Es geht in jedem Fall um das stete Bemühen, sich zu verbessern, zu vervollkommnen. Die Weisheit, die wir auf diesem Weg erlangen, ermöglicht es, unsere Gefühle zu verstehen und zu beherrschen und generell zu einem höheren, spirituellen Verständnis für unsere eigentlichen Ziele im Leben zu gelangen. Um solch ein Verständnis zu erreichen, bedürfen wir jedoch eines großen »Feindes«, den wir bezwingen müssen. Und dieser große Feind sind wir selbst, genauer gesagt, unser Ego, das unserer freien Entfaltung stets im Wege steht. Und der einzige Weg, diesen ultimativen Feind zu besiegen, besteht in Selbstdisziplin und echtem Verständnis für das Leben.
Es ist ein interessantes Phänomen, dass so viele Kampfkünste in buddhistischen oder daoistischen Klöstern entwickelt wurden. Die Mönche, die sich solch todbringende Fähigkeiten mit viel Mühe und Ausdauer aneigneten, hatten zwei Beweggründe hierfür: Zum einen ging es um die Fähigkeit, sich gegen die in der Vergangenheit geradezu allgegenwärtigen Banditen zur Wehr setzen zu können, zum anderen gestattete das harte Training es ihnen, einen hohen Grad an Weisheit zu erreichen, die es ihnen ermöglichte, Herr über ihre Emotionen zu werden.
It’s not because I’m old And it’s not what dying does I’ve always liked it slow Slow is in my blood
Leonard Cohen
1.3. Vom Sinn der Langsamkeit
Unsere heutige Welt ähnelt Olympischen Spielen. Schneller, höher und weiter – das scheint das Motto unserer Zeit zu sein. Wer nicht mitkommt, bleibt irgendwann auf der Strecke. Wir folgen nicht mehr den Rhythmen und Zyklen der Natur, aus der wir doch kommen, und verlieren so unsere Verbindung zu unseren Ursprüngen. Wer jedoch ein gesundes, aufrichtiges und erfülltes Leben führen will, der sollte den Rhythmus der Natur studieren und seinen eigenen daran anpassen.
So wird es schon im über zweitausend Jahre alten Huangdi neijing, dem »Buch des Gelben Kaisers zur inneren Medizin« dargestellt, das ein ganzheitliches Dasein des Menschen im Einklang mit der Natur propagiert und noch heute als ein Grundlagenwerk für die chinesische Medizin gilt.
Betrachten wir die Natur und ihre Zyklen, so sehen wir, wie langsam manche Veränderungen vor sich gehen. Im Frühling können wir beobachten, wie ein Samenkorn langsam Wurzeln schlägt und sich so mit »Mutter Erde« verbindet. Und ohne »Vater Himmel« und seinen Regen könnte das Samenkorn nicht wachsen und gedeihen. Und bis aus dem Samen zum Beispiel ein Busch wird, muss einiges an Zeit vergehen. Der Sommer mit seiner Wärme wird den Busch erstarken lassen, im Spätsommer ist sein Wachstum abgeschlossen. Im Herbst ist es Zeit, loszulassen; der Busch verliert seine Blätter und seine Früchte. Es beginnt die Phase der Neuorganisation. Ein Kapitel wird abgeschlossen, bevor ein neues beginnen kann. Die Winterzeit dient der Erholung, der Ruhe, dem Sammeln von Kräften für den nächsten Zyklus.
Es ist heute bekannt, dass es die Qualität von Pflanzen, die als Lebensmittel verwendet werden, mindert, wenn ihr Wachstum mit Kunstdünger und künstlichem Licht beschleunigt wird. Ähnlich unnatürlich ist unser Leben in der immer schneller werdenden »Tretmühle« der modernen Gesellschaft. Wir müssen uns mit immer mehr »Düngemittel« stimulieren, damit wir noch Schritt halten können. Der Preis dafür, dass wir auf diese Weise gegen die Natur handeln, besteht darin, dass unsere Lebenskraft vor der Zeit verbraucht wird und wir schneller altern und anfällig für Krankheiten werden.
Die langsame Ausführung der Techniken im Tai Chi hilft uns, unser Tempo zurückzunehmen, zum Rhythmus der Natur zurückzufinden und auf diese Weise ein gesünderes Leben zu führen.
Tai Chi entspricht den Rhythmen und Zyklen der Natur. Langsam entwickeln sich seine Wirkungen im ganzen Körper, und wir können mit großer Aufmerksamkeit das, was wir tun, wahrnehmen und empfinden. Letzten Endes bedeutet Wahrnehmung nichts anderes als Fühlen, und Tai Chi lehrt uns, uns dessen bewusst zu werden.
