Ein paar Geschichten über einen Blödhammel aus Brummelbach. Der nun unweigerlich in meinem Herzen festsitzt, den ich für mein Leben gern auf den Mond schießen würde, den ich nicht mehr wieder aus meinem Herzen herauskriege, und der es sich zur Obsession gemacht hat, mir all seine Liebe, der er trotz aller Unbillen seines Daseins fähig ist, aufs Auge zu drücken und mich zu umhüten und umhegen, mir auf die Pelle zu gehen und mir den letzten Nerv zu zerfieseln. Ein Knallkopf aus Brummelbach, der trotz allen Aggressionspotentials, mit dem er durchs Leben kurvt, noch immer über genügend Reinheit im Herzen verfügt, um Liebe im Überfluss zu produzieren. So dass ich eben auch nicht anders kann, als zu lieben.
Ist das nicht furchtbar? Es gibt nur zwei Menschen auf dieser ganzen großen Welt, die er wirklich und aufrichtig liebt. Der eine ist Andrea Berg, – und an die kommt er nicht ran. Der andere bin ich. Weil er an Andrea Berg eben nicht rankommt.
Ja. Ich hätte damals weglaufen sollen. Mich unsichtbar machen, meinen Wurststand Wurststand bleiben lassen, mich auf Diät setzen und auf Tauchstation gehen. Und vermutlich wäre das im Verlauf unserer weiteren Wurststand-Meetings auch genau so gekommen. Ich hätte weiterhin mein geruhsames Dasein leben können. Und alles wäre gut geblieben.
Ich hätte weglaufen sollen.
Aber – es kam alles ganz anders …
Ich muss ja jetzt immer radeln, ja ja. Ob mir das gefällt oder nicht, ich habe gefälligst zu radeln. Denn ER radelt ja schließlich auch, nicht wahr? Und da habe ich mich anzupassen. Man muss ja Gemeinsamkeiten aufbauen und miteinander pflegen. Ich kann Zeter und Mordio schreien, wie ich will, ich muss aufs Rad! Jeden Sonntag. Akkurat von 10.30 Uhr bis 14.30 Uhr. Egal, wohin. Einfach raus, sagt er. An die frische Luft. Sagt er. Weil mir das gut täte, meint er. Und – das stechendste Argument: gut für die Figur.
Spätestens dann weiß ich nichts mehr gegen einzuwenden. Denn es verhält sich so: mit der Vollendung meines vierzigsten Lebensjahres begann ich damit, mich körperlich auszubreiten. In alle Richtungen. Das ist ein Prozess, der bis zum heutigen Tage anhält. Der Volksmund nennt diesen Prozess liebevoll „Wechseljahre“. Anfangs wollte ich diese körperliche Ausweitung noch nicht wahr haben; nun ja, ich war vielleicht etwas schwerer geworden mit dem Laufe der Zeit, aber raffiniert geschnittene Kleidung und meine dennoch recht zierlichen Gliedmaßen täuschten über einige Jahre noch darüber hinweg, was indes zwischen Schultern und Schritt langsam und schleichend Einzug gehalten hatte. Erst als ich begann, mir Hosen mit Gummizug zu kaufen, musste ich mir eingestehen, dass hier irgendetwas ganz furchtbar aus dem Leim zu gehen begonnen hatte. Als ich dann im zarten Alter von 44 Jahren einen kritischen Blick in den Spiegel riskierte, gab es nichts mehr zu leugnen. Addierte ich nun noch die Tatsache hinzu, dass ich mich seit einigen Monaten mit mir unerklärlichen täglichen und nächtlichen Hitzeattacken herumschlug und offenkundig mein weiblicher Zyklus ins Schleudern gekommen war, lag auf der Hand, dass ich, bis dahin unbemerkt oder vielmehr erfolgreich verdrängt, meiner unvermeidlichen Menopause entgegentrudelte. Der Blick in diesen vermaledeiten Spiegel bestätigte den Verdacht. Bis vor nicht allzu langer Zeit noch recht schlank und ansehnlich bis auf gewisse Problemzonen, die mich seit der Pubertät piesackten, begann sich nun alles in alle Richtungen zu wölben. Mein einstiges Bäuchlein, altes Relikt aus prähistorischen Babyspeckzeiten, das sich noch sehr gut unter knappen Jeans hatte in seine Schranken verweisen lassen, war zu einem gar stattlichen Bauch geworden, welcher sich nun hartnäckig und erfolgreich gegen jeden noch so stabilen Reißverschluss zur Wehr zu setzen wusste. Meine einstige Taille wurde nun umschmiegt und geschützt von einem kraftvollen, wärmenden Speckgürtel, meine Hüften sind bestens gepolstert, und mein damals noch knackiger Busen wird schwer und immer schwerer und zeigt in verhaltener Traurigkeit nach unten.
