Tränen liefen ihm über das Gesicht.
„Aber warum bist du denn traurig?“, wollte der Missionar wissen. „Heute ist doch ein fröhlicher Tag, der Herr Jesus, dem du dein Leben lang gedient hast, ist lebendig, und du wirst ihn eines Tages von Angesicht zu Angesicht sehen können. Ist das kein Grund zu feiern?“
„Doch, natürlich“, sagte der Alte. „Aber ich mache mir Sorgen, dass meine Geschwister, die ohne Aussicht auf einen Himmel bisher so viel Gutes getan haben, von nun an nur noch auf die Belohnung im Jenseits schauen werden, anstatt sich, wie bisher ganz natürlich aus Liebe zu bemühen, ihren Mitmenschen zu dienen. Ganz einfach, weil es gut und richtig ist, so zu handeln!“
KOMMENTAR
Vor etlichen Jahren habe ich mit meiner damaligen Gemeinde in Kanada einen bewusst sehr dunklen Karfreitagsgottesdienst gefeiert. Der Raum war nur durch ein paar Kerzen beleuchtet, wir haben sehr ruhige Lieder gesungen, die Geschichte vom Leiden Jesu nacherzählt und versucht, diese „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“-Ohnmacht nachzuempfinden.
Ganz bewusst haben wir darauf verzichtet, die Osterhoffnung zu erwähnen, denn seien wir mal ehrlich: Die Jünger damals ahnten davon noch absolut nichts. Und auch Jesus selbst strahlte am Kreuz nur wenig Siegesgewissheit aus.
Bevor wir aber mit diesem Gefühl der Ohnmacht den Raum verlassen konnten, sprang mein damaliger Co-Pastor auf, ein äußerst charismatischer Typ. Er sollte eigentlich nur einen passenden Segen sprechen, aber dann hielt er diese Spannung nicht mehr aus, lief auf die Bühne und sagte: „Warum schaut ihr denn alle so traurig? Karfreitag ist ein fröhlicher Anlass! Gott hat uns vergeben und ist auferstanden. Halleluja!“
Zum Nachdenken
Mal abgesehen von dem unsensiblen Stilbruch: Hatte er recht? Wie gehst du damit um, wenn in deinem Leben Ostersamstag ist? Wenn du dich von Gott allein gelassen fühlst, wenn eine wichtige Beziehung kaputtgegangen ist, wenn es gar nicht so scheint, als würden Liebe und Gnade in deiner Welt eine Chance haben? Hältst du das aus, oder tröstest du dich sofort mit Sprüchen wie: „Alles nicht so wild, ich kann ja nicht tiefer fallen als in die Hände Gottes!“ Findet man den Vater, wie Jesus, nicht viel eher mitten in dieser Ohnmacht? „Vater, warum hast du mich verlassen? Das tut so weh! Aber ich mache trotzdem weiter mit dem, was ich glaube. Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist!“
Er liebte seine Enkelkinder, aber das Weihnachtsgeschenk auszusuchen fiel Opa wie immer schwer. Sie hatten doch schon alles, was sie brauchten. „Wie soll man da etwas finden?“ Also entschied er sich diesmal für etwas Einfaches: eine Karte mit einem Scheck darin. Darauf schrieb er schlicht: „Frohe Weihnachten, Opa. PS. Kauf dir dein Geschenk doch selbst!“
Wie jedes Jahr genoss der Großvater die Familienweihnachtsfeier sehr, aber irgendwie waren die Enkelkinder anders. Ein bisschen kühler als sonst. Das nagte an ihm. Wieso waren sie denn diesmal nicht so herzlich? Hatte er etwas Falsches, Verletzendes gesagt?
Dann, es war bereits das neue Jahr angebrochen, fand er beim Aufräumen seines Büros unter einem Stapel alter Magazine mehrere Schecks: Die hatten in seinen Karten allesamt gefehlt, und so waren seine freundlichen Grüße wohl etwas anders aufgenommen worden, als Opa das geplant hatte.
