Célines Atem ging jetzt stockend und ließ die Gasmaske beschlagen, sodass sie kaum etwas sehen konnte. Schweiß brannte in ihren Augen. Lautlos tastete sie sich in den Flur vor – tiefe Decke, schmale Wände, die mit einer vergilbten grünen Tapete bedeckt waren. Drei Türen, ein Spiegel; Céline vermied es, hineinzusehen, als sie zur ersten Tür schlich und sie öffnete: ein Wohnzimmer, unaufgeräumt und muffig, überall lagen Bücher auf dem Boden verstreut; weiter hinten erkannte Céline eine alte Couch und einen verstaubten 5Sense-Fernseher. Sie schloss die Tür.
Die zweite Tür, die Céline öffnete, war das Schlafzimmer. Eine Frau lag im Bett, allein; ihre großen Brüste hoben und senkten sich im Schlaf. Mit hämmerndem Herzen kam Céline heran und musterte die Gestalt: üppig, dicker Hals und graues Haar, das über ihrem Nachthemd lag; Eva Conklin schnarchte.
Vorsichtig griff Céline in ihre Tasche, holte den Kubus heraus und stellte ihn auf der Bettkante ab. Sie hielt die Luft an, sammelte sich, ehe sie eine der Haftungen an der Stirn anbrachte. Schlagartig fiel ihr ein, dass sie die Gaspatrone bis jetzt nicht eingesetzt hatte.
Egal, dachte sie. Ich mach das so. Céline schob die zweite Haftung unter die Gasmaske, schloss die Augen und drückte den Transmitter-Knopf:
Unterm Neonschild, die Frau
Den Blick gesenkt
Das Mädchen auf dem Bordstein
Gleiche Augen, gleiches Haar
Das Kind in den Ruinen
Lachen, irgendwo
Der Regen fällt
Céline schlug die Augen auf; ihr Herzschlag ging jetzt ruhiger, fast normal. Im Raum war es dunkler geworden. Motorengeräusche von draußen, die Jalousien flatterten.
Das ist es noch nicht, dachte sie verbissen, während sie zum Kubus langte. Ich muss ihr Kurzzeitgedächtnis finden, die Erinnerungen von heute. Erneut drückte sie den Knopf.
Grüne Götter
mit Vogellippen
5643843
Im OP-Saal
Kopf zu Kubus
Und zurück
Tote Namen, jeder ein …
»Was geht hier ab, verdammt!« Ein Mann stand schwankend im Türrahmen, groß und hager, kurzes Haar. Er hielt eine abgesägte Flinte in den Händen. »Rede, du Pisser, sonst puste ich dir dein verschissenes –!«
»Ich … ich weiß nicht!«, rief Céline starr vor Schreck; die Drähte des Kubus baumelten von ihrer Schläfe.
Der Mann kam näher, drohend den Lauf der Waffe auf sie richtend. »Dir werd ich’s zeigen, Punk!«
»Bitte nicht!« Céline wich zurück. »Das ist alles … ein Missverständnis.«
»Klar, hast dich nur verlaufen, was?« Ein bellendes Lachen, dann blieb der Mann stehen. »Runter auf den Boden, das sag ich kein zweites Mal!«
»Ja, gut«, keuchte Céline und überlegte fieberhaft, ob sie die Waffe oder die Gaspatrone einsetzen sollte. Ihre Finger glitten in die Tasche – etwas zu hastig; noch ehe sie einen der Gegenstände packen konnte, schoss der Mann ihr eine Ladung Schrot ins Bein.
Die Gasmaske dämpfte den Schrei, als Céline das Gleichgewicht verlor und auf dem Teppich zusammensackte. Heftiger Schwindel kreiste durch ihren Kopf, drehte sich schneller – Wand, Kommode, Tür, Mann, Bett. Wie in Zeitlupe holte Céline die Patrone heraus, zerdrückte sie zwischen den Fingern. Sofort explodierte Dampf im Zimmer und verteilte sich rasch. Eva Conklin, die soeben vom Knall aufgewacht war, sank betäubt aufs Bett zurück; auch der Mann kippte nach hinten und prallte bewusstlos gegen einen Schrank.
Céline versuchte, flach zu atmen, doch der Schock war zu stark. Sie keuchte, kämpfte gegen das Flimmern vor ihren Augen an. »Werd mir jetzt bloß nicht ohnmächtig«, flüsterte sie, wobei ihr Tränen in die Augen stiegen. »Nimm den Kubus und … hau ab!«
Unter Schmerzen zwang sie sich, aufzustehen und zum Bett zu taumeln. Sie griff nach dem Transmitter. Steckte ihn ein. Schleppte sich zur Tür. Den Korridor entlang. Die Treppe runter. Auf die Straße hinaus. Alles wirkte verschwommen und traumhaft. Céline tastete sich an einer Wand entlang; am Ende der Häuserschlucht bog sie rechts ab und riss sich schreiend die Maske vom Kopf. Ihr Bein gab nach, sie hatte mehr Blut verloren.
