Und im Winter? Schlittenfahren war jetzt angesagt. Die ersten Skiversuche. Aber wer hatte damals schon Skier? Einige Auserwählte, die Besseren sozusagen. Doch es war für uns nicht wichtig, zu diesen Besseren zu gehören. Es war auch nicht wichtig, Ski zu fahren. Schneehäuser bauen war wichtig. Sich gegenseitig mit Schnee einseifen war herrlich.
Der Höhepunkt jeden Winters, überhaupt des ganzen Jahres, war aber Weihnachten. Bei diesem Fest war man sicher, dass es nie ausfiel, dass es das einfach immer gab. Niemand konnte es abbestellen, egal was geschah. Man hatte halt vorher brav zu sein. Das konnte man aber getrost auf die letzte Woche vor Heiligabend verschieben, das galt dann so, als wäre man es immer schon gewesen.
Der Christbaum mit dem alten Schmuck, den bereits die Oma gehabt hatte, wurde feierlich aufgestellt. Die Silberkugeln, die Goldzapfen, die weißen Vögelchen, alles schon etwas vergilbt und abgeblättert. Mit Wachsspuren darauf, die von jahrzehntelangem Gebrauch den Glanz verdeckten. Lametta, Jahre alt, zusammengeklebt, leicht kraus und trotzdem auf geheimnisvolle Weise prächtig anzusehen, wurde in jedem Jahr aufs Neue gebügelt und funkelte am Baum. Dem Zauber, der von der geschmückten Weihnachtstanne ausging, konnte sich keiner entziehen. Alles passte.
Oma und Mutter weinten ein bisschen, wenn ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ gesungen wurde. Papa schnäuzte sich mindestens zwei bis dreimal ins Taschentuch. Opa klopfte mit dem Stock ungeduldig auf den Boden. Er wollte sein Essen und sein Geschenk. Das waren oft eine neue Pfeife oder Zigarren. Kaum hatte er es ausgepackt, lief Opa zu Hochform auf. Jedes Jahr wurde die ganze Familie eingehend belehrt über den rechten Umgang, wie die Pfeife zu stopfen war und die Zigarren vorschriftsmäßig angezündet werden mussten. Noch hinzuzufügen wäre: Nach ein paar Tagen hing wieder die alte Pfeife im Mundwinkel, abgenützt, verrußt mit angeknabbertem Mundstück.
Und für die anderen? Was das für Geschenke waren? Eine Haartrockenhaube für die Mutter, ein paar Filzhausschuhe für die Oma, gefüttert, mit Reißverschluss vorne. Sie war ja mittlerweile schon vierundsechzig Jahre alt. Eine Strickjacke zum Beispiel für Vater, patentgestrickt aus guter Schurwolle, filzfreudig, meistens braun, immer ein kleines bisschen zu eng. Aber das Strickmuster wuchs mit Vaters Umfang mit. Sie wurde nie abgelegt, hielt Jahr um Jahr. Vater und seine braune Jacke waren in der Erinnerung unzertrennlich.
Und die Kinder? Bunte Teller. Die mussten sein, mit Brötle, Mandarinen, Nüssen, einem Weihnachtsmann aus Schokolade. Dazu gab es eine Mütze, mit passenden Handschuhen und Schal. Selbstgestrickt natürlich, aus Wolle! Echte Schafwolle, die erbarmungslos auf der Haut kratzte. Herrlich jedoch waren andere Dinge: ein Bilderbuch, eine Puppe, Stofftiere, ein Ball, ein rotes Feuerwehrauto aus Blech, eine Eisenbahn zum Aufziehen.
Die Welt war in Ordnung auf dem Berg und im kleinen Dorf am Fluss und in den Familien. Na ja, fast! Was es halt so gibt, wenn alltägliche Dinge nicht immer passen, wo Menschen nah zusammen wohnen, aber trotzdem jeden Tag miteinander auskommen müssen und am Ende doch zusammenhalten und wissen, wo sie hingehören.
Es war gut, so wie es war. Bis, ja, bis zu jenem schrecklichen Tag im Mai vor vielen Jahren, als es geschah. Dieses Ungeheuerliche! Ohne jede Vorwarnung war es da, veränderte in wenigen Stunden diese kleine Welt und die ganze Umgebung. So schrecklich, dass heute noch, über vier Jahrzehnte danach, sofort wieder alles lebendig wird, was man glaubte, erfolgreich in der Schublade „Es war einmal …“ verstaut zu haben.
