Anna bedankte sich bei ihren Freunden und deren Eltern für die mitgebrachten Geschenke. Arm in Arm gingen Mutter und Tochter dann ins Haus, um noch ein wenig aufzuräumen. Vater Messinger gesellte sich noch zu einigen Hartgesottenen und holte noch einen Krug (Häfele) vom besten Wein aus dem Weinkeller, bis auch sie den Dreschplatz und Hof verließen. Vater Gottlieb Messinger lehnte sich noch ein wenig zurück und merkte, dass der Wein seine Wirkung nicht verfehlt hat.
Der Folgetag, ein Sonntag, konnte auf dem Bauernhof nicht zum Ausschlafen genutzt werden, weil sich in den Ställen das Vieh lautstark meldete. Die Milchkühe müssen von Hand gemolken und dann auf die Straße getrieben werden, wo der Kuhhirt sie übernimmt und zur Weide (Steppe) bringt. Am Abend treibt er sie satt wieder ins Dorf zurück. Die Versorgung des Viehbestandes ist die einzige Arbeit, welche am Sonntag verrichtet wird. Der Rest des Tages ist zum Kirchgang und zum Ausruhen gedacht. Am Sonntagabend fand die Familie Messinger Zeit, um über die gestrige Konfirmationsfeier miteinander zu reden. Wenn Annas Geschwister über die einzelnen Geschehnisse sprachen, leuchteten Annas Augen auf. Jeder sprach über seine persönlichen Eindrücke, die er während der Feier gewonnen hat. Sie waren alle der Meinung, dass Anna die Feier und Zuwendungen verdient hat.
Weil sich die Arbeiten auf dem Bauernhof jedes Jahr zeitlich wiederholen, läuft auch jetzt im April die Frühjahrsbestellung an. Es wird wie immer ein arbeitsreiches Jahr, das der Großfamilie Messinger alles abverlangen wird, besonders auch von Anna. In diesem Sinne vergingen die Jahre und Anna wuchs inmitten ihrer Geschwister als junge Frau heran. Längst hat sie mit ihrer Mutter die Hauswirtschaft voll im Griff und besucht mittlerweile mit achtzehn Jahren abendliche Jugendtreffs. Dort lernte sie bei Spiel und Gesang viele Freundinnen kennen.
Anna Maria Messinger 18 Jahre
Die Mädchen trafen sich zum gemeinsamen Häkeln, Stricken, Spinnen und Schneidern und arbeiteten schon für ihre Aussteuer. Sie trat einer Folklore-Tanzgruppe bei.
Diese Tätigkeiten fanden hauptsächlich in den Wintermonaten statt, wenn Klöstitz im hohen Schnee versunken war. Die männliche Jugend traf sich auch in ihren Vereinen, das waren: Musik, Gesang, Jagd und Schützenverein. Die Eltern machten es sich zur Aufgabe, mit ihren Söhnen die Technik und Werkzeuge in Stand zu setzen. Auch kümmerten sie sich um die Pferdezucht, die alle Großbauern mit großem Interesse betrieben.
Wenn die Kinder herangewachsen waren und ihrer Wege gingen, merkten die Eltern, dass nicht alles an ihnen spurlos vorbeigegangen war. Oft hatte die Gesundheit Schaden genommen. Nun waren sie auf die Hilfe ihrer Kinder angewiesen. Diese ist ihnen in der bessarabischen Großfamilie immer zuteil geworden. Das war nicht nur Normalität, sondern ein Bumerang dessen, was den Kindern von Seiten der Eltern zuteil wurde. Das wird auch dem Elternpaar Messinger zuteil werden, wenn der Umstand eintreten sollte. Vorerst ist das alles nicht aktuell, vielmehr ist festzulegen, wer den Hof übernehmen soll. Damit beschäftigt sich Vater Gottlieb Messinger und seine Frau seit längerem. Die Wahl fiel auf ihren jüngsten Sohn Benjamin, dessen Einschulung demnächst ansteht. Er soll und muss die beste Schulbildung erhalten, damit später der Hof von ihm erfolgreich geleitet werden kann. Darüber waren sich beide einig, was ihre Kinder wissen sollten. Von nun an ist Benjamin vorsichtig auf seine zukünftige Aufgabe vorbereitet worden. Als Jüngster war Benjamin Mutters Bester, aber er merkte nicht, dass es seiner Mutter gesundheitlich nicht so gut ging. Das aber hatte Vater Messinger und seine Tochter Anna schon seit längerem bemerkt.