KOMMENTAR
In einem berühmten Gedicht aus den Klageliedern (3, 22 f.) wird beschrieben, dass Gottes Gnade für uns jeden Morgen neu ist. Hier wird ein Bild von einem Gott gemalt, der sich jede Nacht, wenn wir im Bett liegen, persönliche Geschenke für uns ausdenkt. So ein bisschen wie der Nikolaus, nur eben das ganze Jahr über.
Nun ist es leider so, dass ich seine Geschenke häufig übersehe oder gar nicht danach suche, weil ich mir ihrer nicht bewusst bin. Das führt dann dazu, dass ich, wie die Enkelkinder in der Geschichte, sauer bin auf Gott, der sein Versprechen angeblich nicht einhält, der mir eigentlich noch was schuldet … und dessen Liebe ich im Moment so gar nicht sehen kann. Schade!
Zum Nachdenken
Kannst du dich an eine Begebenheit erinnern, wo du Gottes Geschenk übersehen hast? Wann warst du zuletzt sauer auf Gott, weil er dich vergessen und allein gelassen hat? Ist Gott ein bisschen wie der vergessliche Opa?
6. Der Tiger und der Fuchs ohne Beine
(nach einer arabischen Legende)
Auf einer langen Wanderung sah ein Mann einen Fuchs, der alle vier Beine verloren hatte. Er wunderte sich, dass ein Tier, das keine Beute mehr jagen konnte, noch lebte und sogar gut genährt aussah. Da hörte er ein Geräusch und sprang gerade noch rechtzeitig in Deckung, als ein Tiger auftauchte. Der Tiger legte ein Stück gerissenes Wild vor den Fuchs und verschwand wieder im Gebüsch.
Der Wanderer war fassungslos. Ihm schien es, als kümmerte sich Gott höchstpersönlich um das hilflose Tier. Da sagte er sich: „Auch ich werde mich in einer gemütlichen Ecke ausruhen und den Herrn für mich sorgen lassen. Wenn ich nur Vertrauen habe und bete, wird er mir sicher geben, was ich brauche.“
Die Tage vergingen, aber nichts geschah. Noch immer saß der Mann in seinem Unterschlupf. Dem Hungertod nahe, vernahm er plötzlich eine Stimme: „Du bist auf dem falschen Weg. Folge dem Beispiel des Tigers statt dem des Fuchses!“
Da machte sich der Wanderer wieder auf den Weg.
Bald sah er auf der Straße ein kleines, frierendes Mädchen. Es zitterte in seinem dünnen Kleid und hatte wohl schon lange nichts mehr zu essen bekommen. Das machte den Mann zornig, und er beklagte sich bei Gott: „Wie kannst du das zulassen? Einen einfachen Fuchs erhältst du am Leben, aber dieses kleine Mädchen lässt du hungern und frieren.“ Prompt kam die Antwort: „Ich habe etwas dagegen unternommen: Ich habe dich geschaffen!“ Da verstand der Mann das Gleichnis mit dem Fuchs und kaufte dem Mädchen Kleidung und etwas zu essen.
KOMMENTAR
Ich habe einen guten Freund, dem die Belastung an der Arbeitsstelle und die Verantwortung für seine Familie momentan einfach über den Kopf gewachsen sind. Er findet nicht mehr den Mut und die Kraft, seinen Pflichten nachzugehen! Um sein Elend ertragen zu können, trinkt er Alkohol. Der hilft ihm zwar, mit dem Stress fertigzuwerden, zur Lösung trägt er aber natürlich nichts bei.
Ein anderer Freund ist in einer ähnlichen Situation. Auch ihm ist die Verantwortung für Arbeit und Familie über den Kopf gewachsen. Aber statt zu trinken, betet er viel und singt Loblieder, die ihm das Gefühl geben, dass alles gut werden wird. Die Lieder und Gebete helfen ihm, mit dem Stress fertigzuwerden, aber zur Lösung tragen sie leider ebenfalls nichts bei.
Die Geschichte des Wanderers will uns sagen, dass wir die Dinge, die in dieser Welt schiefliegen, angehen müssen. Es hilft nichts, „auf Gott zu vertrauen“, wenn das bedeutet, dass wir nicht selbst tätig werden.
Zum Nachdenken
Hast du dich schon einmal durch Beten vor der Arbeit gedrückt?
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