Zu jener Zeit wusste jeder im Erzgebirge, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab. Man wusste um Schwüre, seltene Kräuter, Nixen, Feldgeister, Kobolde, Riesen, Waldteufel, die Macht der Magie.
Noch dazu wohnten meine Großeltern in einer alten Schule, in der oftmals unheimliche und unbegreifliche Dinge vor sich gingen. Man hörte seltsame Geräusche, flüsternde Stimmen, Sachen verschwanden oder bewegten sich auf unerklärliche Weise.
Oft erzählte meine Mutter von einem ganz besonderen Spuk, der sich immer auf dem alten Dachboden ereignete, wenn die „große Wäsche“ gemacht wurde:
Gewaschen wurde nur alle vier Wochen im separat gelegenen Waschhaus. Jedes Mal galt es, einen riesigen Berg Wäsche zu bewältigen. Der große Kessel wurde den ganzen Tag mit Holz beheizt, um dann Bottich für Bottich befüllt zu werden. Nach dem Kochen lief die Wäsche durch eine große Presse. Bei schlechtem Wetter wurde die Wäsche auf dem alten Dachboden getrocknet.
Der Schuldachboden war ein unheimlicher Ort. Voller Spinnweben und dunkler Nischen. Man lief über knarrende, staubige Dielen.
Nur spärlich drang das Tageslicht durch die Dachsparren und es roch nach Kräutern, die meine Großmutter dort trocknete.
Jedes Mal, wenn meine Mutter dort oben die Wäsche aufhängte, vernahm sie dicht an ihrem Ohr, manchmal auch in weiter entfernter Distanz eine Stimme, die sie bei ihrem Namen rief. Jedes Mal lief sie dann die alte Holztreppe mit den ausgetretenen Stufen hinunter und fragte meine Großmutter: „Was ist, hast du mich gerufen?“
Eines Tages, als dies wieder passierte, nahm ihre Mutter sie zur Seite, strich ihr durchs Haar und sah sie mit ihrem durchdringenden Blick an: „Hör nicht hin, wenn sie dich rufen, und hab keine Angst.“
Meine Mutter versuchte ihren Rat zu beherzigen, doch nicht immer gelang ihr das. Manchmal waren die Stimmen einfach zu unheimlich und sie fühlte eine dumpfe, negative Energie. Dann sputete sie sich und rannte so schnell sie konnte davon.
Noch etwas Geheimnisvolles befand sich auf diesem Dachboden: zwei große, reich verzierte alte Holztruhen.
Es hieß, sie wären aus der Zeit, in der die Pest gewütet hätte. Jeder, der sie geöffnet hätte, wäre gestorben.
Meine Mutter war die Erstgeborene. Neben ihren Brüdern Karl, Gerhard und Helmut hatte sie zwei Schwestern namens Ruth und Gudrun.
Die Truhen übten einen ganz besonderen Reiz auf die Kinder aus. Gleich einer Mutprobe setzten sie sich darauf, baumelten mit den Beinen und warteten. Dann dauerte es nicht lange, bis sie Stimmen vernehmen konnten, die ihre Namen riefen. Manchmal flüsternd neben sich, manchmal in langsam ziehenden Tönen von überall.
In Rekordgeschwindigkeit rutschten sie dann von den Truhen und rasten in wilder Panik mit Donnergetöse die ausgetretenen knarrenden Stufen hinunter.
Oft spürten sie auch einen eisigen Luftzug oder einen kalten Hauch, der sie umhüllte – trotz des warmen Sommers.
Jahre später, als die alte Schule einer neuen weichen musste, hatte man die Truhen geöffnet.
Es seien wunderschöne, reich bestickte und verzierte Kleider darin gewesen. Dennoch hatte man sie vorsichtshalber zusammen mit den Truhen verbrannt.
Spukschule mit Glockenturm
Neben all den merkwürdigen Vorgängen, die sich auf dem Dachboden der alten Schule ereigneten, sorgte auch eine alte Glocke für Gesprächsstoff.
Der alte Wirt im Ort hatte all sein Hab und Gut verloren und war auf unerklärliche Weise zu viel Geld gekommen. Man munkelte, er würde es mit dem Teufel halten. Eines Tages erklärte dieser Gastwirt, dass er mit einem Pferdefuß begraben werden wolle, man sollte ihm diesen auf die Brust legen. Der ansässige Pfarrer gewährte ihm diesen Wunsch natürlich nicht, worauf der Alte wutschnaubend kundtat, dass zur Strafe in jedem Jahr an dem Tag, an dem sich sein Todestag jährte, die alte Glocke auf dem Schulboden ertönen würde.
