Gut gelaunt öffnen wir die Wagentür. Paula hebt freudig schnüffelnd die Nase. »Buongiorno, Paola, come stai? Guten Tag Paula, wie geht es dir?« Sie neigt ihren Kopf nach links. »Parlare italiano, italienisch sprechen!« Sie neigt ihren Kopf nach rechts mit fragendem Blick, etwas unsicher. »Keine Sorge, wir sind nur übermütig. Es ist alles gut!« Sie ist beruhigt. Dankbar lässt sie sich streicheln. Paula reagiert sehr sensibel auf unsere Stimmlage, sodass wir den Eindruck haben, dass sie alles wörtlich versteht.
Wir bringen das letzte Stück des Weges hinter uns und kommen dank der guten Beschreibung unseres Vermieters sogar noch bei Helligkeit an. Als wir an einem der folgenden Tage den anderen Weg nehmen, der so einladend aussieht, wird uns klar, warum wir vor diesem gewarnt wurden. Auf diesem Weg wären wir nicht vor Einbruch der Dunkelheit angekommen, womöglich hätten wir uns gar in einem der Schlaglöcher festgefahren …
Es erwartet uns ein toskanisches Feldsteinhaus, am Hang gebaut, umrahmt von Lorbeerbüschen, blühendem Rosmarin und Tamarisken, die ebenfalls in Blüte stehen. Zwei Zypressen stehen in ihrer dunklen Silhouette etwas abseits … Alles ist genauso, wie wir es uns erträumt haben. Ich neige ja ohnehin zur Aufgeregtheit, doch nun bin ich vollends aus dem Häuschen. Gemeinsam mit Paula renne ich von einer Ecke zur anderen, nicht wissend, was ich zuerst sehen will. Am liebsten alles auf einmal! Doch Paula ist schneller, schon bellt sie vor dem Nachbarhaus, das höher gelegen und etwa 100 m entfernt ist. Hier gibt es ja keine Zäune. »Nein, Paula! Sitz!« Jetzt bin ich bei ihr und nehme sie an die Leine. Alles gehört ihr und sie muss es bewachen. »Scusi, signore, Entschuldigung.« Der Nachbar kommt aus dem hinteren Teil seines Gartens, einem Stückchen Land, das wunderschön bepflanzt und vorbildlich gepflegt ist. Der Nachbar scheint also immer hier zu leben. Er lächelt – und da mein Italienisch nicht reicht, kommt er mir gleich mit Englisch zur Hilfe. Nein, er habe nichts gegen Hunde. Und im gleichen Moment erfahre ich alles: Er und seine Frau seien nach dem Berufsleben aus Rom hierhergekommen, nun seien schon drei Jahre vergangen. Er liebe die Gartenarbeit. Und schon zeigt er mir voller Stolz seine große Orangerie auf der Südseite des Hauses. Nein, hier könnten die Zitrusgewächse im Winter leider auch nicht draußen bleiben, die Fröste seien in manchen Nächten zu stark. Paula sitzt ruhig neben mir und hört aufmerksam zu. In einer halben Stunde sei er bei uns, um uns die Bedienung der älteren Heizungsanlage in unserem Haus zu zeigen. Das sei nötig, er habe bei allen Feriengästen des Hauses helfen müssen. »Ciao, grazie à Lei – a presto, ciao, danke – bis gleich.« Ich berichte Wolfgang alles, als ich mit Paula zum Ferienhaus zurückkehre. Er hat schon angefangen, das Gepäck auf die vordere Terrasse, die über eine schöne Steintreppe zu erreichen ist, zu stellen. »Wir haben Glück mit dem hundefreundlichen Nachbarn.« Das Haus haben wir sowieso nur mieten können, da wir versprochen haben, immer eine Decke auf die weißen Sofas im Wohnraum zu legen, damit sich dort keine Hundehaare verfangen können. Nun sind wir gespannt, was uns außer weißen Sofas innen noch so alles erwartet.