Die vergangene Zeit hat dafür gesorgt, dass das Haus der Messingers leerer geworden ist, bis auf die zwei jüngsten, Benjamin und Emma. Anna als Älteste führt mit ihrer Mutter gemeinsam den Haushalt und versorgt das Federvieh. Die übrigen Acht haben schon ihre eigenen Familien gegründet. Aus Rücksichtnahme auf ihre kranke Mutter hat Anna bislang keine ernsthaften Anstrengungen unternommen sich zu binden. Obwohl sie die eine oder andere Gelegenheit hätte nutzen können, was ihrer Mutter nicht verborgen blieb. Aus der Sorge heraus, dass Anna den Anschluss verpassen könnte, kam es des Öfteren zu einem Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter. Der Grund war, dass Annas Umfeld sich merklich verändert hat. So waren doch ihre Freundinnen alle schon verheiratet oder in festen Händen. Anna nahm dass alles mit der Bemerkung zur Kenntnis, für mich gibt es auch noch ein Habiten.
So vergingen die nächsten Monate und der Gesundheitszustand von Mutter Messinger verschlechterte sich dramatisch. Damit ist Anna eine zusätzliche Verantwortung auferlegt worden, weil sie auch nachts ihre Mutter betreuen musste. Tagsüber hatte sie den Haushalt mit ihrer jüngsten Schwester zu bewältigen. Das alles hat Anna sehr belastet, was ihrem Vater nicht verborgen blieb. Dieser stellte umgehend eine Betreuerin ein, was zu einer spürbaren Entlastung Annas führte. Auch waren die letzten Feldarbeiten, die Trauben- und Maisernte zu beenden, sodass alle ein bisschen kürzer treten konnten. Auf dem Dreschplatz, wo im Sommer Getreide fuhrenweise gedroschen wurde, türmten sich jetzt bergeweise Maiskolben zum Abblatten. Daran beteiligen sich Groß und Klein aus der Familie und diverse Helfer aus der Nachbarschaft. Dabei machte der Weinkrug des Öfteren die Runde, was für Stimmung sorgte. Die abgeblatteten Maiskolben wurden in speziellen Bretterboxen gelagert, wo sie im Winter als Nahrungsmittel für Mensch und Vieh Verwendung finden.
Frauen sind mit der Maisernte und Bergung dieser beschäftigt
Schon auf dem Feld wird der Mais abgeblattet
Mit Pferdewagen wird der Mais zum Dreschplatz gebracht
Scharen von Gänsen bilden die Fleischreserven
Wenn alle Erntearbeiten kurz vor dem Wintereinbruch beendet sind und die ersten Nachtfröste auftreten, ist Schlachtfestzeit, das heißt, die Fleischversorgung für den langen und harten bessarabischen Winter ist zu sichern. Das sind nicht nur die bekannten Geflügelsorten, sondern auch Schaf, Schwein und Rind. Der Winter ist der Kühl- und Gefrierschrank für die Bauern, weil sie keine andere Kühlmöglichkeit haben. Die Elektrifizierung steckte 1930 in Bessarabien noch in den Kinderschuhen und somit war keine technische Kühlung möglich. Aber es gab ja noch andere Möglichkeiten der Haltbarmachung: Räuchern oder Pökeln. Das waren Arbeiten, die Annas Mutter sonst erledigt hat, in diesem Jahr hat es Anna übernehmen müssen, weil die bettlägerige Mutter es nicht mehr schafft. Viele Tage und Arbeitsgänge waren noch nötig, um die Fleischreserven sicher unterzubringen. Unaufhaltsam näherte sich der Monat Dezember und somit auch der erste Advent, der die Vorweihnachtszeit einläutet. Für die frommen Bessarabier ist es eine Zeit der Besinnung und gleichermaßen eine Vorbereitungszeit für Weihnachten, worauf sich die jüngsten noch im Haus befindlichen Geschwister besonders freuten. Für die Erwachsenen sind die Wintermonate abendlich willkommene Zusammenkünfte der Vereine. Besonders beliebt sind die Bibelstunde und die dazu gehörigen Kirchenlieder. Bei anderen Treffen lassen die Frauen die Spinnräder surren, wo Schafwollen zu Fäden gesponnen werden, aus denen mit Stricknadeln oder Häkelhaken Pullover und Socken entstehen. So nutzt jeder Dorfbewohner auf seine Weise die Zeit, wenn meterhoher Schnee die Dörfer und Städte Bessarabiens eingehüllt hat. Meterhohe Schneeverwehungen waren an der Tagesordnung. Haus und Stallgebäude sind oft über Nacht bis zum Dach durch Schneestürme verweht worden, so dass die Männer am Morgen erst zur Schneeschaufel greifen mussten, um in die Stallungen zu gelangen. Das strenge Winterwetter endete oft erst Ende März, bis die Frühlingssonne alle Schneemassen hat tauen lassen. Darauf hatten die Frühlingsblüher, schon lange gewartet.
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