Wir Menschen leben in der modernen Gesellschaft ebenfalls wie in einem Zoo. Wir bauen Mauern und Zäune, isolieren uns voneinander, äußerlich und innerlich. Wir leben in »Käfigen«, die wir für unseren eigenen Schutz errichtet haben. Vor allem die inneren Mauern in unseren Köpfen hindern uns an unserer Entfaltung, daran, unser wirkliches Potential als Menschen zu erreichen.
Ein Kranich, dessen Flügel nicht gestutzt sind, kann jeden Zaun, jede Mauer überwinden. Er tut dies nicht, indem er sie niederreißt, sondern indem er sich über sie hinwegschwingt. Seine Freiheit beruht nicht auf Zerstörung, sie beruht auf Harmonie, auf intuitivem Erkennen der Situation und auf intuitiver Anpassung an die Gegebenheiten. Diese Möglichkeit steckt auch in uns, und Tai Chi kann uns die Flügel verleihen, die wir dazu brauchen, unsere inneren Mauern und Zäune zu überwinden.
Ich möchte an dieser Stelle den Psychologen und Buchautor Dr. Steven D. Farmers zitieren, der schrieb, welche spirituelle Nachricht ein großer Vogel wie ein Adler oder ein Kranich für uns haben könnte:
Ob du es weißt oder nicht, aber du hast Zugang zu einer unglaublichen spirituellen Kraft! Wenn dein Blick zu eng ist und du keine Probleme mehr lösen kannst, wenn du jeder Herausforderung hilflos gegenüberstehst, dann schau darauf aus meiner Perspektive. Komm mit mir mit, und ich bringe dich zur Sonne und zu den Sternen. Du musst den Mut haben, alte und bequeme Gewohnheiten und Glaubensgrundsätze abzulegen und in unbekannte Reiche und neue Welten aufzusteigen, indem du deinen Blick unaufhörlich erweiterst. Die Zeit, die volle Verantwortung für dein Leben zu übernehmen, ist jetzt; sei bereit für sofortiges Karma. Und sobald dein spirituelles Bewusstsein ansteigt, wird dies positive und auch negative Wirkungen haben, die unmittelbar sind und immer größere Kraft besitzen werden. Wenn du vor einer Entscheidung stehst, gleichgültig, ob es dabei um eine bedeutende oder unbedeutende Angelegenheit geht, so besieh dir zunächst all die Möglichkeiten, die für dich zur Auswahl stehen, von oben. Dann wähle eine davon aus und halte dich rückhaltlos daran, ohne irgendwelche Mehrdeutigkeiten zuzulassen. Lass dich nicht von materiellen Sorgen davon abhalten, dich aufzuschwingen! 4
Bitte einen Kranich um Hilfe:
wenn Zeitmangel und all die kleinen Dinge des Alltags für dich eine schwere Last bedeuten;
wenn du schwere Entscheidungen für dein Leben oder deine Partnerschaft zu treffen hast, oder darüber, welche Richtung du für dein weiteres Leben einschlagen möchtest;
wenn du viel Energie in eine Sache steckst und das Ergebnis dich trotzdem nicht zufriedenstellt.
Wie können wir uns die Kraft des Kranichs zu eigen machen? Wie können wir von ihm lernen, unseren Alltag in den Griff zu bekommen, Energie zu sparen und dennoch unsere Vorhaben, unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen? Eine Möglichkeit besteht darin, die weiter hinten im Buch vorgestellten Übungen zu praktizieren. Das mag zu Beginn schwierig sein, da jedes regelmäßige Üben zunächst einmal eine Überwindung bedeutet und die Übungen zwar nicht übermäßig kompliziert, aber dennoch nicht anspruchslos sind. Aber es geht nicht darum, sofort zur Perfektion zu gelangen. Gewöhnen Sie sich an die Übungen, dann werden Sie sie immer besser »verstehen«, bis sie eines Tages zu Ihrer »zweiten Natur« werden.
2.3. Der Kranich und das Tai Chi
Im Tai Chi ist oft die Rede von den »fünf Tugenden« und den »acht Wahrheiten«. Diese finden sich in alten Manuskripten chinesischer Meister, deren Namen heute nicht mehr bekannt sind.
Die fünf Tugenden des Tai Chi
1 Dein Lernen sollte weitgreifend sein und vielfältig. Beschränke dich nicht selbst. Dieses Prinzip kann mit deinem Stand verglichen werden, der es dir gestattet, dich leichtfüßig und in verschiedene Richtungen zu bewegen.
