmus abgeholt wurden. Im Winter wurde die Asche von Hausbesitzern gelegentlich auch als Streumittel auf den Gehwegen eingesetzt, was eine üble Sauerei war. Vor allem aber waren die Schornsteine der Fabriken Schmutzschleudern. Kaum eine Heizungsanlage verfügte über Filter, die meisten Betriebe stammten noch aus der Vorkriegszeit und wurden auf Verschleiß gefahren.
Verbreitet war der Beruf des Heizers, der heute fast verschwunden ist und wie der des Schornsteinfegers zu den „schwarzen Künsten“ zählte. Auf jeder Lokomotive, in jeder Schule, in jedem Kindergarten, in jeder Fabrik, in jedem Krankenhaus, in jedem Kino wurden Heizer benötigt – ein Heer von Heizern war in der DDR beschäftigt. Natürlich musste nicht überall acht Stunden lang geheizt werden, sodass es für manchen Heizer auch gemütliche Lesestunden im warmen Kabuff gab. So gab es keine Arbeitslosen in der DDR, aber die Wirtschaft musste daran bankrott gehen.
Schneemänner, die wir Kinder im Winter im Garten bauten, erhielten als Nase eine Möhre ins Gesicht gesteckt, ihre Augen, Zähne und Jackettknöpfe jedoch bestanden aus Kohlestückchen, die als Abfall in jedem Haus vorhanden waren. Womit dekorieren heute die Kinder ihre Schneemänner? Wir nutzten Kohlestückchen auch gelegentlich zum Zeichnen auf hellen Mauern. „Kohle“ wurde auch im Volksmund zum Inbegriff von Geld. Holzkohle war in der DDR noch Mangelware, aber das Grillen im Garten war damals noch kein so weit verbreiteter Sommersport wie heute, weil es erstens manchmal am Grillgut, zweitens am Grillgerät und drittens am Grillstoff mangelte.
Stolz war die DDR auf ihre Chemieindustrie! „Plaste und Elaste aus Schkopau“ war ein bekannter Werbespruch oder „Chemie bringt Brot, Wohlstand und Schönheit“. Das Chemiedreieck zwischen Leuna/Merseburg, Bitterfeld und Wolfen war die Region, in der sich diese Industrie konzentrierte. Es war jene Gegend, in die sich kein Tourist verirrte. Sie galt als hässlich und vergiftet.
Die Grundlagen für diese Industrieregion waren bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelegt worden, aber die DDR baute erfolgreich darauf auf. In den 1960er Jahren begann der Siegeszug von Plasteprodukten, der traditionelle Materialien verdrängte und die DDR-Wirtschaft unabhängiger vom Ausland machen sollte. Haushaltsgeschirr bestand aus Plaste statt aus Keramik, Blech, Aluminium, Leder oder Glas. Holzgriffe an Bestecken wurden durch Plastegriffe ersetzt. Schüsseln und Trinkbecher aus Plaste kamen in Mode. Küchenmaschinen wie Käsereibe erhielten wenigstens das Gehäuse aus Plaste. Am Anfang oder lange noch fanden das viele schön, weil es leichter und pflegeleichter war. Andere empfanden es mit der Zeit als unästhetisch, und die Haltbarkeit war geringer. Auch Spielzeug wurde auf Plaste umgestellt. Niemand fragte damals nach den giftigen Weichmachern, die es vielleicht enthielt. Der Niedergang des traditionellen Holzspielzeugs ging damit Hand in Hand. Wir suchten für unsere Kinder bald mühsam nach guten Holzspielwaren. Auch an Werkzeugen und Maschinen machten sich Plasteteile breit. Die Griffe von Schraubendrehern wie die Lenkervorbaue an Fahrrädern waren jetzt aus Plaste. Ebenso verdrängten Kunstfasern die klassische Baumwolle. „Dederon“ (aus den Buchstaben DDR gebildet) gehörte dazu oder „Präsent 20“. Einkaufsbeutel, Küchenschürzen, Oberhemden aus Dederon oder Polyesterfasern – auch hier galt: anfangs praktisch und begehrt, weil pflegeleicht, doch bald suchten viele Menschen wieder die alten Materialien, weil die Kunstfasern für die Haut des Menschen unangenehm waren oder als unästhetisch empfunden wurden. Auch in der Bauwirtschaft fanden Plasteprodukte Einzug: Plastefliesen statt Keramikfliesen, PVC-Fußbodenbeläge statt Holzdielen, Fensterjalousien und Wandverkleidungen aus Plaste statt aus Holz, Boote aus Plaste statt aus Holz und anderes.
Dieser Siegeszug der Chemie über die Natur war kein auf die DDR beschränktes Phänomen. Es besteht weltweit noch heute und hat inzwischen etwas mit dem Weltmarkt zu tun, hat sich sogar noch verstärkt. Aber in der DDR wurde er politisiert und ideologisiert und als „Fortschritt des Sozialismus“ instrumentalisiert. Das Staatsmonopol über die gesamte Warenwirtschaft hatte zur Folge, dass sich der Kunde nicht zwischen Produkten aus Natur oder Chemie entscheiden, sondern nur das kaufen konnte, was die Mangelwirtschaft überhaupt anbot. Natürlich gab es gute, preiswerte und wirksame Arzneimittel aus Chemie, und nicht alles ist schlecht, was aus Plaste besteht. Aber typisch für die DDR war der Ersatz des guten alten handwerklich Gefertigten durch das industriell minderwertig Hergestellte, die Verdrängung von Qualität durch ständiges Einsparen und nicht zuletzt der Verlust des Schönen. Die politische Ursache dafür war die wirtschaftliche Zerstörung des Mittelstandes.
Den Namen „Chemie“ trugen etliche Fußballmannschaften der DDR. „BSG Chemie Böhlen“ klang ja noch erträglich, vergleichbar wären Namen wie „Braunkohle Borna“ oder „Glas Jena“ gewesen.
Eine spezielle Form der Chemisierung erlebte die DDR-Landwirtschaft. Neben synthetischen Düngemitteln wurden in den Chemielabors der DDR zahlreiche Gifte entwickelt, die in großen Mengen in die Natur gebracht wurden. Felder und Obstplantagen wurden großflächig, zum Teil von Flugzeugen aus, besprüht, manchmal bis zu dreißig Mal im Jahr. Dabei gab es weder ein Maßhalten noch unabhängige Kontrollen noch eine Öffentlichkeit, die auf entsprechende Gefährdungen für Mensch und Tier hinwiesen. In der Schlussphase der DDR fand auch dieses Thema Eingang in die regimekritischen Beiträge zum Umweltschutz. Bekannt ist das Holzschutzmittel „Hylotox“, das jahrelang bedenkenlos im Handel zur Bekämpfung von Holzwürmern verkauft worden war und später heimlich aus dem Verkehr gezogen wurde.
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