Als der Gastwirt eines Nachts zur Mitternachtsstunde verstarb, verspottete jeder im Dorf den alten Kauz. Doch prompt ein Jahr später, als bereits niemand mehr an die Drohung dachte, begann die Glocke genau an seinem Todestag zu schlagen.
Erst sprach man von einem Zufall, doch dann wiederholte sich das Ereignis im nächsten und auch im kommenden Jahr.
Nun nahmen die Dorfbewohner den Glockenschlag nicht mehr so heiter hin, sie bekamen es mit der Angst zu tun.
In einem Jahr, in dem die Glocke gar nicht mehr aufhörte zu schlagen, entschied man sich, auf den Dachboden zu klettern, um diese zu stoppen, doch dies war ganz und gar unmöglich, die Glocke schlug und schlug.
Schließlich musste man sie demontieren, nur so konnte man dem Spuk ein Ende setzen.
Auch mein Großvater Bruno, der ein sehr belesener Mann mit scharfem Intellekt war, wusste gespenstische Geschichten zu erzählen. So war er in seiner Jugend mit einem Bauern auf einem Floß einen Fluss entlanggefahren. Es hatte ihn sehr verwundert, dass der Mann mehrere große leere Milchkannen mit sich führte. An den Henkel jeder Kanne war ein Seil gebunden, das in die Kanne ragte. Bald kamen sie an einem anderen Bauern vorbei, der am grasigen Ufer seine Kuh melkte. Prompt begann der Mann auf dem Floss fest an dem Seil zu ziehen, fast so, als würde er das Seil melken. Mein Vater staunte nicht schlecht, als sich die Kanne zusehends mit Milch füllte.
Der melkende Bauer am Ufer brachte in der Zwischenzeit keinen Milliliter Milch aus dem Euter seiner Kuh heraus.
Er schrie hinüber zum Floß, kam ans Ufer gelaufen, fluchte und hantierte wild mit seinen Händen in Drohgebärden. Doch der Bauer auf dem Floß lachte nur. Dieses wundersame Ereignis soll sich die ganze Fahrt über bei jedem Bauern, den sie passierten, so oft wiederholt haben, bis all die mitgeführten Milchkannen gefüllt waren. Für meinen Großvater war es pure Hexerei, nichts von all dem war mit logischem Menschenverstand erklärbar, und doch, wenn er die Geschichte erzählte, zweifelte sie niemand an.
Kommen wir zurück auf meine Großmutter. Sie wurde nicht nur für medizinischen Beistand, sondern bei nahezu jedem Problem gerufen. Ich kann mich noch genau entsinnen, wie einmal ein Bauer auf sie zukam, dessen Kühe dick aufgeblähte Euter hatten und keine Milch geben konnten. Meine Großmutter nahm Salz, streute es in jede Ecke des Stalls und betete dazu jedes Mal ein Vaterunser.
Nach einiger Zeit gaben die Kühe wieder Milch.
Doch als sie das Anwesen des Bauern verlassen wollte, um nach Hause zu gehen, kam ein anderer Bauer drohend auf sie zu: „Wenn du dich noch einmal in meine Angelegenheiten mischst, dann kannst du aber etwas erleben“, schrie er.
Da wusste sie, dass der eine Bauer den anderen verflucht hatte. In diesem Fall erwies sich die Angelegenheit auch für meine Mutter als äußerst unangenehm, denn bei dem wutentbrannten Bauern handelte es sich um den Vater ihrer Freundin Hildchen, durch die sie so manche Annehmlichkeit genoss.
Dazu muss ich vorausschicken, dass meine Großeltern sehr entlegen und einsam wohnten. Das einzige Vergnügen, das meine Mutter als Kind hatte, war der Besuch des Kinos im nächsten, einen zweistündigen Fußmarsch entfernten Ort. Das Kino war eigentlich nicht mehr als ein Zimmer mit Leinwand und dem Projektor in einem Gasthof.
Dort saß man auf roten abgewetzten Gartenstühlen und konnte einmal in der Woche einen Stummfilm in Schwarz-Weiß ansehen.
Eifrig hatten sich die Kinder die elegante Attitüde und die Gestik der damals populären Stummfilmstars abgeschaut. Hildchen verfügte seltsamerweise immer über Geld, das sie auch großzügig für meine Mutter ausgab.
Das war eine wunderbare Sache.
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