Gebt auf, was unheilsam ist. Ihr könnt das Unheilsame aufgeben. Wäre es nicht möglich, sagte ich nicht, daß ihr es tun sollt. Brächte euch dieses Aufgeben Schaden und Schmerz, sagte ich nicht, daß ihr es aufgeben sollt. Doch da es euch Nutzen und Glück bringt, sage ich, gebt auf, was unheilsam ist. Pflegt das Gute. Ihr könnt das Gute pflegen. Wäre es nicht möglich, sagte ich nicht, daß ihr es tun sollt. Brächte euch diese Pflege Schaden und Schmerz, sagte ich nicht, daß ihr es tun sollt. Doch da euch diese Pflege Nutzen und Glück bringt, sage ich, pflegt das Gute.
Wir geben die unheilsamen Eigenschaften, die Leiden verursachen, nicht auf, weil wir sie fürchteten oder verachteten, und auch nicht, weil wir uns dafür verachteten, daß sie in unserem Denken entstehen konnten. Das Unheilsame läßt sich nicht aufgeben, indem wir das vertraute Gefühl von Getrenntsein einfach ärgerlich beiseite fegen. Es geschieht vielmehr, indem wir lernen, uns und alle Lebewesen wirklich zu lieben. Im Licht dieser Liebe können wir die Bürde klarer erkennen, und wir beobachten, wie sie einfach von uns abfällt.
Statt verbissen an Eigenschaften wie Zorn, Angst oder Anhaftung festzuhalten, die uns und anderen schaden, können wir sie fallenlassen wie eine beschwerliche Last. Unheilsame Reaktionen, die wir gewohnheitsmäßig mit uns umhertragen, sind uns eine Bürde. Sobald wir einsehen, daß wir diese Reaktionen nicht brauchen, können wir sie aufgeben.
Das Gute pflegen bedeutet, die strahlende Macht der Liebe wiederzuerlangen, die in uns allen verborgen liegt. In einem erwachten Leben werden wir die begrenzenden Auffassungen, die wir von unseren Möglichkeiten haben, grundsätzlich revidieren. Wenn wir sagen, daß wir das Gute pflegen, dann heißt das, daß wir uns eine offene Sicht davon zu eigen machen, was für uns möglich ist, und durch die Meditation können wir in den Erfahrungen, die wir in jedem Moment machen, diese visionäre Erkenntnis pflegen.
Diese Erkenntnis ist immer für uns verfügbar; es ist unerheblich, wie lange wir schon in dem Gefühl von Beschränkung gefangen sind. Wenn wir einen dunklen Raum betreten und das Licht anmachen, spielt es keine Rolle, ob der Raum einen Tag, eine Woche oder zehntausend Jahre lang dunkel gewesen ist – wir drehen das Licht an, und es ist hell. Sobald wir mit unserem Potential, zu lieben und glücklich zu sein – mit dem Guten –, Verbindung aufnehmen, wird es hell. Das Üben von brahma-vihara ist der Weg, das Licht anzuzünden und brennen zu lassen. Es ist ein Prozeß tiefer spiritueller Wandlung.
Diese Wandlung vollzieht sich, wenn wir den Weg tatsächlich gehen: dessen Wertvorstellungen und Theorien in die Praxis umsetzen, zum Leben erwecken. Wenn wir danach streben, das Unheilsame aufzugeben und das Gute zu pflegen, tun wir dies in der Überzeugung, daß es uns wirklich gelingen wird. „Wäre es nicht möglich, sagte ich nicht, daß ihr es tun sollt.“ Wenn wir diesen Satz des Buddha im Gedächtnis behalten, folgen wir dem Weg in der sicheren Gewißheit, unser einzigartiges Potential für Liebe und Wahrheit auch leben zu können.
Der Weg beginnt, indem wir unsere Einheit mit anderen Lebewesen durch Großzügigkeit, Nicht-Verletzen, rechte Rede und rechtes Handeln pflegen. Auf der Grundlage dieser Eigenschaften läutern wir unseren Geist durch meditative Sammlung. Dabei erfahren wir die Wahrheit und das Leid, das durch Trennung verursacht wird, ebenso wie das Glück, uns mit allen Wesen verbunden zu wissen. Diese Erkenntnis gipfelt in der „vollkommenen Befreiung des Herzens“, wie der Buddha es ausdrückte. Die Erfüllung des spirituellen Weges ist es, die wahre Natur des Herzens und des Glücks zu verstehen. Brahma-vihara zu praktizieren ist sowohl der Weg dorthin als auch der natürliche Ausdruck eines solchen Verstehens.
