An einem Sommermorgen sah ich einmal ganz klar, wie der wuchernde Geist Leiden erzeugt. Ich wachte früh auf. Statt nach unten zu gehen und zu meditieren, entschied ich mich dafür, mein Erleben zu erforschen, wie es hier gerade war, im Bett. Als ich zu den Deckenbalken hochsah, die im Morgenlicht glänzten, sann ich den Aussagen des Buddha zu Gefühl und Wahrnehmung nach. Ich nahm wahr, wie Licht das Auge berührte, und das Auge funktionierte und eine Bewusstheit dieser Funktion – was wir „Sehen“ nennen – entstand. Im Moment des Kontaktes schien sofort ein „Ich“ da zu sein, ein Erleben: „Ich sehe jetzt.“ Immer wieder ließ ich diese Vorstellung los und entspannte mich in einfache Bewusstheit, einfaches Sehen. Als sich das stabilisiert hatte, tat ich dasselbe mit Geräuschen und körperlichen Empfindungen und kam damit zur Ruhe, heraus aus der gewohnheitsmäßigen Konstruktion eines Selbst.
Während dies geschah, drehte sich Martha, meine Frau, auf die andere Seite, und ihr Fuß berührte meinen Fuß. Sofort wallte eine Emotion auf. Es war kuschelig; ich war glücklich. Aber mit Hilfe des Flusses der Praxis ließ ich die geistige Fixierung los und stellte fest, dass dies einfach nur Berührung war. Es gab ein berührbares Objekt (Marthas Fuß), ein funktionierendes Sinnesorgan (meine Haut) und ein Bewusstsein der Berührung.
Zusammen mit diesem simplen Kontakt entstand in Beziehung zu „ihr“ ein „Ich“. Aus unserer langen, liebevollen gemeinsamen Geschichte kam auch ein Glücksgefühl auf. Dann bewegte Martha ihren Fuß weg. Sofort wurde ich traurig. Die Traurigkeit war leicht schmerzhaft. Ich hatte das angenehme Gefühl festhalten wollen, das ich mit dem schlichten Ereignis einer Berührungsempfindung verbunden hatte. Die Reaktion war automatisch, war konditioniert. An dieser ersten Welle der Traurigkeit hielt das Denken etwa zwei Sekunden lang fest; dann erkannte ich sie als einen Geisteszustand, der durch die Umstände ausgelöst worden war. Ich entspannte mich und blieb wieder beim Erleben des Berührungsempfindens von Moment zu Moment. Aber ich mochte dieses kuschelige Gefühl. Ich schaute zu, wie dieses Mögen sich steigerte, bis ich dachte: „Meditation hin oder her, ich möchte mehr Berührung.“ Also streckte ich meinen Fuß nach meiner Frau aus. Aber Martha schlief immer noch, wollte ungestört sein und drehte sich weg. Sofort fühlte ich mich abgelehnt. Dieses Gefühl entstand automatisch, eine Art Leidensreflex.
Wie entstand dieses Leiden? Seine unmittelbare Ursache war die konditionierte Emotion der Traurigkeit aufgrund einer vermuteten Ablehnung. Aber was steckte dahinter? Das Erlebnis beruhte auf einer Sinneserfahrung (die Berührung meiner Frau), dem Sinnesorgan (meine Haut) und einem Wahrnehmen körperlicher Empfindung, die alle sich mit bereits existierenden Konstrukten (Liebe zu meiner Frau und unserer gemeinsamen Geschichte) verbanden, um die Bedingungen für ein seelisch-emotionales Glückserlebnis zu liefern (meine Geliebte berührt mich). Das Glücksgefühl bei der ersten Berührung erzeugte den Wunsch nach mehr Berührung, was wiederum eine Anspannung in Form eines unbefriedigten Wunsches erzeugte (mein Verlangen). Dieser Hunger erzeugte Anspannung, die zu einer Handlung führte (ich streckte meinen Fuß aus), zu sich ergebenden Empfindungen (die kurze Berührung) und einer Emotion (flüchtiges Glücksgefühl). Darauf folgte weitere Anspannung, da komplexe Gebilde entstanden (ich interpretierte ihr Wegdrehen als Ablehnung, was konditionierte Ängste auslöste) sowie weitere Emotion (Traurigkeit).
