Nach sechs Monaten Auszeit und dem erfolglosen Versuch, durch Nachdenken eine Lösung zu finden, wollte ich mich wieder der Welt mit ihren Möglichkeiten zuwenden. Ich folgte dem einzig spürbaren Impuls, der nicht dem Getöse meiner rationalen Überlegungen entsprang, und begann, als Kellner zu arbeiten. Daneben beschäftigte ich mich intensiv mit spirituellen Texten und wissenschaftlicher Literatur zum Thema Selbstheilung und holte mir in Seminaren und Psychotherapiesitzungen neue Nahrung für Herz und Verstand. Vor allem lernte ich, wieder mehr auf meine Intuition zu vertrauen und jenen Impulsen zu folgen, die sich in meinem Herzen gut und richtig anfühlten. Ich begann, zu meditieren und meinen Geist genauer unter die Lupe zu nehmen. Ich suchte den Ursprung meiner Misere in den Untiefen meiner Gedanken und fand ihn dort. Durch diese Introspektion gelang es mir, brauchbare von unbrauchbaren Gedanken zu unterscheiden und destruktive Inhalte vorbeiziehen zu lassen, während ich konstruktive für mich bekräftigte. Wie ein Innenarchitekt machte ich mich daran, meinen psychischen Wohnraum umzukrempeln und meine gedanklichen und emotionalen Einrichtungsgegenstände für mich sinnvoll zu positionieren. Mit zunehmender Veränderung des Geistes bemerkte ich, wie sich in der Folge auch meine Lebensumstände ins Positive wandelten, da ich begann, berufliche und private Richtungsentscheidungen zu treffen, die wiederum in neuen Erfahrungen resultierten. Ich erkannte, dass sowohl die Wahrnehmung als auch die Beschaffenheit der äußeren Realität größtenteils einen Spiegel meiner Innenwelt darstellte. Ich begann, mein Leben von innen heraus zu gestalten.
Und dann kam es zu einer Begegnung, die meinem Leben eine entscheidende neue Richtung geben sollte und die mich letztlich wieder auf den Pfad der Medizin zurückführte. In jenem Lokal, in dem ich servierte, lernte ich eine junge Frau kennen, deren Geschichte mich zutiefst berührte. Sie war professionelle Downhill-Mountainbikerin und erzählte mir von einem dramatischen Sturz, bei dem sie sich beinahe den linken Arm abgerissen hätte. Die Schulter war luxiert, also ausgerenkt, sämtliche Muskeln zerrissen und die Nerven durchtrennt. Die damalige Prognose von vier bemühten Ärzten – allesamt Experten auf ihrem Gebiet – war, dass sie ihren Arm wohl nie wieder verwenden könne und er gelähmt bleiben würde. Die Muskeln waren durch die Nervenschädigung paralysiert und sie konnte nicht einen einzigen Finger bewegen. Jedoch wollte sie sich mit dieser Hiobsbotschaft nicht zufriedengeben und konsultierte einen weiteren Arzt. Dieser meinte schließlich, dass „alles möglich“ sei und sie eine Chance auf Heilung habe, wenn sie hart an ihrer Rehabilitation arbeite, Physiotherapie mache und täglich an ihrem Ziel der Genesung dranbleibe. Es folgte eine intensive Rehabilitationszeit, in der sie zahllose Therapien bekam, täglich trainierte und sich, wie sie mir später verriet, auf nur einen einzigen Gedanken fokussierte: „Für mich gibt es nur Downhill-Fahren. Es gibt nur diese eine Option, dass ich wieder gesund werde!“ Sie hatte diese bemerkenswerte innere Stärke und gleichzeitig kindliche Naivität, diese zukünftige Realität als selbstverständlichen Ausgang ihrer Bemühungen anzunehmen. Eine solch klare Ausrichtung, die jeden Zweifel hinwegfegte. Ein inneres Bild ihrer Vision, das sich unabänderlich in ihrem Geist festsetzte. Und es funktionierte! Ein Jahr nach ihrem Sturz reiste sie wieder von Kontinent zu Kontinent, um in aller Herren Länder Rennen zu fahren. Der Arm war wieder vollkommen funktionstüchtig.
Als ich diese Geschichte vernahm, begann meine alte Vision wieder lebendig zu werden. Der Glaube an die Kraft des Geistes wurde wieder entflammt. Und mit ihm der Glaube an die Möglichkeit, von einer Krankheit genesen zu können, selbst an einem Punkt, wo die Erkrankung bislang als unheilbar galt. In den darauffolgenden Wochen begann der Gedanke in mir zu keimen, das Studium wieder aufzunehmen. Ich wollte einer jener Ärzte werden, die an das unermessliche Potenzial des Menschen glauben und ihren Patienten dabei helfen, dieses für sich zu nutzen.
