Japan hat es tatsächlich verstanden, sich seinen Inselstatus wirksam zu erhalten, und das viele hier immer noch zu entdeckende Unbekannte macht einen Teil seines Reizes aus. Für dieses Buchprojekt ergab sich aber eine klare Wahlmöglichkeit: Die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und aufzugeben oder aber die Chance zu ergreifen und den Bogen weiter zu spannen, um so nicht nur die Geschichte der Größten und Mächtigsten von Edo/Tōkyō zu erzählen, sondern eine große Breite an Bevölkerungsgruppen und Gesellschaftsschichten auftreten zu lassen, bis hin zu weitgehend namenlos Gebliebenen, die kollektiv Wichtiges beigetragen haben. Da es also außer einem Grundgerüst an Shōgunen und Kaisern kaum ein »Pflichtprogramm« an Persönlichkeiten abzuarbeiten gab, konnte die ganze Vielfalt und Verschiedenheit des städtischen Lebens an Einzelschicksalen dargestellt werden. Diese Stadt, die als erste der Neuzeit die Ein-Millionen-Einwohner-Marke überschritt und seit dem frühen 17. Jh. das Zentrum Japans auf nahezu allen Gebieten ist, bietet eine ganze Fülle an spannenden, tragischen, skurrilen und inspirierenden Lebensgeschichten von Japanern und Nicht-Japanern, Männern und Frauen, Schurken und Helden, Herrschern und Ausgeschlossenen.
Bei der Vorstellung der einzelnen Personen wurde darauf geachtet, sie möglichst oft selbst zu Wort kommen zu lassen. Die Genres Autobiografie und Tagebuch sind vertreten, typischer aber noch bis ins 20. Jh. hinein war es, seine Ansichten und Empfindungen in Poesie zu verpacken, die uns Einblicke gewährt. So hat Kaiser Meiji (1852 – 1912) kaum ein eindeutiges Selbstzeugnis in Prosa, etwa selbst verfasste Reden oder politische Korrespondenz, hinterlassen, dagegen aber rund 100.000 Kurzgedichte.
Ebenfalls wurde Wert darauf gelegt, die einzelnen Geschichten möglichst genau in der sich entwickelnden Stadttopografie zu verorten und Hinweise auf erhaltene Spuren zu geben. Die beiden von Sascha Lunyakov gestalteten Karten »Edo um 1700« und »Tōkyō in den 1920er-Jahren« sollen dem Leser zur Orientierung dienen.
Beim Schreiben über Japan auf Deutsch ist es immer ein Problem, wie japanische Namen wiedergegeben werden. Ich habe mich entschieden, die japanische Eigenart konsequent beizubehalten, also den Familiennamen vor dem persönlichen Namen zu nennen. Tokugawa Ieyasu war also ein Mann mit dem persönlichen Namen Ieyasu aus der Familie der Tokugawa. Vielen Frauennamen war früher ein sog. Verschönerungs-O vorangestellt, so wurde aus Shichi O-Shichi und aus Yuki O-Yuki, bevor gegen Ende des betrachteten Zeitraums das »O« außer und das an den weiblichen Namen angehängte »-ko« in Mode kam. Was die Aussprache japanischer Namen und Begriffe angeht, so sind alle Vokale kurz bis auf diejenigen, die mit einem Längungsstrich versehen sind (ā, ō, ū). »S« wird scharf ausgesprochen wie in »essen«, »z« bezeichnet einen weichen Zischlaut wie bei »Sonne«. Bei Silben wie »-ku« und »-su« bleibt das »u« oft stumm. Die Aussprache des japanischen »r« liegt in der Mitte zwischen dem deutschen Reibelaut »r« und unserem »l«.
Das Buch endet mit der Zerstörung Tōkyōs 1945, doch die Prägung der Stadtkultur durch die vorgestellten Personen ist bis heute wirksam geblieben. So spazieren die historischen Bewohner aus alten Fotografien auf dem Bucheinband nicht von ungefähr auf der modernen Skyline eines Tōkyōter Innenstadtviertels umher: Unter der ultramodernen Glitzerfassade liegt die Geschichte der Stadt Schicht um Schicht. Für sie Edo/Tōkyō ein wenig besser greifbar zu machen, ist das Anliegen dieses Buchs.
Sehr zu Dank verpflichtet für Unterstützung und guten Rat in verschiedenen Phasen der Arbeit bin ich vielen; besonders aber Petra Balmus, Werner David, Masuo Kataoka, Rodney Johnson, Wolfgang Ettig, dem Team vom Nünnerich-Asmus-Verlag sowie meiner lieben Frau Sumie Ishii-Weber für ihre Mühe bei der Beantwortung meiner zahlreichen, sicher manchmal merkwürdig anmutenden Fragen über ihre Heimatstadt.
