Hartmut, einen halben Kopf größer als sein Vater, klopfte ihm mit der Handfläche auf den Rücken. «Ist ja schon gut», sagte er. «Ich bin wieder da.»
«Warst du schon zu Hause bei Mama?»
Hartmut schüttelte den Kopf. «Bin ja gerade erst angekommen», sagte er.
Kappe zog seinen Sohn näher zur Fensterluke und betrachtete ihn eingehend. Der Junge sah nicht einmal schlecht aus. «Wie hast du mich denn so schnell gefunden?»
Hartmut lachte. «Wo das Polizeipräsidium ist, habe ich mühelos erfahren …»
«Aber ich hätte ja auch …» Kappe ließ den Satz unvollendet.
Hartmut verstand dennoch. «Da hättest du dich aber sehr ändern müssen», sagte er. «Was sollten sie denn sonst mit so ’nem alten Mordkommissar wie dir anfangen?»
Kappe blieb ernst. «Hast du ’ne Ahnung! Hier sind schon ganz andere Leute verlorengegangen.»
«Na ja, das große Aufräumen ist wohl nötig», befand Hartmut leichthin. «Man hört ja, dass überall noch die Braunen drinstecken und ihre Köpfe recken.»
Kappe fragte nicht, wo der Sohn das gehört hatte, wenn er doch eben erst in Berlin eingetroffen war. Und was hieß «die Braunen»? War Hartmut nicht selber als begeisterter HJ-ler zu den Fliegern eingerückt? Hatte er als sein Vater nicht oft genug mit dem Jungen über die politischen und strategischen Fehler des größten Führers aller Zeiten gestritten, und hatte Hartmut ihn nicht seiner gefährlichen Ansichten wegen verwarnt?
Nun ja, die Zeiten hatten sich geändert, und Hartmut auch. Die Russen vollbrachten ja wahre Wunder der Umerziehung, wie Schieck oder der Polizeipräsident Markgraf bewiesen. Oder der Generalfeldmarschall Paulus, den sie im Februar vor dem Nürnberger Tribunal präsentiert hatten.
«Hast du schon eine Unterkunft?», erkundigte sich Kappe. Mit leichtem Schrecken dachte er daran, was für neue Probleme auf sie zukamen.
Hartmut jedoch winkte ab. «Mach dir keine Sorgen! Dafür ist gesorgt.»
Kappe konnte es noch immer kaum glauben. Immer wieder schüttelte er den Kopf. «Mein Gott, was wird deine Mutter sagen!»
«Ich hoffe, es geht ihr einigermaßen gut.»
«Na, du wirst sie ja nachher sehen. Das gibt ja ein richtiges Familienfest, wenn wir beide nach Hause kommen!»
«Karl-Heinz ist bei euch?»
Kappe nickte bedrückt. «Dein kleiner Bruder macht uns Sorgen», sagte er. «Aber damit will ich dich jetzt nicht behelligen. Wir haben ja noch den ganzen Nachhauseweg und den Abend miteinander.»
«Aber sonst kommt ihr zurecht?»
«Was bleibt uns anderes übrig? Verhungert sind wir jedenfalls noch nicht. Und irgendwas werden wir heute Abend auch zu deinem Empfang auf den Tisch bringen!»
«Ich fürchte, daraus wird nichts. Heute Abend hab ich leider etwas anderes vor. Grüß Mama erst mal von mir! Wir sehen uns am Wochenende.»
Was war das nun wieder? Befremdet blickte Kappe seinen Ältesten an. Was gab es Wichtigeres für den als die Familie? Dann begriff er. «Du triffst dich mit einer Frau», sagte er verständnisvoll. «Da muss Mama erst mal zurückstehen. Sie wird es nur nicht einsehen.»
Hartmuts nüchterne Antwort, im Augenblick gäbe es wichtigere Dinge als Frauen, überraschte Kappe. Was war mit dem Jungen los? Kam nach langen Jahren direkt aus der Kriegsgefangenschaft und spielte den Abgeklärten. «Hast du dich schon nach Arbeit umgeguckt?», wollte Kappe wissen.