Nach weiteren langen Monaten kehrte ich schließlich an die Hochschule zurück und beendete am 15. Dezember 2011 mein Studium ein zweites Mal. Diesmal jedoch mit einem Abschluss. Ich war bereit, meinen beruflichen Weg auf eine neue Art zu gehen und meine Schlüsse aus den Ab- und Umwegen der letzten Jahre zu ziehen. Ich hatte am eigenen Leib erfahren, wie die Verstrickung in destruktive Gedanken Krisen erzeugen und die Identifikation mit negativen Emotionen das eigene Potenzial blockieren und die Sicht auf die Außenwelt verdunkeln kann. Ich durfte erleben, wie die Arbeit mit dem Geist im Rahmen von Meditation solche Blockaden lösen kann und die Innenwelt positiv zu verändern vermag, um eine erwünschte Realität im Außen zu erschaffen. Heute lebe ich genau jene berufliche Vision, die ich zu Studienbeginn vage gespürt, lange nicht gewagt und dennoch jahrelang verfolgt hatte. Heute habe ich das Privileg, meinen Patienten durch meine allgemeinmedizinische Tätigkeit und die Arbeit mit Hypnose und Meditation bei der Entfaltung ihres Potenzials helfen zu dürfen und eine heilsame Brücke zwischen den zwei synergistischen Elementen Körper und Geist schlagen zu können.
Ohne diese krisenhafte Zeit hätte ich mich nie in solcher Tiefe und mit solcher Beharrlichkeit mit den Themen der Selbstheilung und der Entfaltung des eigenen Potenzials beschäftigt. Dieses Buch ist die direkte Folge davon und soll auch Sie dabei unterstützen, den Weg zur inneren Quelle der Ruhe und Klarheit, des intuitiven Wissens und vielleicht sogar der körperlichen Heilung zu finden.
Machen wir uns also auf den Weg und beginnen unsere Forschungsreise zunächst mit den Ursachen für die Destruktivität im Geiste und mit der Frage, welchen Anteil das eigene Denken an unterschiedlichen Problemen hat. Im zweiten Kapitel beleuchten wir, welche Verbindungen zwischen Geist und Körper bestehen und wie sich Gedanken und Emotionen auf das Immunsystem und unsere Gesundheit auswirken. Im dritten Kapitel nehmen wir den Geist genau unter die Lupe und tauchen in die praktischen Übungen ein, die das Bewusstsein schulen – mit dem Ziel, sich von Negativität zu befreien und ein positives Mindset zu etablieren. Das vierte Kapitel offenbart, welche Auswirkungen dieses mentale Training wiederum auf den Körper hat und wie sich die Funktionsweise des Gehirns und des Herzens durch Meditation verändert. Die beiden letzten Kapitel zeigen, wie wir durch mentale Praxis Herz und Verstand auf eine Linie bringen, um das eigene Potenzial zu entfalten und jene Zukunft zu gestalten, die wir uns von Herzen wünschen.
Praxistipp:Die theoretischen und praktischen Inhalte dieses Buches bauen aufeinander auf. Es empfiehlt sich daher, das Buch in der vorgesehenen Reihenfolge kapitelweise zu lesen. Die Informationen sind stellenweise sehr dicht gefasst und die praktischen Übungen sind essenziell, um die eigenen persönlichen Erfahrungen mit diesen Informationen zu machen. Um die Praxis zu erleichtern, finden Sie die Übungen deshalb auch als Audioanleitung auf meiner Website www.drwolfdieternagl.com . Alle Meditationsübungen lassen sich in jeglicher Abfolge frei kombinieren und so können Sie diese, gemäß Ihren Bedürfnissen bezüglich Dauer und Inhalt, im Sinne einer eigenen Playlist selbst zusammenstellen. Schauen Sie sich hierfür am besten das Erklärvideo zur „Integralen Meditation“ auf meiner Website an, welche sich ebenfalls mit den hier vorgestellten Übungen kombinieren lässt.
Wenn das Denken
Probleme erschafft
Das Leben ist geprägt von Herausforderungen, die uns die Chance bieten, zu wachsen und uns zu entwickeln. Manche bringen uns an die Grenzen unserer Belastbarkeit, dann kann es schwerfallen, ihren Sinn für unser Leben zu erkennen. Naturkatastrophen, Kriege und Hungersnöte, Wirtschaftskrisen und Viruspandemien sind Problemfelder, die sich zum größten Teil unserem Einfluss entziehen. Auch der Verlust oder die Erkrankung eines geliebten Angehörigen sowie eigene Krankheiten können mit all ihren Begleitumständen sehr herausfordernd sein. Und dennoch gibt es einen Raum in unserem Bewusstsein, der von all diesen Umständen unberührt bleibt. Eine geistige Instanz, die die Fähigkeit in sich trägt, sich über die Widrigkeiten des Lebens zu erheben und diese ins Positive zu wandeln.
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