In karolingischer Zeit wurde die Fredegar-Chronik dann auf der Grundlage des Liber Historiae Francorum als amtliche Chronik bis 768 fortgeführt. Diese Fortsetzung wird als Continuationes bezeichnet. 3
Die Zeittafel dieses Fredegar Continuatus liegt uns in verschiedenen Versionen vor:
Von Adam oder dem Beginn der Welt bis zur Sintflut |
2242 Jahre |
Von der Sintflut bis auf Abraham |
942 Jahre |
Von Abraham bis auf Moses |
505 Jahre |
Von Moses bis auf Salomo |
489 Jahre |
Von Salomo bis zur Wiedererbauung des Tempels zur Zeit des Darius |
512 Jahre |
Von der Wiederherstellung des Tempels bis zur Ankunft [Passion?] unsres Herrn Jesu Christi |
548 Jahre |
Zusammengezählt sind das 5238 Jahre 1– folgt man Fredegar, so wären es jedoch 300 Jahre mehr (abzüglich der Lebenszeit Jesu):
Von Anbeginn der Welt bis zum Leiden unseres Herrn Jesu Christi |
5538 Jahre |
Und vom Leiden des Herrn bis zu diesem gegenwärtigen Jahre, am 1. Januar, einem Sonntag, |
735 Jahre |
Um dieses Jahrtausend zu erfüllen, bleiben noch 2 |
265 Jahre |
Eine andere Überlieferung der Fredegar-Fortsetzung 3liefert zusätzliche Einzelheiten des frühen Mittelalters:
Von Adam oder dem Beginn der Welt bis zur Sintflut |
2242 Jahre |
Von der Sintflut bis auf Abraham |
942 Jahre |
Von Abraham bis auf Moses |
505 Jahre |
Von Moses bis auf Salomo |
479 Jahre |
Von Salomo bis zur Wiedererbauung des Tempels zur Zeit des Darius |
512 Jahre |
Von der Wiederherstellung des Tempels bis zur Ankunft [Passion?] unsres Herrn Jesu Christi |
548 Jahre |
Gewiß sind von Anbeginn der Welt bis zum Leiden unseres Herrn Jesu Christi |
5228 Jahre |
Vom Leiden des Herrn bis zu diesem gegenwärtigen Jahre, welches in dem Zyklus des Victorius 1das 177. ist, am 1. Januar, einem Sonntag, und um dieses Jahrtausend zu erfüllen, bleiben noch 63 Jahre übrig. |
[..dies wäre somit das Weltjahr 6165 ] |
Hier wurde bis zur Passion Jesu korrekt addiert, jedoch wären bis dahin 10 Jahre weniger vergangen. Zudem liegt die Jahrtausendwende nun um 188 Jahre näher. Und schließlich hätte der Osterzyklus des Victorinus nicht wie überliefert 457 AD, sondern erst 240 Jahre vor dem Millennium, also 760 u.Z. begonnen.
Wie konnte es zu diesen Abweichungen kommen? Sollte Fredegar Christgeburt und Passionsjahr vorsätzlich vertauscht haben? Einiges spricht dafür:
Fredegar übernahm von Gregor von Tours auch den Hinweis auf die Sonnenfinsternis im 32. Regierungsjahres König Guntrams, nach traditioneller Rechnung 591 AD, Gregor zufolge an einem Vormittag in den Iden (6.-13.) des August.
Eine solche in Zentral-Frankreich sichtbare Eklipse sucht sucht man Ende des 6. Jhs. vergeblich. 1Die einzige hierzu passende Verfinsterung fand am 8. August 891 u.Z. statt, vormittags über Genf erschien sie ringförmig.
Wie es scheint, wollte Fredegar mit seinen widersprüchlichen Angaben die Leser darüber hinwegtäuschen, dass das erwartete Millenniumjahr eben nicht das tausendste seit der Geburt Jesu wäre.
Aber warum dann der unnötige Lapsus: Geburt statt Passion? Vielleicht, weil so der offenkundige Widerspruch verschleiert wurde und die Differenz von genau 300 Jahren dem Leser nicht gleich ins Auge sprang? Der häufig ungenaue Fredegar, so konnte man vermuten, hätte sich eben mal wieder geirrt!
Und wer es ganz genau wissen wollte, der fand auch einen Beleg hierfür: Zwei Absätze nach dem Bericht über seine Ermordung im Jahre 602 hätte Kaiser Maurikios drei Jahrzehnte später noch Gesandtschaften der Langobarden empfangen...
Trotzdem bleibt die vorsätzliche Unwahrheit. Sie zwang den Autor des 'Fredegar' anonym zu bleiben.
