Sie war im Leben stets unsicher, daher wurde sie oft fremdbestimmt. Hilde ließ es zu und hörte zu oft auf die Ratschläge anderer.
Die Bäuerin
Gerlinde hat vor einigen Monaten den Hof ihrem Sohn übergeben. Schon einen Tag später sah sie in ihrem Leben keinen Sinn mehr.
Sie war stets Bäuerin. Sie hat grobe Hände mit rissiger Haut und trägt bunte Kittel. Gewohnheitsmäßig. Mit der Familie vom Gut vertrieben, kam sie aus Schlesien.
Auf dem Fluchtweg verlor sie irgendwo ihre Mutter.
Kein Tag vergeht, an dem sie nicht an sie denkt. In ihren Träumen sucht sie nach ihr. Die Arbeit bestimmte ihr Leben. Ihre Ehe mit dem Bauern war eine Zweckgemeinschaft.
Und doch erfüllte dies alles ihr Leben ganz.
Sonntags will sie Schweinebraten mit schlesischen Knödeln. Gibt es etwas anderes, ist es kein Sonntag für sie. Sie quatscht in sich hinein, sie ist oft verwirrt. Die Schwiegertochter ist die Einzige, die sie besucht. Gerlindes Sohn meidet das Hotel der Alten und seine Mutter.
Die selbstbewusste Mürrische
Gisela war Sekretärin in der ehemaligen DDR, sie lebte in der Großstadt. Sie ist sehr selbstbewusst. Ein Leben lang lebte sie allein, an Selbstständigkeit gewohnt. Im Alter kriegt sie nicht mehr alles so hin, wie sie es gewohnt war.
Daher ist sie oft mürrisch und ungehalten. Sie benutzt einen Gehwagen und nennt es das „Ding“. Gisela schaut oft aus dem Fenster. Sie macht viele Notizen.
Sie ist Frühaufsteherin. Und sie nutzt die Zeit am Morgen, um in ihren Büchern zu lesen. Sie spielt mit den Händen, wartet auf etwas, nur auf was, das weiß sie nicht. Sie hat keine Familie.
Einigkeit am Tisch herrscht nur, wenn sie gemeinsam mit Schwester Birgit Lieder aus vergangener Zeit singen.
Die Genießerische
Maria ist Witwe und genießt in vollen Zügen ihr Dasein. Mit der Hinterlassenschaft ihres Ehemannes ist sie unabhängig. In ihrem Umfeld ist sie unbeherrscht und Eitel. Für zwei Jahre war Heinz der Lebensgefährte von Maria, bis er fluchtartig ihre Wohnung verließ.
Sie wird dement und das hat Folgen.
Heinz, der Gentleman 68 Jahre
Der Charmante
Heinz freute sich auf sein Leben im Alter. Doch nach der zweijährigen Erfahrung mit Maria sieht sein Leben anders aus, als er es sich am ersten Tag als Rentner ausgemalt hatte.
Heinz zieht nach seinem Missgeschick in der Küche die Konsequenzen. Er verschwindet sang- und klanglos aus der Wohnung von Maria. Nicht nur das Leben von Heinz sieht danach anders aus, auch die vier Damen profitieren von seinem Charme.
Nach seinen Vorstellungen, wie er sein Rentnerdasein zu leben wünschte, kommt es anders, als er es sich gedacht hatte.
Die Engagierte
Als Pflegeschwester im Altenheim versucht Birgit den Bewohnern, das Leben etwas anders zu gestalten, als es die Vorschriften vorgeben.
Ihr Einsatz nach Feierabend, den Alten Etwas Freude zu bereiten, zeichnet sie aus.
Sie macht das, was den Menschen dort gefällt: Sie singt mit ihnen gemeinsam.
Was bleibt,
wenn der Mensch nicht mehr hoffen darf?
Die mit Lederpolstern eingerichtete Empfangshalle ist der Mittelpunkt für die Bewohner vom Hotel der Alten. Dort ist es hell und im Raum herrscht eine freundlich stimmende Atmosphäre. Die Alten lieben es, sich an diesem Ort zu treffen.
Zwischen den Sitzgruppen stehen verschiedene Grünpflanzen, Gummibäume und Ficus Benjamins. Die Pflanzen sind im Laufe der Jahre zu Bäumen herangewachsen und schmücken den Raum zu einer grünen Oase.
Dieser Treffpunkt ist bei den Bewohnern zu einer Wichtigen Kommunikationsstätte geworden. Ein Gemurmel hallt stets durch den Raum. Hier und da bilden sich in den Morgenstunden kleine Gruppen. Sie lachen über Witze, die ein Mitbewohner schon mehrmals erzählt hat.