Ein leichtes Grienen überzog Hartmuts Gesicht. «Deswegen bin ich ja hier», sagte er. «Sonst hätte ich dich kaum so schnell gefunden.»
Wieder dauerte es einen Augenblick, bis Kappe verstand. «Du willst zur Polizei?», fragte er ungläubig.
Hartmuts Antwort war nicht geeignet, seine Verwunderung zu mildern. «So ist es vorgesehen …»
Kappe stellte keine weitere Frage. Wenn etwas «so vorgesehen» war, dann kam es von ganz oben und blieb unwidersprochen. «Dann darf ich dich möglicherweise künftig zu meinen Chefs zählen», vermutete Kappe, bemüht, es nicht wie eine Frage klingen zu lassen.
«Ich glaube nicht», beruhigte ihn der Sohn. «Ich soll vorerst irgendwo aufs Revier.»
Im britischen oder amerikanischen Sektor, dachte Kappe, ohne es auszusprechen. Das war die übliche Taktik der Russen, ihre Leute als Ersatz für die Kommunisten unterzubringen, die von den Westalliierten entlassen worden waren. «Na gut, Herr Kollege in spe», sagte Kappe, und eine Spur von Bitterkeit klang in seiner Stimme mit. «Das sind ja eine ganze Menge Überraschungen auf einen Haufen. Nur wie ich deiner Mutter beibringen soll, dass du sie erst in ein paar Tagen sehen willst, weiß ich noch nicht.»
Kappes Ton brachte Hartmut doch ein wenig in Verlegenheit. «Wenn ich es schaffe, komme ich morgen Abend bei euch vorbei. Ich habe wirklich eine Menge um die Ohren, bis alle Papiere fertig sind …»
Kappe klopfte ihm auf die Schulter. «Tu Mama den Gefallen!», bat er väterlich. «Hast du überhaupt unsere Adresse?»
Hartmut nickte. «Die hat man mir schon gegeben.» Er drückte seinen Vater noch einmal an sich und verließ eilig den Raum.
Ein seltsamer Duft blieb zurück. Machorka, wie Kappe erkannte. Schwerfällig ließ er sich wieder hinter seinem Schreibtisch nieder. Was für ein unwahrscheinliches Glück: Beide Söhne hatten den Krieg überlebt. Und doch konnte Kappe nicht leugnen, so etwas wie Unzufriedenheit zu verspüren. Das mit Karl-Heinz ließ sich vielleicht noch hinbiegen, wenn die Zeiten erst wieder normaler waren. Bezüglich Hartmuts Wandlung war er da weniger zuversichtlich.
Kurz darauf betrat der Neue den Raum. «Kann ich noch irgendwas tun?», fragte er. Besonders unternehmungslustig klang es nicht.
Kappe blickte ihn melancholisch an. «Ist was drauf auf dem Film?», lautete seine Gegenfrage. Er misstraute Schiecks Fähigkeiten. Der hatte unlängst einen Film versaut und behauptet, es habe am Entwickler gelegen.
«Soweit ich das beurteilen kann, ist was zu erkennen. Muss aber erst trocknen.»
«Dann soll Schieck meinetwegen einen Fön nehmen!»»
Der Neue blickte ihn erstaunt an. «Der ist schon weg. Er musste ganz eilig zu einer Versammlung. Hat er Ihnen das nicht gesagt?»
Kappe griente bissig. «Da hat er dich nicht gleich mitgenommen?» Das Du floss ihm sonst nicht so leicht über die Lippen, aber bei dem Milchgesicht kam es wirklich nicht darauf an.
«In welcher Partei ist er denn?», erkundigte sich Holtefret.
Kappe hätte jetzt sagen können: In derselben, zu der mein ältester Sohn mit einiger Gewissheit bald gehören wird. Doch er hielt sich zurück. «Na rate mal!», sagte er. «Für Schieck gibt’s nur eine, und wenn es nach ihm ginge, wären wir alle längst seine Genossen.»
Holtefret hob die Schultern und sagte: «Ich mach mir nicht viel aus Politik.»
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