Das Ganze wird einen großen Raum einnehmen und sieben bis acht Wochen brauchen, selbst wenn ich Ihnen zweimal wöchentlich Teile davon schicke. Die hiesigen Ärzte wollen das Thema erörtern und äußerten sich bisher positiv. 4
Stockholm, 24. Februar 1720
Ich beende nun meinen Artikel und sende Ihnen Kapitel XIII, damit es nicht in Bezug auf die exakte Bedeutung zu Streitigkeiten (unter den Professoren in Upsala) kommt. Es wäre sehr wünschenswert, in Hinblick auf die möglicherweise aufkommenden Einwände, den Dingen besondere Beachtung entgegenzubringen, die dazu beitragen die Themen in ein richtiges Licht für mich zu setzen. Meiner Meinung nach sollten solche Einwände vorgebracht werden, die mir in einem gewissen Maße behilflich sind zu erkennen, ob ich auf dem richtigen oder falschen Weg bin. Sich lediglich vieles über den ‚animal spirit‘ vorzustellen und nur die Dinge in Bezug auf ihre Chemie und Funktion, jedoch nichts, was ihre Geometrie betrifft, anzuerkennen, scheint mir eine schwache Kritik.
So lege ich es als Grundprinzip fest, dass Tremulationen in der membraneigenen Flüssigkeit beginnen. Um sich ausbreiten zu können, bedarf es einer gewissen Spannung zwischen den Membranen und den harten Strukturen, aber auch mit den Blutgefäßen, so dass sich letztlich alle lymphatischen Gefäße oder jene der Nervenflüssigkeit in schlüssiger Verbindung befinden. Wie jede andere Flüssigkeit übertragen sie augenblicklich einen Druck auf die Umgebung, und folglich kommunizieren sie eine vibrierende Bewegung an die Membranen und die Knochen, so dass nahezu der gesamte Körper in einen Zustand subtiler Kovibration gebracht wird, welche eine Wahrnehmung verursacht.
Ich gehe davon aus, dass die Herren Akademiker so vernünftig sind, ihre kindlichen Vorurteile beiseite zu schieben und die Argumente gegeneinander abzuwägen, um zu sehen, welches am ehesten zutrifft. 5
29. Februar 1720
Ich schicke Ihnen hier die Fortsetzung des vorangehenden Teils und wünsche mir sehr, dass es die Zustimmung der sich mit diesem Thema befassenden Gelehrten findet. Da ich jedoch diesbezüglich meine Zweifel habe, werde ich einige Zeit vergehen lassen, um zu hören, welche Bedenken möglicherweise erhoben werden.
Falls jemand eine gegenteilige Meinung unterhält, nützen auch die besten Argumente nichts. Jemand mit vorgefassten Meinungen ist meist total blind. Dennoch, zu Ihrem Wohle und im Dienste des Volkes, werde ich aus ganzem Herzen hinterlassen, was verlangt wird. Vorsicht muss geboten sein, um nicht aufgrund neuer Entdeckungen oder bisher unbekannter Argumentationen den Bannfluch der Gelehrten auf sich zu ziehen. Das nächste Kapitel enthält meines Erachtens bessere und einleuchtende Beweise bezüglich unserer Sinne und Sinneswahrnehmungen. Weitere Notizen, die jedoch noch nicht ausgearbeitet sind, betreffen den Mechanismus unserer Leidenschaft und die Bewegung unserer Sinne, insofern sie sich von den Strukturen der Nerven und der Membranen ableiten lassen.
Hinzu kommen einige unbekannte Eigenschaften kleinster Verzweigungen der Arterien und Venen, die der fortlaufenden Bewegung dienen. Insofern dies jedoch zur Begründung weiteres Nachdenken und anatomische Untersuchung erfordert, hebe ich es mir für eine spätere Gelegenheit auf … Alles, was ich Ihnen bisher geschickt habe, ist eine Abschrift des ersten Entwurfes. Sollten sich in Bezug auf die Orthographie einige Fehler eingeschlichen haben, bitte ich es den Umständen zuzuschreiben, da eine exakte Kopie nicht existiert. 6
Brunsbo, 2. April 1720
Seit meiner Abreise aus Stockholm, hatte ich weder die Zeit, Ihnen die Fortsetzung der anatomischen Schriften zu schicken, noch kann ich es von hier aus, da ich den ersten Entwurf nicht mit mir führe und ich nicht alles gut genug erinnern kann. Bei nächster Gelegenheit werde ich dir Weiteres übermitteln. 7
Brunsbo, 2. Mai 1720
Es wäre meine höchste Freude, meine anatomischen Studien hier fortsetzen zu können. Den ersten Entwurf ließ ich in Starbo. Es bereitet mir Kopfschmerzen, die unterschiedlichen Fäden die bereits tief obducta alius generis cogitationibus (was heißt, behandelt von Gedanken unterschiedlichster Art) nachzujagen. Dennoch, es soll getan werden, sobald sich die Gelegenheit bietet. 8
Dies ist der letzte Hinweis Swedenborgs auf die kleine Arbeit Über Tremulationen . Die gewünschte Gelegenheit bot sich nicht mehr und folglich erhielt Benzelius keine weitere Fortsetzung. Die Kopie der Kapitel I-VI und XIII gelangte anschließend nach Linköping, als Benzelius 1731 in der dortigen Diözese zum Bischof ernannt wurde. Hier verblieb sie bis zum heutigen Tag zusammen mit all seinen anderen Papieren konserviert in der Bibliothek der Kathedrale.
