Philipp wehrte sich dagegen und meinte, dass er keine Demoralisierung der Partei darin sehe, wenn zwei Menschen sich privat ein Vergnügen teilten. Das aber brachte Werner erst recht auf.
»Für Genossen gibt es nichts und nirgendwo Privates. Wo zwei Genossen zusammen sind, da ist die Partei!«
»Gut«, sagte Philipp, »das habe ich jetzt begriffen. Wo auch immer zwei sich treffen, da ist die Partei, und sei es vor einer Wechselstube in Westberlin.«
Christian sprang auf.
»Es ist auf jeden Fall zu verurteilen, westliche Unmoral zu verbreiten. Aber der neue Mensch im Sozialismus, der kann doch nur durch Änderung des heutigen Menschen geschaffen werden, und das braucht Zeit, Genossen, dazu muss man Geduld haben. Philipp kommt aus der Arbeiterklasse, aus dem Westen zwar, aber aus der Arbeiterklasse, und die westlichen Arbeiter sind eben noch nicht so weit wie die Arbeiter bei uns, besonders wie du, Genosse Werner. Und wenn wir beschließen, dass Philipp von der ABF gehen muss, dann können wir auch gleich eine Namensänderung für die ABF beschließen: Fakultät ohne Arbeiter, von den Bauern gar nicht zu reden. Und zu der Bewährung im Uranbergbau, Genossen: Was sollen die Bergarbeiter in Aue davon halten, wenn sie hören, dass da jemand kommt, der bestraft wurde, die gleiche Arbeit zu machen wie sie. Machen die Bergarbeiter denn Strafarbeit? Nein, Genossen, die Kumpel in Aue leisten durch den Uranabbau einen ganz wichtigen, vielleicht den wichtigsten Beitrag zum Sieg des Sozialismus. Die Besten unter uns müssten gerade gut genug sein, einen solchen Ehrendienst leisten zu dürfen. Ich könnte mir gut vorstellen, Genosse Werner, dass du für einige Zeit dort arbeiten möchtest.«
Andere Genossen sahen das ähnlich. Werner zog schließlich seinen Antrag zurück, und es wurde beschlossen, die Angelegenheit bis nach dem Abitur zurückzustellen und dann erneut zu diskutieren.
Das Abitur rückte näher, die Treffen im Haus gingen weiter. Eines Abends gab es einen großen Tumult auf der Frauenetage. Zwei gemeinsam in einem Zweierzimmer wohnende Pädagogikstudentinnen stritten sich lautstark und lagen sich buchstäblich in den Haaren. Alle, die schlichten wollten und versuchten in das Zimmer der Streitenden einzudringen, bekamen Prügel und mussten fliehen. Endlich gelang es dem Heimleiter, die Studentinnen soweit zu beruhigen, dass sie ihn in ihr Zimmer ließen und ihm ihre Herzen öffneten: Beide waren schwanger, und jede hatte die andere zur Abtreibung überreden wollen, selbst aber wollte keine abtreiben lassen. Sie wollten beide ihr Kind austragen und den Kindsvater heiraten. Es gab nur ein Problem: Beide waren von demselben Mann geschwängert worden − vom Genossen Werner Peitz.
Werner, der wie Christian und Philipp in einem Zweierzimmer wohnte und eifrig die fortschrittliche Art der Liebe praktizierte, konnte sich mit seinem Zimmergenossen über den Bettenwechsel nicht einigen. Und so war er ohne Gegenverkehr abends in das Zimmer der angehenden Pädagoginnen gegangen und konnte auf Dauer seine Gunst nicht nur einer gewähren. Die Studentinnen mussten ausziehen. Der Heimleiter wurde entlassen. Werner musste ebenfalls sofort ausziehen und bekam von der Partei eine scharfe Rüge. Nach dem Abitur sollte über die Angelegenheit erneut diskutiert werden.
»Wie heißt es doch?«, sagte Philipp zu Christian. »Wo zwei sind, da ist die Partei. Jetzt hat die Partei ganze Arbeit geleistet und gleich zwei Frauen geschwängert.«
»Sei vorsichtig!«, warnte Christian. »Noch kann er dir schaden. Ein verwundetes Raubtier ist besonders gefährlich. Wenn seine Angelegenheit erneut behandelt werden sollte, wird er bestimmt nicht vergessen, an deine Sache zu erinnern.«
Sophies Mutter war durch ihren Kollegen und Genossen, den Staatssekretär für das Hoch- und Fachschulwesen, über die Sittenlosigkeit im Heim und über die Vergiftung durch westliche Nachrichten informiert worden. Sie bestellte Philipp zu sich in das Ministerium für Arbeit und Gesundheitswesen.
