Zutiefst einsam
Ausgelöst durch solche Fragen überkam mich an einem Abend in meinem Studentenzimmer in Amsterdam eine tiefe Einsamkeit. Die durch die Fragen heraufbeschworene Unsicherheit über meine Entscheidungen wurde durch das Alleinsein zusätzlich verstärkt. Damals verstand ich, dass ich als Mensch in meinen Entscheidungen und der Gestaltung meines Lebens einsam bin, zutiefst einsam. Letztendlich steht jeder Mensch wie auch ich mit seinen Entscheidungen allein da. Mir wurde – wie ich in einem Buch las – klar: „Menschlich gesehen liegt das Leben vor uns wie ein unbekannter Pfad. Es ist ein Weg, den jeder, soweit es um die letzten, tiefen Erfahrungen geht, für sich allein gehen muss. Unser innerstes Leben kann kein Anderer völlig mit uns teilen.“1
An dem Abend wurde ich mir meiner Sehnsucht nach einer Sicherheit bewusst, die nicht in mir, in meinen Entscheidungen und meinen Fähigkeiten ihren letzten Grund hat. Ich wünschte mir Gewissheit. Aber der Mensch kann sich eine letzte Sicherheit nicht selbst zusprechen. Sie muss von außen kommen. Außerdem sehnte ich mich nach Führung in meinen Entscheidungen. Mir wurde klar, dass völlige Unabhängigkeit scheinbar doch nicht in die Freiheit, sondern in die Unsicherheit führt.
Sicherheit in den letzten Dingen
Manche deuten diese Sehnsucht als Flucht vor der letzten Verantwortung oder als Unfähigkeit, die Unsicherheit und Einsamkeit des menschlichen Daseins zu ertragen. Meiner Erfahrung nach geht es nicht um eine fehlende Bereitschaft, der Wirklichkeit ins Auge zu schauen. An jenem Abend begriff ich aber, dass mein Herz immer unruhig bleiben wird – es sei denn, dass es in jemandem Ruhe findet, der uns Sicherheit gibt und uns führt.
Jemand, der für uns da ist
Wir sehnen uns nach jemandem, der in den Stunden der Einsamkeit und Unsicherheit für uns da ist. Unsere Schutzbedürftigkeit und die tiefe, existenzielle Einsamkeit können nicht von Menschen gestillt werden, auch wenn das heute in Filmen, Büchern und Zeitschriften immer wieder behauptet wird. Dies voneinander zu erwarten heißt, uns zu überfordern. Die Freundin oder der Freund, die Ehefrau oder der Ehemann, die Mutter oder der Vater, Freunde oder Arbeitskollegen, der Psychologe oder die Therapeutin können uns helfen, uns trösten, uns aufbauen und anderes mehr. Aber Sicherheit in den letzten Dingen – innere und endgültige Sicherheit – können Menschen uns nicht geben. Früher oder später müssen wir unseren eigenen Weg wählen, der über unser Geschick entscheidet – auch über unser ewiges. Spätestens dann sind wir auf uns selbst gestellt.
Der einzige Baumeister meines Lebens?
Spät in der Nacht ging ich in die Küche und machte mir einen Tee. Durch das Küchenfenster betrachtete ich den Nachthimmel. Mir wurde klar, dass es mir um mehr als um Sicherheit und Führung von außen ging. Letztendlich sehnte ich mich nach einem Leben, das mehr ist als das Ergebnis meiner eigenen Überlegungen, Anstrengungen und Handlungen. Ich sehnte mich nach dem, was das Leben mir schenkt, ohne dass ich es beeinflusst hätte, nach dem, was ich nicht selbst kreiert und erschaffen hatte. Ich wollte nicht der einzige Baumeister meines Lebens sein. Ich merkte: Nicht das, was ich mir selbst erarbeitet hatte, erfüllte mich mit der tiefsten Freude, sondern die Dinge und Begegnungen, die mir das Leben ohne mein Zutun geschenkt hatte.
Ich glaube, dass wir uns alle nach Begegnungen sehnen, die wir nicht geplant und kalkuliert haben, sondern uns einfach passieren. Wir sehnen uns auch nach Chancen und Möglichkeiten, die wir uns nicht erarbeitet haben, sondern uns geschenkt werden. Wir sehnen uns nach einer Bedeutung, die nicht wir selbst uns gegeben haben, sondern uns von außen zugesprochen wird.