Der Buddha fuhr in seiner Analyse des Leidens fort: „Mit Unliebem vereint, von Liebem getrennt sein ist leidhaft, Begehrtes nicht erlangen ist leidhaft.“ Diese Aussagen beschreiben verschiedene Arten seelischen Leidens. Im Hinblick auf Sinneswahrnehmungen verstanden, kommentieren diese Aussagen das Resultat eines Kontaktes mit unerwünschten Empfindungen wie Gerüchen oder Geräuschen. Aber der Buddha stellte klar, dass seine Aussagen auch menschliche Beziehungen betreffen: „Zu begegnen dem, der einem Unglück wünscht, Leid, Unangenehmes, Unsicherheit“ gehört ebenfalls zum „Unlieben“. Getrennt sein von Liebem bezieht sich nicht nur auf „Gewünschtes, Geliebtes, dem Auge, dem Ohr, der Nase Angenehmes“ und so weiter, sondern auch auf die Trennung von denen, die „einem Glück wünschen, Gutes, Angenehmes, Sicherheit, von Mutter oder Vater oder Schwester oder jüngeren Verwandten oder Freunden.“ 11
Die beziehungshaften Aspekte der Lehre des Buddha werden oft übersehen. Das lässt sich in allen buddhistischen Lehrrichtungen beobachten. Es ist, als wäre da eine unsichtbare Mauer, die diesen anrüchigen, obwohl unausweichlichen Aspekt unseres Menschseins von der jungfräulichen Reinheit der formalen Lehre Buddhas fernhält. Das Ergebnis ist eine große Unwissenheit bezüglich des Leidens, das mit menschlichen Beziehungen einhergeht, seiner Ursachen und des Wesens der Freiheit. Dieses Leiden ist übersehen und nicht beim Namen genannt worden. Es ist schlichtweg die Folge davon, als sensibles soziales Wesen in eine komplexe und wechselhafte zwischenmenschliche und soziale Umwelt hineingeboren zu werden. Das ist das zwischenmenschliche Leiden.
Großes Leiden ist leicht zu sehen: Es drängt sich dem Bewusstsein auf. Versuchen Sie einmal, ein paar der kleineren Unannehmlichkeiten des Lebens zu sehen – das Unbehagen, zu lange stillsitzen zu müssen, Langeweile, Sorgen –, und unsere fast pausenlose Aktivität, um sie zu bekämpfen: Essen, Körperhaltung verändern, Fernseher einschalten, zum Telefon greifen. Bemerken Sie das Wohlgefühl in der momentanen Erleichterung; bemerken Sie, wie auch dies vorbeigeht.
Zwischenmenschliches Leiden
Zwischenmenschliches Leiden ist das Leiden, das aus unseren Beziehungen zu anderen Menschen herrührt. Es ist eine weitläufige Untergruppe des seelischen Leidens. Stress mit Familienmitgliedern, Arbeitskollegen und Freunden ist zwischenmenschliches Leiden. Einsamkeit und Isolation gehören ebenfalls zum zwischenmenschlichen Leiden. Jeder von uns erlebt regelmäßig zwischenmenschliches Leiden. Es kann hilfreich sein zu erkennen, wie diese Dynamik abläuft, und zu wissen, dass sie als Konstrukte des sensiblen Herz-Geistes entstehen.
Eine Großteil unserer Emotionen, der schmerzhaften und angenehmen, entsteht im Zusammenhang mit anderen Menschen. Man braucht nur ein Buch über Sozialpsychologie, Soziologie oder Geschichte aufzuschlagen – oder irgendeinen Roman –, und man findet zahllose Beispiele zwischenmenschlichen Leidens, in der Intimsphäre und in der Öffentlichkeit. Probleme in Ehe und Familie sind zwischenmenschliches Leiden, ebenso wie Probleme mit Kollegen am Arbeitsplatz, romantische Techtelmechtel oder gerichtliche oder politische Auseinandersetzungen. Der Krieg und sein Herzblut, die militärische Ehre – vom Märtyrertum des Terroristen bis zum empfindlichen Stolz des Unteroffiziers –, ist durchzogen von zwischenmenschlichem Leiden. Schmerzhafter Zorn und die Angst vor Liebesentzug sind zwischenmenschliches Leiden. Soziales Unbehagen, Eifersucht, Neid und der Schmerz, andere zu verurteilen – oder von ihnen verurteilt zu werden –, all das ist zwischenmenschliches Leiden.
Wir erleben diese Formen des Leidens – oder irgendeines anderen Leidens – nicht, weil wir böse, krank oder wertlos wären. Wir erleben zwischenmenschliches Leiden deshalb, weil wir prinzipiell Beziehungswesen sind: Unser Geist will fassen und festhalten, während das soziale Leben, das uns berührt, voller unkontrollierbarer Veränderungen ist. Das natürliche Resultat solcher Bedingungen ist Leiden; Schuld- oder Schamgefühle wegen dieser Leidens-Tatsache sind fehl am Platze und trüben nur unseren Blick. Und wenn wir untersuchen, wie wir glücklicher sein können, mitfühlender, klüger, vielleicht sogar wirklich frei, dann müssen wir die Dinge so klar sehen wie möglich.
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