Können Sie sich vorstellen, wie das aussieht? Man nehme ein Fass, schraube unten dran zwei ganz lange und ganz dünne Streichholzbeine und stecke oben links und rechts je einen viel zu langen Affenarm dran, dann nehme man eine Kugel, setze die auf einen etwas zu kurz geratenen Hals – das bin dann ich. So sehe ich in nackig aus. Richtig grotesk. Das rührt aber auch von den schlechten Genen, die ich mütterlicherseits verpasst bekommen habe. So jedenfalls lautet meine Standart-Ausrede. Nun könnte ich, wie jede entschlossene Power-Frau, die auf sich hält, dagegen anarbeiten. Ich könnte mich täglich nach Freierabend drei Stunden ins Sportstudio schleppen und mich quälen bis aufs Blut. Aber weder bin ich eine entschlossene Power-Frau, noch mag ich mich quälen. Außerdem würde ja mein tägliches Feierabend-Nickerchen, das zwischen 17 und 18 Uhr absolviert wird, auf der Strecke bleiben. Und das geht ja nun wirklich nicht. Ich müsste mich im Sportstudio aller Welt präsentieren, wie ich unter meiner kaschierenden Bekleidung in Wahrheit aussehe, und das will ich nicht. Außerdem sehe ich mich mit chronischer Faulheit geschlagen. Das ist halt bei mir so.
Also wurstle ich mich durch meine Wechseljahre weiter so durch, mein Körper wechselt seine Form ohne Unterlass, mein Bauch wechselt seinen Standort immer weiter nach außen, meine Hüften immer weiter nach hinten …
Was macht man da bloß?
Diese Frage sollte geklärt werden, als mein Dicker, damals noch der Herr Glaubert, in mein Leben trat.
„Aba da kamma doch wat mach’n!“, erklärte er mir tatendurstig, als wir uns an einem der legendären Dienstage wieder am Wurststand trafen und ich ihm seine Frage, ob ich denn öfters mal ins Freibad ginge, mit der Begründung abschlug, dies ließe meine Figur nicht mehr zu. Kauend ließ er seinen Blick an mir herauf und wieder herunter wandern und stellte fest, das Gesamtbild sehe doch so schlecht gar nicht aus. Im Vertrauen erklärte ich, das Gesamtbild würde dadurch geprägt, dass ich schmal geschnittene Hosen und weit ausgestellte Oberteile trüge und das leidliche Dazwischen also nicht weiter auffiele. Und dieses Dazwischen – ich winkte nur ab. Und dann kam dieser legendäre Satz, der mein weiteres Leben prägen sollte.
„Aba da kamma doch wat mach’n!“
An dieser Stelle muss ich bemerken, dass wir damals noch kein Paar waren. Ich hatte eigentlich auch nie ins Auge gefasst, irgendeine Bindung mit diesem unentwegt quasselnden schrägen Vogel einzugehen, im Gegenteil! Zu dieser Zeit stellte ich ernsthafte Überlegungen an, meinen wöchentlichen Besuch beim Wurststand ganz einzustellen und meine Mittagspausen am Dienstag irgendwo dort zu verbringen, wo man mich nicht finden würde. Ich war noch nicht wieder reif für eine neue Beziehung, ich hatte keine Lust auf eine Beziehung, ich wollte einfach meine Ruhe haben. Und da für mich klar war, dass das Thema Ruhe an der Seite eines manischen Quatschkopfes wie dem da vor mir ein für allemal passé sein würde, gab es da überhaupt keinen Gedanken weiter dran zu verschwenden. Meine nächste große Liebe, so hatte ich mir zum Ziel gesetzt und sie mir noch einmal vergönnt sein sollte, sollte nicht schlechter aussehen als der junge Robert Redford und Geld wie Heu haben. So stellte ich mir mein weiteres Leben vor. Aber doch nicht an der Seite einer frühberenteten, dauerlabernden Vogelscheuche auf einem Fahrrad …
Doch meine Zukunftsvorstellungen würden sich nicht mehr in die Tat umsetzen lassen. Ich wusste das damals nur noch nicht.
Mein semmelkauendes Gegenüber erging sich nun über die Vorzüge des Fahrradfahrens. Würde ich jeden Tag nur eine Stunde Rad fahren, bekäme ich meine Figur ganz schnell wieder in den Griff. Ich konterte, ich müsse jeden Tag acht Stunden meinen Schreibtisch festhalten. Danach hätte ich nicht mehr den Elan, in dieser Hinsicht noch groß was zu machen. Er zeigte sich verständig und rechnete mir dann vor, ich müsse dieses Ansinnen dann eben aufs Wochenende verlegen. Samstag und Sonntag jeweils zwei Stunden aufs Rad, und schon nach ein paar Wochen könne ich eine positive Veränderung feststellen. Und die zwei Stunden müssten doch drin liegen, oder?! ER radle schließlich jeden Tag, und ich solle ihn doch mal ansehen!
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