Meine eigene intensive Beschäftigung mit den vier brahma-viharas begann 1985 in Birma. Unter Anleitung von Sayadaw U Pandita, einem Theravada-Meditationsmeister, widmete ich mich den ganzen Tag lang der Ausbildung und Pflege von Liebe, Mitgefühl, selbstloser Freude und Gleichmut. Es war eine außergewöhnliche Zeit! In der geschützten Atmosphäre der Klausur klärten und festigten sich die brahma-viharas so sehr, daß sie nach der Klausur nie wieder verblaßten, sondern wirklich zu meiner Heimat wurden. Natürlich verliere ich gelegentlich den Kontakt zu ihnen, jetzt aber führt mich meine Sehnsucht nach Glück immer wieder zu ihnen zurück.
In diesem Buch erläutere ich die Meditationsübungen, die ich in Indien das erste Mal praktizierte und später in Birma systematisch erlernte. Seit meiner ersten Begegnung mit dem Buddhismus zeigten mir alle meine Lehrerinnen und Lehrer auf ihre je eigene Art die Segnungen der Liebenden Güte und vermittelten mir ein Gefühl für deren grenzenlose Möglichkeiten. Dieses Buch entstand aus der tiefen Verehrung für meine Lehrerinnen und Lehrer. Wenn ich hier die Meditationstechniken erläutere, dann in grenzenloser Dankbarkeit dafür, daß ich sie erlernen durfte, sowie in dem Wunsch, daß andere davon profitieren mögen.
1
Die revolutionäre Kunst, glücklich zu sein
Sei nur verbunden.
E. M. Forster
Wir können weit reisen und viele verschiedene Dinge tun, doch unsere intensivsten Glücksgefühle entstehen nicht, indem wir neue Erfahrungen anhäufen. Sie entstehen, wenn wir Unnötiges loslassen und wissen, daß wir immer zu Hause sind. Das wahre Glück ist nicht weit, es braucht nur eine radikale Veränderung des Blickwinkels unserer Suche.
Ein Teilnehmer unserer ersten Klausur erfuhr dies auf sehr eindrucksvolle Weise. Bevor wir das Insight-Meditation-Society-Zentrum hatten, mußten wir für lange Klausuren Räume mieten. So kam es, daß unsere erste Klausur in einem Kloster mit einer schönen Kapelle stattfand. Um sie in eine Meditationshalle zu verwandeln, wo wir auf dem Boden sitzen konnten, entfernten wir alle Sitzbänke und stapelten sie in einem großen Nebenzimmer. Da es nicht genügend Schlafplätze gab, mußte einer der Meditierenden für die Dauer der Klausur in einer Ecke dieses Hinterzimmers schlafen.
Im Verlauf der Klausur hatte er immer stärkere körperliche Beschwerden und Schmerzen, was ihn ärgerte und störte. So verbrachte er viel Zeit damit, im Kloster den perfekten Stuhl zu suchen, auf dem er ohne Schmerzen würde sitzen können. Da er keinen fand, sah er seine einzige Rettung darin, sich nachts in die Klosterwerkstatt zu schleichen, um selbst einen Stuhl zu bauen. Er plante minutiös, wie er das tun könnte, ohne entdeckt zu werden, und nahm erst einmal die verfügbaren Werkzeuge und Materialien in Augenschein. Dann setzte er sich in dem Raum, in dem er übernachtete, auf eine der dort gelagerten Bänke und begann, den perfekten Meditationsstuhl zu entwerfen, der seinem Leiden mit Sicherheit ein Ende bereiten würde.
Während er dort saß und arbeitete, bemerkte er, daß er sich immer wohler fühlte. Zunächst meinte er, das liege daran, daß er den nie dagewesenen, revolutionären, perfekten Entwurf machte. Doch plötzlich wurde ihm klar, daß er so glücklich war, weil er ausgesprochen bequem auf dieser Bank saß. Er blickte sich um und sah, daß in dem Raum, der für die Dauer der Klausur sein Zuhause war, etwa 300 solcher Bänke standen. Was er suchte, hatte er die ganze Zeit unmittelbar vor Augen gehabt. Statt diese umständliche Gedankenreise zu unternehmen, hätte er sich nur hinsetzen müssen.
Manchmal unternehmen wir beträchtliche Reisen – körperlich, geistig oder emotional – und fänden die Liebe und das Glück, die wir suchen, wenn wir uns nur einfach hinsetzten. Wir verbringen unser Leben mit der Suche nach etwas, das uns glücklich machen wird, etwas, von dem wir meinen, wir hätten es nicht. Aber der Schlüssel zum Glück liegt in einer anderen Vorstellung davon, wo wir suchen müssen. Der große japanische Dichter und Zen-Meister Hakuin sagte: „Die Menschen wissen nicht, wie nah die Wahrheit ist; sie suchen sie an entlegenen Orten. Welch ein Jammer! Sie sind wie Dürstende, die mitten im Wasser vor Durst aufschreien.“
Читать дальше