Wir betreten das Haus über die erste Etage. Die Tür öffnet sich in ein Wohnzimmer, das sich fast über die ganze Ebene hin erstreckt. Ein offener Kamin zieht unseren Blick auf sich. Von ihm aus geht rechts und links eine Kammer ab. Auf dieser Ebene ist auch das Bad. Der Fußboden ist mit Cotto-Fliesen belegt. Zwischen den sichtbaren Balken der Decke befindet sich auch Cotto. Neben der Eingangstür steht noch der alte Spülstein, in Mauernischen sind Holzbohlen wie Regale eingezogen. Alles ist original erhalten. Der Vermieter hat das Haus Anfang der 70er-Jahre erworben und traditionell restauriert. Die Heizung stammt auch aus der Zeit, daher das Hilfsangebot des Nachbarn, von dem wir auch Kaminholz beziehen können. Kaminfeuer ist wichtig um diese Jahreszeit, denn die milden Außentemperaturen dringen nicht durch die dicken Steinmauern ins Haus. Eine Etage höher befinden sich die Schlafzimmer. Im Untergeschoss, der früheren Cantina, haben heute der Speisesaal für große Familienfeiern und die Küche mit Ausgang ins Freie ihren Platz gefunden. Wir beeilen uns und richten nur das Nötigste her, während Paula draußen nach dem Rechten sieht und alles weiter erkundet. Jetzt kennt sie den Nachbarn, ihre Neugier ist gestillt, so bleibt sie in Hausnähe, denn sie muss uns ja mit einem Auge bewachen. Unsere kalte Abendmahlzeit wollen wir unbedingt auf der Terrasse einnehmen. Es ist mild, jedoch behalten wir die Winterjacken an und legen Wolldecken auf die Stühle, denn nach Sonnenuntergang wird es empfindlich kühl – der erste Abend des Jahres im Freien, und das mit einem Ausblick in ein grünes Tal, an dessen halbkreisförmigem Berghang unser Haus auf halber Höhe liegt. Die Westsonne ist schon hinter dem Berg verschwunden, sodass es richtig war, die Jacken überzuziehen. Von innen wärmt ein sanfter Rotwein aus der Region. Wir stoßen an auf Bella Italia und auf Paula, die diese lange Reise so entspannt bewältigt hat. Wir haben eine Reisehündin! Diese läuft vor unseren Augen mal hierhin, mal dorthin, und als sie genug hat, kommt sie die Stufen zur Terrasse hoch, legt sich vor unsere Füße und stößt einen tiefen Grunzer aus. Unsere Paula hat das neue Terrain ausgiebigst erkundet und kann sich jetzt ausruhen.
In den nächsten Tagen machen wir Wanderungen vom Haus aus sowie Ausflüge zu den berühmten Orten Siena, Montepulciano und Assisi und in schöne unbekannte Städtchen. Diese Gegend hier ist bergiger als das sanfte Hügelland der klassischen Toskana. Vom Haus aus kommen wir über einen Trampelpfad, der ziemlich steil ansteigt, auf eine Schotterpiste, die sich auf halber Höhe ganz um das Tal zieht. An jeder Biegung ein neuer Ausblick! Hin und wieder überqueren wir eine kleine Schlucht mit Wasserlauf, der durch eine große Röhre unter der Piste durch geführt wird. Ein paar Sprünge abwärts über Felsbrocken und Paula kann trinken – jedenfalls jetzt noch. Denn im Sommer gibt es hier kein Wasser mehr. Wir stoßen auf die eine oder andere Ruine und schwärmen davon, sie zu kaufen und wieder aufzubauen. »Diese Aussicht und die Zufahrt ist auch passabel. Das wär᾿s doch!« In der Mittagszeit ist es bei strahlendem Sonnenschein schon sehr warm, und wir sehen, dass Paula ein Stück läuft, sich im Schatten eines Baumes oder Strauches niederlässt, dann wieder aufsteht und zum nächsten Schatten eilt, immerfort. Wir haben nicht damit gerechnet, dass ihr diese Aprilsonne schon so stark zu schaffen macht. Nun, dann machen wir jetzt eine kleine Siesta. Zunächst Wasser und einen Hundekeks für Paula, für uns Vesperbrote und Mineralwasser – alles im Schatten mit Ausblick in die Landschaft.
Um uns herum surrt und summt es, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge; die Macchia mit Ginster, Thymian, Salbei und Zistrose lockt sie alle an. Ich wünsche mir, hier einmal die Klatschmohnblüte sehen zu können. Wir ruhen uns aus und Paula schläft fest. Ihre Augäpfel bewegen sich unter ihren Lidern. Welche Traumbilder mag sie wohl sehen? Jagt sie ein Kaninchen? Stellt sie gerade einen Einbrecher? Oder träumt sie nur von den Hummeln, Bienen und Schmetterlingen, die uns umgeben? Man kann es nicht wissen. Und so träumen wir gemeinsam vor uns hin, jeder auf seine Art, in seiner Weise, um Kraft für den Rückweg zu sammeln. Dieser ist weniger anstrengend als der Hinweg, denn es geht stetig und leicht bergab. Paula nimmt nur noch ab und zu einen Schattenplatz ein. Plötzlich sehen wir hinter einer Kurve eine große Schlange auf dem Weg. »Paula!!« Zwei Rufe erschallen wie aus einem Mund. Sie bleibt sofort stehen. Es ist eine Aspisviper, ca. 80 cm lang, erkennbar am dunkelbraun-schwarzen Schläfenband am äußeren Auge, das erfahren wir später von unserem Nachbarn. Sie ist tagaktiv und giftig, und jetzt im April/Mai ist Paarungszeit. Gemeinsam, aus sicherer Entfernung, beobachten wir die Schlange, die sich nach einer Weile in das Steingeröll zurückzieht. Mit einer gewissen Erleichterung haben wir bald den Abstieg zum Haus über den Trampelpfad erreicht. Paula läuft vorweg und wartet unten in dem kleinen Bachlauf auf uns, in dem sie vorsichtig zwischen den Steinen im kühlen Nass auf und ab geht und Wasser schlürft.
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