Okinawa, im Dezember 2015 Till Weber
Edo um 1700
1 Burg Edo (mit dem Wappen der Tokugawa)
2 Ōtemon-Tor
3 Hanzōmon-Tor
4 Viertel Shimbashi
5 Tsukiji
6 Insel Tsukishima
7 Zōjōji-Tempel
8 Viertel Shiba
9 Tameike-Reservoir
10 Viertel Nihonbashi
11 Nakasendō-Überlandstraße
12 Tōkaidō-Überlandstraße
13 Shinagawa (Poststation)
14 Yotsuya
15 Senkakuji-Tempel
16 Ryōgoku-Brücke
17 Viertel Asakusa
18 Viertel Kanda
19 Viertel Hatchōbori
20 Ginza
21 Yūrakuchō
22 Poststation Naitō-Shinjuku
23 Hongo
24 Viertel Ueno
25 Kan’eiji-Tempel
26 Marunouchi
27 Kasumigaseki
28 Viertel Honjō
29 Viertel Ōtemachi
30 Yaesu
31 Tōkaiji-Tempel (südlich des Ausschnitts)
32 Viertel Shitaya
33 Vergnügungsviertel Yoshiwara
34 Viertel Fukagawa
35 Hinrichtungsstätte Suzugamori (südlich des Ausschnitts)
36 Koishikawa
Graphik: Sascha Lunyakov, Konzeption: Till Weber
Die Burg von Edo auf einem bemalten Raumteiler aus dem 17. Jh. (Edo-zu byōbu) . Zu sehen ist der Haupthof mit dem tenshu (Donjon), der 1657 abbrannte und bis heute nicht mehr errichtet wurde.
Edo, vom Fischerdorf bis zur Burgstadt
Am Anfang flog ein Kopf –
Die Geschichte von Taira Masakado (? – 940)
Eingekeilt zwischen Geschäftshochhäusern befindet sich im Tōkyōter Innenstadtviertel Ōtemachi ein kleines Monument, vor das seit vielen hundert Jahren regelmäßig frische Blumen und kleine Gaben gestellt werden, heutzutage meistens von jungen Angestellten der Firmen, deren Büros angrenzen. Das Monument ist das Schädelgrab des Taira Masakado (gest. 940), den sein Biograph Karl Friday als den »ersten Samurai« bezeichnet hat.
Im 10. Jh. gab es an dieser Stelle weder Tōkyō, noch Edo, sondern ein kleines Fischerdorf namens Shibazaki, welches an die heutige Bucht von Tōkyō grenzte, die damals noch nicht durch Landauffüllungen verkleinert worden war. Japan wurde zentralistisch vom kaiserlichen Hof in Kyōto aus regiert und je weiter eine Provinz von der Hauptstadt entfernt lag, als desto primitiver galt sie; Shibazaki und die ganze Kantō-Region lagen sehr weit entfernt von Kyōto.
Wie uns die möglicherweise noch im 10. Jh. verfasste Chronik Shōmonki berichtet, stammte Taira Masakado aus guter Familie, hatte am Kaiserhof gedient und lebte schließlich auf dem Lande in der Gegend des heutigen Tōkyō. Sein Aufstand 939/940 war eine historisch sehr frühe Dokumentation des Machtanspruchs der neuen Samurai-Klasse. Diese waren waffentüchtige, damals noch sozial weniger geachtete Clans, die von mächtigen Hofadligen rekrutiert worden waren, um in weit entfernten Provinzen für sie die Schmutzarbeit zu machen. Sie hatten vor allem dafür zu sorgen, dass die Einnahmen aus Gütern und Abgaben regelmäßig in die Hauptstadt flossen. Samurai leitet sich von dem alten Wort saburai ab, was ursprünglich einen »Gefolgsmann« bezeichnete. Zu Masakados Zeiten war das Selbstbewusstsein dieser waffenerprobten Lokalherren bereits im Anstieg. Es dauerte aber bis 1185 bis tatsächlich ein Samurai, Minamoto Yoritomo, als Shōgun dem Kaiserhof die Macht dauerhaft entriss. Interessanterweise wählten die Minamoto mit Kamakura einen Ort als ihre Hauptstadt, der ebenfalls in den östlichen Kantō-Provinzen liegt, keine 60 km von Masakados Schädelgrab in Tōkyō entfernt.
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