Gregor v. Tourshatte dieses Problem zuvor auf seine Weise gelöst: Als Bischof durfte er natürlich nicht lügen. Deshalb erklärte er offen, dass seine Rechnung falsch sei. Die Begründung klingt läppisch: Er sei nicht in der Lage gewesen, die letztvergangenen 144 Jahre in seinem Kloster zu rekonstruieren! 2
Von Beginn der Welt bis zur Sintflut |
2.242 Jahre |
Von der Sintflut bis zur Querung des Roten Meers |
1.404 Jahre |
Von der Querung des Roten Meers zur Auferstehung |
1.538 Jahre |
Die Passion fiel bei Gregor demnach in das Weltjahr 5184. Gegenüber der Rechnung des Hieronymus wären das 50 Jahre zu wenig.
Von der Auferstehung des Herrn bis zum Tode St.Martins |
412 Jahre |
Vom Tode St.Martins bis zum 21. nach meiner Ordination, dem 5. Papst Gregors, 31. König Gunthram und 19. Childebert II. |
197 Jahre |
Insgesamt sind dies |
5.792 Jahre |
Gregors Chronik endet im Jahr 590 AD. Andererseits wäre das Jahr 5792 nach Gregors Chronik das der von ihm erwähnten Sonnenfinsternis von 890 u.Z.
Beda Venerabilis und die Osterrechnung
And I humbly entreat the reader, that, if he shall in this that we have written find anything not delivered according to the truth, he will not impute the same to me, who, as the true rule of history requires, have laboured sincerely to commit to writing such things as I could gather from common report, for the instruction of posterity. 1
Die durchgängige Verwendung der Jahreszählung nach Christi Geburt in Chroniken wird auf Beda Venerabilis (673 – 735 AD) zurückgeführt – demzufolge auch dessen eigene, uns überlieferten Lebensdaten! Noch im Jahr seines Todes sei der Leichnam des hochverehrten gelehrten Mönchs exhumiert und schließlich 297 Jahre später (1032 u.Z.) in der Kathedrale von Durham beigesetzt worden. Gleiches war zuvor mit Sankt Cuthbert , dem Abt des Klosters Lindisfarne geschehen: Dessen Gebeine wurden bereits im Jahr 688 AD dem Sarkophag entnommen und in Durham dann 985 u.Z. feierlich beigesetzt. Der gleiche 'Abstand' von 297 Jahren findet sich noch mehrfach in der Geschichte Alt-Englands 1, welche als Continuatio Bedae bis zum Jahr 766 AD reicht, bevor die Überlieferungen bis zur Normannischen Eroberung 1066 u.Z. abbrechen.
Aus diesen Zahlenangaben lässt sich wohl nur folgern, dass für Beda die Epoche 'nach Christi Geburt' um 297 Jahre später begann als nach unserer 'modernen' Zeitrechnung.
Als Mönch in Jarrow verfasste Beda um 703 AD (1000 u.Z.) die Schrift De Temporibus , die er später zu De Temporum Ratione erweiterte, dem Standardwerk der Computistik für viele Jahrhunderte. Offenbar zweifelte er nicht weiter an den von Dionysius genannten Jahreszahlen – und auch nicht an dessen 19jährigem Zyklus.
Bekannt waren ihm der aktuelle Wochentag und der Stand des Mondes, sowie das Jahr der Indiktion, die ja offenkundig mit der neuen, am Millennium orientierten Jahreszählung der Kirche übereinstimmten. Die Differenz zwischen den beiden Jahreszählungen betrug 297 Jahre.
Überraschenderweise fand Beda aber bei der Rückrechnung einige zu berichtigende Unstimmigkeiten, was darauf hin deutete, dass die Osterdaten des Dionys auch abweichen könnten. Aber es ließ sich keine eindeutige Antwort finden. Am 1. Mai des Jahres 664 u.Z. hatte eine Sonnenfinsternis statt gefunden. An diesem Tag war also Neumond. Nach der Rechnung des Dionys wäre jedoch erst am 2. Mai Neumond gewesen. Mit diesem Problem hatte sich schon die Synode von Whitby beschäftigt. 1Auch Beda gelang es nicht, dieses Rätsel zu lösen. Er konnte nur auf die Beschlüsse des Konzils von Nicäa verweisen, welche unmissverständlich den 14. Tag des Ostermonats als unverrückbaren Bezug für den Ostertermin festgelegt hatten. 2Vergeblich blieben auch sämtliche Versuche Bedas, die Daten der Ostertafel mit den Überlieferungen der Bibel zu Jahr und Tag der Passion in Übereinstimmung zu bringen. 3
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