Rote Gänge
Schwarze Pforten
Stiergesichter
Huf und Nüstern
Lachend, höhnend
Nur ein Faden
Céline fiel ihm entgegen, als die Tür beiseiteglitt. Fast hätte sie der Punk nicht aufgefangen, das eingeworfene Twisted lähmte seine Reflexe; er sah nur einen spektralen Schatten auf sich zufließen. Schwerfällig breitete er die Arme aus, und Céline sank in seinen Ledermantel.
»Ich wusste nicht, wohin«, keuchte sie und klammerte sich an seiner Schulter fest. »Mein Bein … Ich bin angeschossen worden.«
»He, Mädchen«, sagte der Punk benebelt. Er sackte in die Knie, warf Céline auf den Teppich. Nur schleppend kamen ihm neue Worte über die Lippen: »Ist echt ungünstig … gerade.«
»Kapierst du nicht? Ich verblute!«, schrie Céline panisch und streckte das Bein vor, damit er die blutnasse Hose sehen konnte.
Mit großen Pupillen glotzte der Punk auf den bunt schillern-den Fleck. »Mann, was willst du von mir?«, hörte Céline ihn noch fragen, dann wurde ihr schwarz vor Augen.
Die nächsten Stunden verliefen ruckweise, wie ein Diaprojektor, der auf Automatik stand, ein Foto nach dem nächsten: Taschenlampe vor ihren Augen. Eine Frau, die ihr das Hosenbein aufschnitt. Stimmen. Jemand steckte eine Kanüle in ihren Arm. Klare Flüssigkeit rann durch einen Schlauch. Drei Spritzen, danach taube Dämmerung. Die Frau vernähte ihre Wunden, eisblaue Fäden. Der saure Geruch von Erbrochenem. Zigarettenrauch, eine Kaffeetasse. Von irgendwo Musik. Noch immer Nacht.
»Wie fühlst du dich?«, fragte der Punk und lächelte. Er strich Céline eine Strähne aus den Schmetterlingsaugen. »Hast du Schmerzen?«
»Geht so«, erwiderte sie leise; ihre Stimme war spröde und kaum zu verstehen. »Danke.«
»Schon okay.« Der Punk, er saß jetzt neben Céline auf der Bettkante, trank einen Schluck vom Kaffee. »Du schuldest mir dreihundert für die Schwarze Ambulanz und hundert extra für die Präparate.«
»Hast mir das Leben gerettet, ähm …«
»Ska, mein Straßenname.« Ein schiefes Grinsen. »Na, so schlimm war’s ja nicht. Ein Überfall oder so?«
Céline hustete. »Kann ich was zu trinken haben?«
»Sicher«, sagte der Punk und ging zu einer Kochnische, die im selben Raum stand. Unter fließendem Wasser säuberte er ein Glas, füllte es auf und kehrte damit ans Bett zurück. »Also, was ist mit dir passiert?«
Ehe sie antwortete, nahm Céline das Glas und trank einen Schluck.
Dann erzählte sie alles.
»Was, du hast Memories geklaut?« Ska schüttelte den Kopf, seine Prismastacheln wackelten. »Bist doch viel zu jung für so’n Scheiß!«
»Na ja«, begann Céline und schlug die Decke zurück; eine Bandage am Bein, Blutflecken drangen durch den Stoff. »Der Flame will mehr über einen Pharmakonzern wissen, Nova oder so. Pläne und Zugangscodes.«
»Nova Medicals?«
»Kann sein«, sagte Céline, die ihren Verband betastete. »Da drin gehen komische Sachen ab.«
»Hm, hab davon gehört … künstliche Neuronen, Gedächtnisspeicherung.«
Vorsichtig zog Céline ihren Rücken aufs Kissen und richtete sich auf. Sie musterte seine Narbe am Ohr. »Sagt dir der Name Elvira Miró etwas?«
»Schaust wohl kein 5Sense, he?« Ska griff nach der Kaffeetasse. »Miró war Anführerin der Schocksprayer: Künstler, Terroristen, die sich seit Jahren mit den Bullen ein Katz-und-Maus-Spiel liefern. Ist letzte Woche erschossen worden, auf offener Straße.«
»Ihr Kopf liegt bei Nova im Cryotank.«
Prustend spie Ska seinen Kaffee in die Tasse. »Was?«
»Wie, was?«, gab Céline zurück. »Die arbeiten an ihr.« Mit einer Hand stützte sie sich auf, schwang beide Beine zum Bettrand. »Muss langsam los. Das Geld kriegst du morgen, versprochen.«
Читать дальше