Führt man Tai Chi aus, so sollte dies auf vollendete Weise geschehen; Fehler sollten vermieden werden. Die Form sollte glatt sein, ohne Unregelmäßigkeit, und sie sollte kontinuierlich, ohne Unterbrechungen geübt werden .
Chang San-feng
2. Die Kranichform des Tai Chi
2.1. Die Herkunft des Kranichstils
Eine der Quellen der Kranichform des Tai Chi ist die südchinesische Kampfkunst »Weißer Kranich von Fujian«. Mein Lehrer Roland Habersetzer schrieb über diesen Wushu-Stil in seinem Buch über das chinesisch-okinawanische Bubishi:
Die Ahnenfolge der Meister dieses Kampfstils beginnt mit einem Mönch des Shaolinklosters mit Namen Fang Shiyu (oder Fang Houshou), der ein Experte des »Boxens der 18 Punkte« war. Nach der Zerstörung des Klosters von Honan im Jahre 1644 und der darauf folgenden Emigration der überlebenden Mönche fand Fang Shiyu Unterschlupf in einem Kloster in der südchinesischen Provinz Fujian. Dieses Kloster übernahm die Bezeichnung Shaolin. In ganz China gab es solche Ableger des ursprünglichen Shaolinklosters. Hier lebten und wirkten die Erben der Kampftechniken, die seit Bodhidharma entwickelt worden waren, und hier lebte der Widerstand gegen die verhaßte Herrschaft der neuen Mandschu-Dynastie. In einem Nachbardorf des Klosters Yongchun (auf japanisch Eishun), in dem Fang Shiyu Zuflucht gefunden hatte, wuchs die Tochter des Mönches auf, ein Mädchen namens Fang Jin Jang. Er lehrte sie seine Kampftechnik. Aber erst nach dem Tode ihres Vaters schuf Fang Jin Jang die Grundlagen jenes Kampfstils, der als »Weißer Kranich von Fujian« bekannt wurde.
Die Archive der von ihr begründeten Schule berichten, dass Fang Jin Jang eines Tages die Gelegenheit hatte, durch eine Bambushecke hindurch den Kampf zweier Kraniche zu beobachten. Ihr fielen die Präzision der Hiebe, der Ausweichmanöver und des Flügeleinsatzes auf. Plötzlich verspürte sie den Wunsch, die beiden Vögel voneinander zu trennen. Sie nahm einen langen Bambusstock, um sie zu erschrecken. Aber zu ihrer größten Überraschung wich der Vogel, den sie zu treffen versuchte, jedes Mal, wenn sie glaubte, ihn im nächsten Moment mit dem Stock zu berühren, mit einer schnellen und präzisen Bewegung aus und entkam mühelos ihrem Angriff. Er schwang sich schließlich auf, ohne dass sie ihn erreichen konnte. Der Vogel erwies sich als unberührbar! Dies war für die junge Frau eine wahre Offenbarung, und sie begriff auf diese Weise unmittelbar das Prinzip des Weichen und des Harten. Unverzüglich machte sie sich daran, eine Synthese aus den Lehren ihres Vaters und dem von ihr beobachteten Verhalten der Kraniche zu schaffen. Das Ergebnis war ein neuer Kampfstil, der sich schnell einen bedeutenden Ruf in der gesamten Provinz erwarb, wo er unter dem Namen Yongchun Hequan bekannt wurde. Die Tradition der Schule berichtet weiterhin, dass Fang Jin Jang die eigentliche Technik um bestimmte Atemtechniken und moralische Grundsätze erweiterte, um jedem Praktizierenden zu innerer Ausgeglichenheit und zur Harmonie mit den Kräften der Natur zu verhelfen .3
2.2. Die Botschaft des Kranichs
Werden Kraniche in Tierparks gehalten, so werden ihnen die Flügel gestutzt. Auf diese Weise können sie nur noch laufen und ein wenig flattern, sich aber nicht mehr frei in die Lüfte aufschwingen. Das heißt, ihr eigentliches Element, die Weite des Himmels, ist ihnen nicht mehr zugänglich. Diese in Gefangenschaft lebenden großen Vögel können zwar durchaus ein hohes Alter erreichen, aber verglichen mit ihren frei lebenden Artgenossen wirken sie weniger lebendig, weniger vor Lebenskraft »vibrierend«. Mit anderen Worten – sie können sich nicht mehr frei entfalten, denn das Potential hierfür schöpft ein freier Kranich aus der Wechselwirkung zwischen Yin (der Erde) und Yang (dem Himmel). Das gleiche gilt entsprechend für jedes Tier, das statt in Freiheit in der Enge eines Käfigs lebt.
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