Die genaue Geschichte der Abhandlung Über Tremulationen entnehmen Sie dem Vorwort zur englischen Ausgabe.
ZUR TERMINOLOGIE
Da im vorliegenden Werk die Terminologie zu Wellenphänomenen gelegentlich verwirrend erscheint, sei hier eine kleine Orientierungshilfe angeboten:
Undulation : Sichtbare Tremulationen, wie etwa das Schwingen eines Pendels oder das Wehen einer Flagge.
Tremulation : Hörbare Tremulationen, wie etwa der Klang des Tones einer schwingenden Saite.
Kontremiszenz : Feinste unsichtbare und unhörbare Tremulationen.
Begriffe wie Schwingung oder Vibration sind im jeweiligen Kontext in die o. a. Bedeutung einzuordnen. Das Schwingen einer Saite ist demnach sowohl Undulation als auch Tremulation; man kann die Schwingung sehen und hören.
Verwirrend ist die Begrifflichkeit v.a. deshalb, weil Swedenborg den zentralen Begriff Tremulation, aber auch den von ihm geprägten Fantasiebegriff der Kontremiszenz in seiner Originalschrift auch verwendet, um damit sämtliche in der Natur vorkommenden wellenartigen Vorgänge zu beschreiben. Diese Begriffe sind somit zugleich terminologische Gesamt- und Teilmenge. Gelegentlich sind alte anatomische Ausdrücke wie etwa matres für die Meningen (Gehirnhäute) anzutreffen, aber der Authentizität zuliebe wurde auf eine minutiöse Angleichung an die aktuelle medizinische Nomenklatur verzichtet.
Bezüglich der Terminologie offenbart sich im Übrigen eine grundsätzliche Schwäche der deutschen Übersetzung, denn diese erfolgte nicht auf Grundlage des schwedischen Originals, was eine korrekte Überprüfung unmöglich macht; sie basiert vielmehr auf der englischen Übersetzung des schwedischen Historikers Clas Teodor Odhner (1836 – 1904) aus dem Jahre 1899. Da JOLANDOS als Kleinstverlag die Mittel fehlen, um den enormen Aufwand einer wissenschaftlich relevanten Übersetzung aus dem Schwedischen jener Zeit zu finanzieren, der Inhalt des Werkes aber nach Ansicht des Herausgebers von überragender medizin- und v.a. osteopathiehistorischer Bedeutung ist, wurde als Kompromiss die Übersetzung aus dem Englischen gewählt. Eine notwendige Nachbesserung muss anderen überlassen werden.
ZUR BEDEUTUNG
Obwohl das Werk Über Tremulationen von allgemeinem Interesse ist, dürfte es aber in Besonderem Osteopathen und allen voran jene, die sich im Kontext der Biodynamischen Osteopathie bewegen, interessieren. Dies umso mehr, wenn man um die historischen Zusammenhänge zwischen Emanuel Swedenborgs anatomisch-physiologischen Schriften bzw. seinem Weltbild im Allgemeinen und dem Begründer der Osteopathie, A. T. Still (1828 – 1917), weiß. Dies trifft ebenso auf den Entdecker der Kranialen bzw. Kraniosakralen Osteopathie zu und so verwundert es kaum, dass einige Aussagen in diesem Werk mit der kraniosakralen Osteopathie verdächtig identisch erscheinen. Hier ist momentan eine intensive historische Aufarbeitung im Gange und allen Interessierten sei David Fullers Osteopathie und Swedenborg (Seite 79) wärmstens empfohlen, der diese Zusammenhänge ausführlichst recherchiert und brillant dargelegt hat.
Geradezu bahnbrechend ist auch Swedenborgs Beschreibung der peripheren Membranen, heute als Faszien bekannt, denn modernste Wissenschaftsarbeiten in diesem Bereich scheinen die Beobachtungen Swedenborgs zu bestätigen, dass es sich bei diesen Strukturen tatsächlich um ein primär nervös-lymphatisches Gewebe handelt, das weit mehr physiologische Bedeutung besitzt als eine rein biomechanische. Mit dem Fortschritt der wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Faszien scheint man sich sogar mehr und mehr von diesem rein muskuloskelettal geprägten Bild der Faszien zu verabschieden und es immer mehr im tatsächlich ‚ganzheitlichen‘ Kontext, v.a. aber im Kontext der Sinneswahrnehmungen zu begreifen.