2 Prüfe und frage. Frage dich selbst, wie und warum Tai Chi funktioniert. Dieses Prinzip kann mit deiner Empfindsamkeit verglichen werden, die dich wahrnehmen lässt, was andere ignorieren.
3 Sei sorgfältig und achtsam in deinem Denken. Nutze deinen Verstand, um zum richtigen Verständnis zu finden. Dieses Prinzip kann verglichen werden mit deiner Fähigkeit zu verstehen.
4 Prüfe sorgfältig. Trenne klar die Konzepte und entscheide dich dann für den rechten Weg. Dieses Prinzip kann mit dem ununterbrochenen Bewegungsfluss im Tai Chi verglichen werden.
5 Übe ernsthaft. Dieses Konzept kann mit dem Himmel und der Erde, dem Ewigen verglichen werden.
Die acht Wahrheiten des Tai Chi
1 Mach dir keine Gedanken über die Form. Mach dir keine Gedanken über die Art und Weise, in der sich die Form ausdrückt. Das beste ist es, die eigene Existenz zu vergessen.
2 Dein ganzer Körper sollte transparent und leer sein. Lass das Innere und das Äußere miteinander verschmelzen, um eins zu werden.
3 Lerne, die äußeren Dinge zu ignorieren. Folge dem natürlichen Weg. Erlaube es deinem Verstand, dich zu leiten, und handle spontan, im Einklang mit der Bewegung.
4 Die Sonne geht über dem westlichen Gebirge unter. Der Felsen tritt hervor, frei im Raum hängend. Sieh den Ozean in seiner Weite und den Himmel in seiner Unermesslichkeit.
5 Des Tigers Gebrüll ist tief und gewaltig. Des Affen Schrei ist hoch und schrill. So sollst du deinen Geist verfeinern, indem du das Positive und das Negative entwickelst.
6 Das Wasser der Quelle ist klar wie Kristall. Das Wasser des Teiches steht still und ruhig. Dein Verstand soll wie das Wasser des Teiches sein und dein Geist wie die Quelle.
7 Der Fluss tost. Der stürmische Ozean brodelt. Lass dein Chi wie diese Naturwunder werden.
8 Strebe ernsthaft nach Vollkommenheit. Lass das Leben gedeihen. Wenn du deinen Geist geklärt hast, kannst du das Chi entwickeln.
Der Kranich scheint all dies zu vereinigen. Er steht für Individualität, die in Harmonie mit anderen Individuen existiert. Der Kranich ist ein zuverlässiges und beständiges Wesen: Findet er einen Lebenspartner, so bleibt er ihm für gewöhnlich sein Leben lang verbunden.
Schaut man einem Kranich zu, so ruft das ein Gefühl der Erhabenheit hervor. Dieser große Vogel bewegt sich mit äußerster Eleganz und Ruhe. Ihn umgibt eine Art Aura, ein Energiefeld, dessen Ausstrahlung wir spüren können und das direkt aus seinem innersten Wesen stammt. Aus diesem Grund galt der Kranich im alten China als Symbol für ein langes Leben, für Weisheit, für die Reife des Alters und ebenfalls für die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Die chinesische Mythologie kennt auch das Konzept des »Himmelskranichs« beziehungsweise des »Seelenkranichs« – man glaubte, dass sich daoistische Priester, die den Zustand der Vollendung erreicht hatten, nach ihrem Tod in einen Kranich verwandelten. In der Qing-Dynastie trugen die höchsten Zivilbeamten ein Abzeichen mit dem Abbild eines Kranichs als Zeichen ihres Ranges.
Dieses Buch, vor allem aber die darin vorgestellten Übungen, sollen Ihnen helfen, sich in die Lebensphilosophie eines Kranichs hineinzuversetzen, sein Wesen zu imitieren. Gelingt Ihnen diese Imitation eine Zeitlang, so werden Sie in eine Phase der Kreativität gelangen. Dann werden Sie »fühlen«, und zwar aus dem Bauch heraus, und Sie werden etwas Neues schaffen. Machen Sie sich beim Üben keine Gedanken darüber, ob Sie es »richtig« machen. Sie sind der Künstler, und am Ende werden Sie Ihre eigene Form entwickeln, die genau Ihnen und Ihrem innersten Wesen entspricht. Um dahin zu gelangen, lernen Sie von Anfang an mit dem Körper und nicht mit dem Kopf. Versuchen Sie nicht, die Übungen intellektuell zu verstehen – üben Sie sie durch Imitation.
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