Später zur Kirschenzeit kommen sie wieder. Mit großen und kleinen Körben ausgestattet werden diese Köstlichkeiten gepflückt. Herrlich große, dunkle Herzkirschen. Dem Geißenschinder, der viel von seiner eisigen Kälte im Tal lassen musste, sei Dank. Nur dadurch können sie eine solche Größe und die süßesten Aromen erlangen. Das wussten unsere Eltern und Großeltern schon. Sie und später wir pflückten oder holten beim Bauern mit Freuden jedes Jahr Kirschen. So viel wir wollten.
Ich hätte gerne geschrieben: Bis heute! Aber das stimmt nicht. Eines Tages änderte sich für uns mit einem Schlag alles. Freude am Kirschenholen gab es nicht mehr. Ängste machten sich in unseren Familien breit. Es war Schreckliches geschehen! Ein junges Mädchen vom Berg war getötet worden. Feige ermordet. Die Gegend hatte ihren Glanz verloren.
In diesem Jahr machte ich mich wieder auf den Weg dorthin. Nach so langer Zeit. Nach über vierzig Jahren! Es musste einfach sein!
Ich habe Menschen kennen gelernt, die mir dabei halfen, den gefürchteten einsamen Weg durch den Wald wieder zu gehen, Menschen, die mich begleiteten und viel erzählten, was sich aus der Vergangenheit in ihre Gedanken eingemeißelt hatte. Sie haben nichts vergessen. Alles war da, ganz nah, war mit ihnen gegangen, bis heute. Als ich aus dem Wald trat, war die Landschaft immer noch schön, wunderschön.
Den Mai-Schnee gab es in diesem Jahr wie immer. Die Kirschen reiften heran, üppig wie immer. Wir machten unsere Körbe voll, wie immer.
Irgendwann beim Pflücken kam dieses Kinderlied in meine Gedanken. Machte sich fest wie ein Ohrwurm:
Rote Kirschen ess ich gern,
schwarze noch viel lieber,
in die Schule geh ich gern
alle Tage wie…
Ich konnte die letzte Zeile nicht zu Ende singen. Das ‚wie…‘ blieb mir im Hals stecken. Das Kind kam ja nicht wieder. Es kam niemals wieder.
In jenem Frühjahr war das Wetter so, wie man es in Bilderbüchern nachlesen kann. Wenn Kindern beschrieben wird, wie perfekte Jahreszeiten auszusehen haben.
Der Winter war pünktlich vorbei und die ersten warmen Tage verwöhnten das Land. Es war Mitte Mai. Der Mai-Schnee wurde in den nächsten Tagen erwartet. Alles sprach dafür, dass es eine gute Kirschenernte geben würde. Die ganze Hochebene war ein einziges Blütenmeer. Mit riesigen Zuckerwattehauben hatte sich jeder Baum geschmückt. So war das immer, wenn der Winter gnädig gewesen war. Wenn der Ostwind über den Nordwind bei seinen winterlichen Kraftspielen gesiegt hatte.
Die erste Heuernte des Jahres stand vor der Tür. Wiesenblumen und Kräuter blühten in allen Farben in verschwenderischer Fülle. Jetzt, am Vortag zu Fronleichnam, kam das herrliche Wetter gerade recht, brauchte man doch Blütenköpfe in riesigen Mengen. In der kommenden Nacht mussten Blumenteppiche gelegt werden. Prachtvolle, bunte Bilder wollten sie wieder erschaffen für die vorgesehenen Stationen der Prozession. Das war Ehrensache!
Nirgendwo sonst gab es eine solche Fülle und Auswahl, wie man sie hier oben auf den Wiesen rund um Muri pflücken konnte. Schon in den frühen Mittagsstunden waren Gruppen von Frauen auf den Berg gegangen und kniffen seitdem die Blüten von den Stängeln. Eine mühsame Arbeit, aber mit Schwatzen und Lachen verging die Zeit wie im Flug und die Körbe füllten sich.
Später wurden die Frauen gefragt: „Habt ihr denn nichts gehört? Ihr wart doch gar nicht so weit weg vom Tatort.“ „Nein, nichts!“ Niemand hatte etwas Außergewöhnliches gehört oder gesehen.
Ratlos horchten die Befragten in sich hinein. Sollte denn alles lautlos geschehen sein? Unvorstellbar! „Irgendwann haben wir zwar Edelgard nach der Sonja rufen hören, uns aber nichts dabei gedacht. Erst als sie aufgeregt zu uns kam und nach der Tochter fragte, machten wir uns Gedanken, wo das Mädle geblieben sein könnte.“ „Sicher hat die sich verschwätzt und wird schon heimkommen. Wo soll sie denn sonst sein?“, meinte die eine. Da war es später Nachmittag. „Wir hatten die Körbe voll und machten uns auf den Heimweg. Wir dachten uns nichts Schlimmes, bis die Sirenen heulten. Um 17 Uhr war das. Da ahnten wir, es muss was passiert sein“, erzählte eine andere.
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