Wir wollen entdeckt werden
Der moderne Mensch sehnt sich nach Schicksal. Wir leben in einer von der Wissenschaft entzauberten Welt. Unser Leben scheint immer mehr lediglich das Resultat von berechenbaren kausalen Zusammenhängen in einem entseelten Zeit-Raum-Gefüge zu sein. Schicksal, Abenteuer und Bedeutung gibt es scheinbar nur noch im Kino, in Computerspielen oder in Freizeitparks, aber nicht mehr im realen Leben. Wir sehnen uns danach, entdeckt zu werden. Die unzähligen Castingshows im Fernsehen sind ein Beispiel für den Wunsch Tausender, jemand Besonderes zu sein. Sie alle wollen ihre Chance auf Ruhm, Ehre und Einzigartigkeit bekommen.
Unsere Sehnsucht geht aber über ein unpersönliches Schicksal hinaus. Wir wollen gesehen werden. Der Schlüsselsatz im Film „Avatar“ lautet: „Ich sehe dich“. Wir sehnen uns danach, gesehen zu werden, das heißt angenommen und geliebt zu werden – so wie wir sind. Und wir sehnen uns nach einem guten Vater, der uns in der Unsicherheit und Einsamkeit unserer Entscheidungen zur Seite steht. Verantwortung übernehmen, unabhängig sein, Selbstbewusstsein aufbauen, Sicherheit spüren – das ist eben doch nicht alles. Sich sein Fahrrad selbst zu erarbeiten macht einsam. Wir spüren diese Einsamkeit und sie macht uns traurig und unglücklich.
Ruhe finden in Gott
An jenem Abend las ich in der Bibel die Schöpfungsgeschichte. Eine Passage sprach mich besonders an: „Gott sprach: Lasst uns Menschen machen in unserm Bild, uns ähnlich! … Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bild, nach dem Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie. Und Gott segnete sie …“ (1. Buch Mose 1,26 – 28 EB) Diese Geschichte öffnete mir eine Tür zu einer Welt, in der Sicherheit, Führung, Hilfe, Bedeutung, Chancen und Möglichkeiten letztendlich nicht aus dem Menschen kommen oder vom Zufall herrühren, sondern von einem liebenden Gott. Diese Zeilen trafen direkt meine Sehnsucht.
Kürzlich sprach ich mit einem Freund, der nicht an Gott glaubt, über diese Gedanken. Er machte eine lange Pause, dachte nach und sagte schließlich: „Weißt du, die wichtigste Frage an das Christentum wäre wohl: Hält es das, was es verspricht? Ist da wirklich ein Gott, der sich sorgt und sich kümmert, der führt und hilft, der beschützt und liebt?“ Ich habe innegehalten und nichts gesagt. Später dachte ich mir: Beweisen zu wollen, dass Gott da ist, wäre menschliche Anmaßung. Ihn zu erleben und zu erfahren, ist dem Menschen möglich. Es ist ein Vorrecht.
Wagen Sie es. Fragen Sie nach Gott. Suchen Sie ihn. Sie werden erleben, dass auch Ihr Herz in Gott Ruhe findet.
Fragen zum Nachdenken
1. „Das Leben selbst in die Hand zu nehmen ist befreiend.“ Woran liegt es, wenn ich das nicht oder nicht immer so empfinde?
2. Was hindert mich daran, Kontakt mit diesem Gott aufzunehmen, „der sich sorgt und sich kümmert, der führt und hilft, der beschützt und liebt“?
Zur Vertiefung
Steve Wohlberg: Von Hollywood zum Himmel. Wie Gott mich aus meiner Verlorenheit herausholte, Advent-Verlag, Lüneburg 2007, 168 Seiten, Best.-Nr. 1816
Elí Diez-Prida: Leben 2.0 – Neu starten, befreit leben, sicher ankommen, Advent-Verlag, Lüneburg 2010, 144 Seiten, Best.-Nr. 7715
Bezugsquellen siehe S. 168 oder www.adventist-media.de

Über die Hoffnung, dass wir die Kurve kriegen
MATTHIAS MÜLLER
Wir Menschen werden es doch irgendwie hinkriegen, dass diese Welt ein bewohnbarer Ort bleibt, dass unsere Kinder und Enkel eine Chance auf diesem Planeten haben und nicht alles im Chaos versinkt – oder? Wir haben eingesehen, dass wir auf dieser Erde alle zusammengehören und es uns wirklich etwas angeht, wenn im Regenwald Bäume gefällt werden oder den Eisbären das Eis unter ihren Tatzen wegschmilzt.
Читать дальше