Er hat nicht bemerkt, dass er den Witz schon zu oft zum Besten gegeben hat.
Es wird dann mehr über seine Vergesslichkeit, als über seine Witze gelacht. Wenn sie sich nichts mehr zu sagen haben, Neuigkeiten ausgetauscht und ihre Familiengeschichten zum wiederholten Male geschildert haben, verlassen sie, wie jeden Morgen, den freundlich stimmenden Ort.
Einige wohnen seit vielen Jahren im Hotel der Alten. Sie gehen täglich zusammen in den Speiseraum. Die Meisten begrüßen sich herzlich, andere laufen aneinander vorbei.
Doch das Treffen am Morgen ist für sie sehr wichtig und mit der Zeit für einige Bewohner zu einem bedeutsamen Ritual geworden.
Für Frühaufsteher beginnt der Tag, sobald sich der Himmel erhellt. Auch in den Wintermonaten steht für sie ab sieben Uhr früh schon der Kaffee in Thermoskannen bereits auf ihrem Platz. So stellen sich die Bewohner des Hauses unterschiedlich auf den Tag ein.
Mit der Hoffnung, dieser wird für sie etwas Schönes bringen, ein langersehnter Wunsch könnte sich plötzlich erfüllen.
Sie könnten sich wohlfühlen, wenn da nicht bei einigen die Sehnsucht nach der Familie wäre. Die Aussicht auf einen Verwandtenbesuch; die Erinnerung an die Familie stellt sich immer wieder bei ihnen ein, wenn sie sich auf den Tag freuen. Die Sehnsucht nach „früher“ ist immerfort in ihren Gedanken.
Sie versuchen Freundschaften zu schließen um etwas Nähe zu spüren. Dafür treffen sie sich im Eingangsbereich des Hauses, versuchen ein Gespräch anzufangen.
„Na, was gibt es Neues …?“ – ist der entscheidende Satz. Vieles gibt es von einem Tag auf den anderen nicht zu berichten. Und doch kommen sie jeden Morgen wieder an den Ort zurück, um sich über ihre Probleme in Gesprächen auszutauschen. Unruhe entsteht erst, wenn jemand in der Gesprächsrunde fehlt. „Warum kommt Frau K. nicht …? Sie ist nicht zum Frühstück erschienen“, fragt eines Morgens ein stattlicher Herr mit einem grauen Schnurrbart plötzlich in die Runde. Stille.
„Sie war doch gestern noch hier …“, sagt die Frau neben ihm nach einer kurzen Unterbrechung der Konversationen.
In der Stille hört man das schwere Atmen der Alten. Angst kommt auf und eine schlimme Vermutung.
Das ist der Augenblick, der sie an ihr eigenes Schicksal erinnert. Bestürzung in der Runde. Furcht, den morgigen Tag nicht mehr erleben zu können. Die gute Stimmung scheint vorbei und allen ist die Freude, Neues zu erfahren, mit einem Mal vergangen. Sie treten still und nachdenklich den Weg in ihre Wohnräume an.
Die Hoffnung auf einen schönen Tag ist wie weggeflogen.
Am nächsten Morgen scheinen die Bewohner des Hauses etwas gelangweilt.
Es ist, als wäre der Himmel eingestürzt, es regnet pausenlos. Es kommt keine gute Stimmung auf.
Das Frühstück eingenommen, gehen sie zu ihrem Treffpunkt. Eigentlich ein Morgen wie jeder andere Morgen. Doch dann … Ein Aufatmen in der Runde mit der erfreulichen Nachricht, die der Herr mit dem grauen Schnurrbart verkündet. Die vermisste Frau vom Vortag muss auch heute noch das Bett hüten. „Eine einfache Erkältung!“, berichtet er. Sie warten wieder nach dem Morgenkaffee in der Eingangshalle, dass etwas passiert – oder sie warten auf einen Gesprächspartner.
Es ist für sie von großer Wichtigkeit, noch dabei zu sein und sich die neuesten Nachrichten mitzuteilen. Es kann über Politik sein, über den Tratsch im Haus oder über die neuesten Botschaften ihrer Familien. Dabei kommt es nicht auf den Wahrheitsgrad an. Einfach wieder erzählen zu können, das ist für sie wichtig … auf der Suche nach Harmonie und jemanden, der ihnen zuhört. Was blieb ihnen sonst vom Leben, fragen sie sich. Sie sehen sich an und verstehen.
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