»Was ist denn bei euch im Heim los? Da höre ich ja entsetzliche Sachen.«
Philipp erzählte die Geschichte von Werner und den geschwängerten Frauen. Edda war empört.
»Was haben sich diese Leute eigentlich dabei gedacht!? Das hat mit sozialistischer Liebe und Moral gar nichts zu tun. Das ist bürgerliche Dekadenz. Aber es soll auch ein Devisenvergehen vorgekommen sein, habe ich gehört.«
Philipp tat ahnungslos. Edda fragte weiter.
»Was ist das übrigens für ein Mensch, mit dem du da zusammenwohnst?«
Vorsicht!, dachte Philipp, darum hat sie dich also kommen lassen. Diese Frau weiß mehr, als sie sagt.
»Er ist aus Potsdam, hat früher mit seinen Eltern in Polen gelebt. Sein Vater war polnischer Offizier; er ist von den Nazis in Katyn erschossen worden.«
»Hat er dir das so gesagt, von den Nazis?«
Philipp tat wieder ahnungslos.
»Ja, sicher!«
»Und wieso lebt er in der DDR?«
»Er ist unter der Besatzung der Nazis Deutscher geworden; seine Mutter ist Deutsche. Die Polen haben sie nach 45 aus Krakau vertrieben − äh, sie wurde umgesiedelt.«
Philipp konnte sich Eddas Interesse für Christian nicht erklären, vermutete aber, dass Sophie ihrer Mutter etwas erzählt hatte. Aber was? Was wusste Sophie, und was wusste ihre Mutter über das Leben im Heim?
Kurze Zeit später bekamen alle Heimbewohner die schriftliche Mitteilung vom Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen, dass das Heim zum Ende des Semesters geschlossen werde. Den Heimbewohnern der ABF wurde zugesagt, dass sie bis eine Woche nach dem Abitur wohnen bleiben könnten. Christian und Philipp bekamen vom Büro der Fakultät Zimmer im Bezirk Prenzlauer Berg und außerhalb in Biesdorf angeboten. Beides sagte ihnen nicht zu. Da erinnerte Christian sich an das ehemalige Hausmädchen seiner Großeltern. Trude wohnte im Bezirk Friedrichshain und war inzwischen eine Frau mit weißen Haaren. Sie hat nie geheiratet und war nach dem Ende des Krieges, als Maria aus Polen vertrieben und mit ihrem Sohn in ihr Elternhaus zurückgekehrt war, von dieser entlassen worden. Allein und mittellos, wurde Trude von ihrer verheirateten Schwester aufgenommen. Zuerst starb ihr Schwager und bald danach ihre Schwester. Seitdem wohnte Trude allein in der großen Wohnung.
Erfreut über den Besuch von Marias Sohn war Trude sofort bereit, den beiden jungen Männern ihr größtes Zimmer zu überlassen, mit Plüschsofa und Biedermeier-Möbeln. Für zwei Betten wäre auch noch Platz. Ja, sie bot sich sogar an, ihnen auch mal etwas zu kochen, wenn sie es denn wünschten.
Isa und Lena dagegen wollten nicht wieder zusammen wohnen. Sie bekamen ebenfalls von der Musikhochschule Zimmer im Bezirk Prenzlauer Berg und außerhalb angeboten. Lena nahm ein Zimmer in Mahlsdorf, Isa bemühte sich um eine Bleibe in Friedrichshain, fand aber nichts und entschied sich für Prenzlauer Berg.
Philipp und Isa stellten frühzeitig den Antrag auf einen Interzonenpass, warteten auf die Prüfungen, auf das Ende des Semesters und freuten sich auf die Ferien.
Christian und Philipp beschlossen, an den beiden letzten Nachmittagen vor Beginn der Prüfungen nicht mehr zu lernen, das schöne Wetter auszunutzen und baden zu gehen. Sie überredeten die Frauen mitzukommen, und so fuhren sie gemeinsam hinaus an den Müggelsee, schwammen, tollten am Strand herum oder lagen in der Sonne und machten Pläne für die Zukunft. Isa freute sich, zusammen mit Philipp in ihrer Heimat und bei ihren Eltern sein zu können.
Lena schwärmte von der Sängerin Erna Berger und wollte wie diese gerne bald Liederabende geben. Christian wollte nun doch nicht Chemie studieren, sondern lieber Physik, weil das eben eine exakte Naturwissenschaft sei, in der es streng mathematisch zuginge und bei der man nicht so viel unnützes Zeugs auswendig lernen müsse wie in der Chemie. Philipp meinte, dass er wohl oder übel bei der Chemie bleiben werde, denn um jetzt noch zu wechseln, dazu sei er schon zu lange dabei, und das Auswendiglernen liege ihm mehr als die Mathematik.
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