ZUR ÜBERSETZUNG
Der Begriff Tremulationen wurde weitestgehend beibehalten.2 Wo es sich eindeutig um himmlische Tremulationen handelt, wurde in der deutschen Übersetzung der Begriff ‚Schwingungen‘, für ihre physikalische Entsprechung ‚Vibrationen‘ gewählt. An dieser Stelle sei auch ausdrücklich betont, dass die vorliegende Übersetzung zudem auf der 1899 erstellten englischen Version des schwedischen Historikers Clas Teodor Odhner (1836 – 1904) beruht und somit quasi „um zwei Ecken“ übersetzt wurde. Zwar wurde darauf geachtet, den Kerngedanken im Einklang mit seinen späteren anatomisch-physiologischen Schriften zu erfassen und zu vermitteln, ausgewiesene Kenner dieser Schriften Swedenborgs sind hier aber zur kritischen Durchsicht eingeladen.
Ich habe mir weiterhin zur Verbesserung der Übersichtlichkeit erlaubt, den Kapiteln einzelne Überschriften zuzuweisen. Da diese in den Originalschriften nicht vorhanden sind, wurden sie in eckige Klammern gesetzt. Der Index wurde vom englischsprachigen Original übernommen.
Lassen Sie sich aber nun vom Inhalt dieses bedeutenden Werkes inspirieren und genießen sie den Einblick in Swedenborgs grandiose Beobachtungen zu den spannendsten Fragen rund um den Menschen. In diesem Sinn wünsche ich Ihnen jene Freude beim Lesen, die mich dazu bewogen haben, Swedenborgs kleines Meisterwerk in deutscher Sprache zu veröffentlichen.
Christian Hartmann
Pähl, Mai 2013
VORWORT ZUR ENGLISCHEN AUSGABE
Emanuel Swedenborgs Abhandlung, die nun zum ersten Mal in englischer Sprache erscheint, wurde ursprünglich zum Ende des Jahres 1719 geschrieben. Dies geht aus einer Äußerung hervor, die der Autor in einem Brief vom 3. November 1719 an seinen Schwager, Dr. Eric Benzelius, Bibliothekar der Universität von Upsala, machte.
Ich habe auch eine kleine Anatomie über unsere Lebenskräfte geschrieben, welche, wie ich behaupte, aus Tremulationen bestehen. Zu diesem Zweck habe ich mich sorgfältig mit der Anatomie der Nerven und Membranen vertraut gemacht. Somit konnte ich beweisen, welch eine Harmonie zwischen ihnen und der interessanten Geometrie der Tremulationen besteht.
Diese und viele andere Ideen stimmen überein mit denen von Baglivius. (Giorgio Baglivi, ein Schüler Malphigis, Professor in Rom). Vorgestern reichte ich sie am Royal Medical College ein. 3
Aus den damaligen Sitzungsprotokollen des Sundhets Collegium in Stockholm geht hervor, dass diese Arbeit Swedenborgs ordnungsgemäß empfangen und angemeldet wurde. Man beschloss, dass alle Mitglieder der Reihe nach die Abhandlung lesen und diesbezüglich Stellung nehmen sollten. Im Laufe dieses Prozesses scheint das Manuskript verschwunden zu sein. Es gibt weder einen weiteren Eintrag in den Sitzungsprotokollen der Behörde, noch ist eine Abschrift in der Bibliothek des Royal Medical College, Stockholm, erhalten geblieben. Swedenborg selbst behielt nur den ersten Grobentwurf, welcher ebenfalls verschwand. Allerdings fertigte er davon eine Kopie der Kapitel I-VI und XIII an, die glücklicherweise erhalten ist. Die Kopie umfasst alles, was vom Originalwerk noch vorhanden ist und nach dessen Vorlage die vorliegende Übersetzung angefertigt wurde.
Einige Zitate aus Swedenborgs Korrespondenz mit Benzelius geben uns einen Einblick in die Geschichte dieser zweiten Kopie sowie in den Inhalt seiner Arbeit.
Stockholm, Mitte Januar, 1720
Mit der letzten Post schicke ich Ihnen meine neuesten literarischen Bemühungen. Sollten diese sowie die folgenden Ihre Zustimmung finden, würde mich das sehr freuen. Es ist gewiss richtig, das Baglivius als erster diese Theorie entwickelte, Descartes sich ihrer annahm und später auch Borellus. Allerdings hat noch niemand bisher Beweise hierzu erbracht, geschweige denn den Sachverhalt voll und ganz behandelt. Auch wenn ich das Thema bzw. die Theorie an sich gerne anderen überlasse, so erhebe ich doch den Anspruch, meine Beweise als neu und als meine eigenen zu bezeichnen. Ich muss allerdings gestehen, im Nachhinein festgestellt zu haben, dass ein erheblicher Teil dessen was ich entdeckte, zeitgleich mit Baglivius geschah; welch ein anregender Gedanke. Beispielsweise was ich über die Funktion der Meningen zu sagen habe.
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