Henderson Island war nur einhundertfünf Seemeilen von Pitcairn entfernt und wäre ohnehin nur bei einer Morgen- oder Mittagspassage von Pitcairn für uns zu sehen gewesen. Daher verschmerzten wir leichten Herzens, dass wir dieses Stückchen Erde nur am Radar würden beobachten können, zumal es nicht die Geschichte und bedeutende Vergangenheit hatte, wie Pitcairn es für sich beanspruchen konnte. Außerdem war Henderson laut dem Seehandbuch „ infested by rats and mice“ (verseucht mit Ratten und Mäusen), Frischwasser wäre nicht verfügbar und von einer Bevölkerung könnte keine Rede sein, es war also unbewohnt. Obendrein auch noch flach wie ein Tisch! Was also war daran Besonderes? Es war just durch Anwachsen eines Korallenstocks vielleicht mal entstanden, mit Sicherheit aber nicht vulkanisch – wie Pitcairn.
Am 14. August gegen 1500 Uhr schob sich der Stein, den wir ansteuerten, hinter der Kimm hoch. Im Radar wurde das Echo schon auf knapp vierzig Meilen Entfernung angezeigt. Wir hielten nördlich auf „Point Christian“ zu, dort vorbei wollte ich dann nach dem Passieren der Nordspitze auf Südost drehen, um das einzige Dorf, Adamstown, zu sehen und dann sollte nach meinen Berechnungen die Sonne schön hinter dem Stein untergehen, so dass vorzeigbare Gegenlichtaufnahmen möglich würden. Und das war’s dann auch schon. Gott sei Dank hatten wir nur eine leicht durchbrochene Bewölkung, so dass es mit Glück schöne Schnappschüsse mit günstigen Sonnenreflexen geben könnte.
Herrlich, ja fast majestätisch erhob sich der faltige, grünbraune Stein aus den Fluten. Klingt zwar etwas schwülstig, aber beschreibt ackurat meinen Gemütszustand. Das hatte was! Ich hier bei Pitcairn! Laut Karte ging es gleich steil abwärts, die Insel ist vulkanischen Ursprungs, kein Korallenriff säumte die Insel. Klarer Fall. Mit dem Glas konnte man Palmen und Nadelbäume ausmachen. Oben auf dem Top eine hohe, dünne Funkantenne und man konnte außerdem einige weiße Spots im grüngefleckten Felskleid erkennen, die sicherlich die Dächer von irgendwelchen Behausungen darstellten. Im Abstand von nur einer Meile passierten wir einige kleinere, abgebrochene Felsen, ehe wir dann planmäßig auf Südost schwenkten, um die östliche Seite der Insel, die Landungsseite , abzusegeln. Unsere Brücke war nun mit Schaulustigen besetzt, die mit gezückten Digitalkameras auf ihren Moment warteten und nur ich hatte noch zusätzlich meine Schneckenkamera alten Stils am Anschlag.
Das Kap „Point Christian“, benannt nach dem Chef der Meuterer, es war der zweite Steuermann Fletcher Christian, wurde Steuerbord querab passiert und nun konnten wir schon die Reede von Adamstown gut einsehen. In der Bounty-Bucht lag ein kleiner Kutter. Am UKW hörte ich, wie der sich mit der Landstation unterhielt, in dessen Verlauf er das anlaufende Schiff, also uns, erwähnte. Die Gegenstelle bestätigte dem Kutter, dass er uns nun auch sähe und nun schaltete ich mich auch in den Funkverkehr ein. Ich rief die Landstation und gab ihm meinen Namen, erklärte ihm unser Woher und Wohin und begrüßte ihn. Freundlich antwortet die Gegenstelle und lud uns ein, ob wir nicht gerne für eine oder zwei Stunden hier vor Anker gehen wollten. Sie würden uns gerne Frischobst und Gemüse verkaufen und sich sehr freuen, uns als Gäste willkommen zu heißen.