1869 beschaffte sich Dr. R.L. Tafel eine photolithographische Kopie des Manuskriptes, welche die Seiten 132 - 180 der ersten Ausgabe von Swedenborgs Manuskript beinhaltet.
Wie schon vom Autor erwähnt, entstammte die Kopie dem ersten Grobentwurf, was gewisse ungehobelte Sätze und andere rohe Ausdrucksweisen erklärt, die selbst dem englischen Leser auffallen. Die Originalsprache ist sehr eigentümlich, sowohl in der Orthographie und der Syntax als auch im Vokabular. Schwedisch zu Beginn des 18. Jahrhunderts war anders als das moderne Schwedisch, etwa wie Tyndales oder Coverdales im Vergleich zum heutigen Englisch. Swedenborg war einer der ersten, der es wagte, seine wissenschaftlichen Thesen in Schwedisch zu verfassen. Und so prägte er gezwungenermaßen viele neue und fremde Ausdrücke, genauso wie er viele aus anderen Sprachen wie dem Lateinischen, Französischen, Deutschen und sogar dem Englischen entlieh. Das Original dieser Arbeit ist reichlich damit bestückt. Der Autor selbst erkannte sehr bald die Ineffizienz der damaligen schwedischen Sprache als Mittel zum Ausdruck wissenschaftlichen Gedankengutes. Folglich griff er in all seinen späteren Schriften wieder auf das alles dominierende Latein zurück.
Dem Leser sei es überlassen den eigentlichen Wert der vorliegenden Arbeit zu beurteilen. Wir wollen lediglich einen Beitrag leisten: um der geschichtliche Bedeutung willen, zum richtigen Verständnis Swedenborgs wachsenden Geistes, sowie zu den Anfängen dieser großartigen Thesen über die natürliche Wahrheit, die später in seinen wissenschaftlichen und philosophischen Werken immer weiter perfektioniert wurden. Der Autor verfasste diese Abhandlung im Alter von 31 Jahren. Sie bezeichnet die erste seiner anatomischen bzw. physiologischen Schriften und zugleich den eindeutigen Abschluss der ersten Periode seiner Schaffenszeit als Autor und Wissenschaftler. Während jener Periode, beginnend im Jahre 1709, schrieb Swedenborg nicht weniger als 20 unterschiedliche Abhandlungen, mehr oder weniger alle in schwedischer Sprache, von denen er einige selbst veröffentlichte. Und obwohl alle in der ein oder anderen Form noch erhalten sind, erschien bisher nichts davon in englischer Sprache.9
Für sich allein betrachtet haben nicht alle diese herausragende Bedeutung. Dennoch sind sie unverzichtbar für ein genaues Verständnis von Swedenborgs Vorbereitung in Bezug auf die ihn erwartende einzigartige und gewaltige Mission.
Er begann seine literarische Karriere als Kommentator der Klassiker, um anschließend als begabter lateinischer Poet in Erscheinung zu treten. Polyhymnia für ernstere Gedankenspiele aufgebend, vertiefte er sich nun in Mineralogie, Geologie, Astronomie, Mathematik und Physik. In all diesen Gebieten verfasste er viele kleine interessante und anregende Arbeiten. Zur gleichen Zeit veröffentlichte er sein Daedalus Hyperboreus , ein Fachjournal für Mathematik, Mechanik und andere technische Wissenschaften. In der sechsten und letzten Ausgabe dieses Journals, geschrieben Anfang 1717, jedoch nicht vor Oktober 1718 erschienen, finden wir einen Artikel über Tremulationen. Diesen haben wir als Einleitung der vorliegenden Arbeit hinzugefügt, stellt es doch den Entwurf und Vorläufer des erweiterten Werkes dar. Man möge es als das letzte Werk Swedenborgs Jugend betrachten.
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