Tja, Leute! Wenn man jetzt hätte wollen können dürfen, wie man wollen können dürfte! Ich hätte angehalten, sofort! Aber so musste ich ihn notanlügen und beschwatzen; und nannte den engen Zeitplan und übliche Sicherheitsbedenken meinerseits als Grund für das Ablehnen seines freundlichen Angebotes. Sicherlich hätte man diese eine oder meinetwegen auch drei Stunden durchaus abzwacken können, ohne dass das einer zu Hause mitbekommen hätte. Sogar die Seekarte dieser Insel hatte ich mir der Sicherheit wegen vorab bestellt und nun vor mir zu liegen, um gefahrlos und dicht ’dran vorbei fahren zu können. Aber nur mal angenommen, es würde dann tatsächlich etwas passieren, was auch immer: Probleme mit dem Anker oder der Hauptmaschine; man hätte ein Blackout und gar nichts ginge mehr; ein Mitglied der Besatzung käme zu Schaden; irgendwo bei uns an Bord finge es an zu brennen. Dann müsste ich schon so einen gewissen Ort nennen, wo das geschah. Wie sah sowas denn aus: Reede Pitcairn? Und dann mach mal den Leuten vom Charterer und Reeder klar, was man da gerade mal gesucht hätte und warum man überhaupt dort gewesen sei! Aber um ehrlich zu bleiben: Selbst, wenn nichts passiert wäre, wäre das doch in der Reederei eher bekannt geworden als einem lieb sein konnte. Denn so eine Geschichte blieb nicht verborgen, wenn da zwanzig Nasen zuguckten und später davon rumerzählten. Spätestens nach den nächsten Ablösungen sickerte das durch, weil es ja ein ziemlich ungewöhnliches Ereignis gewesen wäre, womit jeder hätte angeben können. Also, das musste ich mir nicht antun.
Das dichte Vorbeifahren, wenn man schon mal da war, konnte ich jederzeit ruhigen Gewissens begründen. Oder wenn tatsächlich was passiert wäre, dass man meinetwegen einen zum Arzt hätte schicken müssen, auch das wäre gegangen. Oder, wie ebenfalls schon bei „Lamberts und Büttner“ vorgekommen, dass man mit deren Billigung, sozusagen im offiziellen Auftrage, dort hinführe, um Post oder so abzugeben. Das war übrigens auf Schiffen geschehen, die ohnehin durch die Kiribatischen Inseln hindurchfuhren und dort dann mal für so ein Intermezzo für ihre Jungs gestoppt hatten.
Es blieb nur der schöne Blick und die nette Einladung. Wir segelten so dicht vorbei, dass man die wie Schwalbennester an den Hängen klebenden Bungalows gut erkennen konnte. Viel Platz konnte es dort nicht geben, denn diese Häuser verteilten sich nur an der Nordostflanke. Einen Strand konnten wir nicht ausmachen, es musste aber hier, wo die Reede war, einen Anleger und den Zugang zur Insel geben. Jedenfalls stand es so im Seehandbuch.
Ich fragte den Macker von der Signalstation, wie viele Menschen denn nun hier lebten und er wusste die Zahl auch ganz genau: exakt zweiundfünfzig Leute. Einige Babys seien unterwegs und dann erzählte er noch, dass alle sechs Monate ein Versorger aus Neuseeland vorbeikäme und Ausrüstungen und Nahrungsmittel brächte. Jetzt hätten sie sogar Internetzugang und dass sie sich von Fischfang, Ackerbau und Einnahmen durch die Herausgabe von Brief-marken ernährten, beziehungsweise ihren Lebensunterhalt bestritten.
Also, wenn man da so vorbeifuhr und sich überlegte, dass hier die Meuterer irgendwie mit dem Mut der Ahnungslosen gelandet waren, wo nix war als Busch und Palme und eben ihre Habseligkeiten, die sie mit der „Bounty“ mitbrachten und sie alles, was nicht niet- oder nagelfest war, an Land schleppten und letztlich die „Bounty“ auch noch zerstörten, um sich am Entkommen von der Insel selbst zu hindern! Hatte man sie nicht doch noch geschnappt? Nur Adams und seine Leute hatten bis zu ihrem natürlichen Tod gelebt? Ja, Meuterei zahlt sich eben nicht aus. Captain Bligh hatte dann doch noch eine Expedition ausgerüstet und einige der Meuterer, die auf Tahiti zurückgeblieben waren, gesucht und gefunden. Nur hier auf dieser Insel hatten sich die Leute gegenseitig umgebracht. Moderne Genuntersuchungen in den 80er- und 90er-Jahren hatten gezeigt, dass ausschließlich Spuren von Meuterer Adams nachzuweisen waren, dessen genetische Fingerabdrücke konnte man hier sozusagen noch vorfinden. Im Übrigen: dazu eine Buchempfehlung des Blaubeers: „Die Insel“, von Herman Melville, der weiterspann, wie es hier nach der ersten Besiedelung durch die Meuterer weitergegangen sein könnte. Ein sehr fesselndes Buch, das mich während meines Studiums begleitete.
Fast planmäßig ging die Sonne unter, nur dass es leider noch ein wenig zu früh für die richtigen Schüsse gewesen war, eine einzige blöde Stunde später wäre es schon besser gewesen.
Читать дальше