Patrizia Staehelin wandte sich wieder der Kommissarin zu. »Peter ist in seinem Arbeitszimmer, ich gehe ihn gleich holen. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«
»Danke, lieber ein Glas Wasser«, erwiderte Anna und nahm auf dem ihr angebotenen Ledersessel Platz.
Ein schlanker junger Mann im weissen Hemd mit dunkelroter Krawatte erschien im Türrahmen. Er zuckte etwas zurück, als er die Frau in Uniform erblickte.
»Oh, Verzeihung. Ich wusste nicht, dass die Polizei schon da ist.«
»Kein Problem. Ich bin Anna Auer, Kriminalpolizei. Sie haben ja vom Tod Ihrer Schwester Monika gehört, und ich würde gerne von Ihnen und Ihrer Partnerin etwas mehr über die Verstorbene erfahren.«
Peter Sarasin blickte seine Freundin an. »Was meinst du ? Du kanntest sie ja eigentlich viel besser als ich selbst. Gib du doch der Kommissarin Auskunft, ich muss noch rasch ein Telefonat erledigen.«
Patrizia Staehelin lächelte die Kommissarin an. »Ich weiss, das klingt jetzt merkwürdig für Sie. Immerhin war Monika die Schwester von Peter. Aber die beiden hatten, seit ihre Kindheit vorbei war, tatsächlich wenig Kontakt miteinander. Während Peter fast seine ganze Freizeit auf dem Golfplatz verbringt, teile ich mit Monika die Leidenschaft zum Tennis und war deshalb sehr oft im Club mit ihr zusammen. Sie war wirklich meine beste Freundin! Aber wer hätte ihr so etwas antun wollen? Ich meine, das kann ja nur ein Psychopath gewesen sein, der sich irgendwo im Wald ein zufälliges Opfer für seine perverse Lust ausgesucht hat.« Patrizia hatte wieder zu weinen begonnen.
Die Kommissarin räusperte sich. »Das wäre grundsätzlich denkbar. Aber wir müssen alle Möglichkeiten offenlassen. Im Hause von Monikas Eltern wurde mir angedeutet, sie habe ein ziemlich bewegtes Liebesleben geführt.«
Ein Lächeln huschte über Patrizias Gesicht. »Ja, das kann man so ausdrücken. Sie war so attraktiv, dass sie praktisch jeden Mann ins Bett kriegen konnte. Aber eine langfristige Beziehung einzugehen, war ihr irgendwie nicht gegeben. Und immer war sie es, die eine angefangene Beziehung wieder beendet hat, manchmal schon nach kurzer Zeit. Und meist auf ziemlich unsanfte Art, muss ich leider sagen. Irgendwie war das ein spezieller Charakterzug von ihr.«
»Dann nehme ich an, dass sich der eine oder andere dieser Männer sehr gekränkt gefühlt hat. Ob hier der Schlüssel für das Delikt liegen könnte? Wissen Sie, eine solche Kränkung kann sehr starke Rachegefühle auslösen, bei Männern wie bei Frauen. Ich nehme doch an, Sie als beste Freundin kannten Monika Sarasins Liebhaber?«
Patrizia Staehelin erhob sich, ging zum Fenster und schaute eine Weile in die Ferne.
»Natürlich weiss ich Bescheid. Aber das ist doch eine heikle Sache. Die Betreffenden könnten ja dann ernsthaft unter Verdacht kommen…«
»Liebe Frau Staehelin«, fuhr die Kommissarin ärgerlich dazwischen, »denken Sie bitte daran, es geht hier nicht um ein Kavaliersdelikt, es geht um den Mord an Ihrer besten Freundin, da sind solche Rücksichten überhaupt nicht angebracht!«
»Sie hat absolut recht«, bestätigte Peter Sarasin, der soeben wieder hereingekommen war, »du musst alles sagen, was du weisst. Ich selber kann dazu leider nicht viel beitragen.«
Patrizia seufzte. »Ja, es muss wohl sein. Wobei auch ich nicht sicher bin, ob Monika mir wirklich alles verraten hat. Aber ich sage Ihnen alles, was ich weiss. Also, Monikas letzter Liebhaber war Andreas Vischer, einer der Lehrer am Gymnasium. Mindestens fünfzehn Jahre älter als sie. Ich habe mich echt darüber gewundert, als sie mir von ihm erzählte. Sie hat Andreas dann vor ungefähr einem Monat verlassen.«
»Wissen Sie, weshalb?«
»Nein, das wusste man bei Monika eigentlich nie. Irgendwann hatte sie jeweils genug von einem Mann, und dann machte sie konsequent Schluss. Das lag irgendwie in ihrem Charakter. Also, Monikas vorletzter Liebhaber war ein Kollege aus unserem Tennisclub, Mark Sutter. Ihn hat sie vor ungefähr einem halben Jahr sitzengelassen. Ein besonders heikler Fall, weil Mark verheiratet ist und zudem seine Gattin Claudia zu Eifersucht neigt.«
»Wusste sie denn davon?«
»Das kann ich nicht beurteilen. Claudia spielt nicht Tennis, ich habe sie nur wenige Male gesehen. Und vor Mark Sutter… Ja, da war die Affäre mit Stefan Weber, dem Vater eines Schülers von Monika.«
»Oh, auch das klingt brisant.«
»Ja, die beiden konnten es zwar lange Zeit geheim halten, aber irgendwann flog die Sache auf. Monika hat dann die Beziehung beendet, aber seitdem leben die Eltern Weber getrennt voneinander.«
»Damit kämen wir bereits zum viertletzten Liebhaber…«, bemerkte die Kommissarin und musste ein Lachen unterdrücken.
Patrizia hob ihre Hände, als ob sie sich entschuldigen müsste. »Nun, diese Beziehung liegt schon etwas länger zurück, mindestens zwei Jahre. Es betraf auch einen Lehrer am Gymnasium, Thomas Stahel. Dieser wechselte dann später an eine Mittelschule im Engadin, ich glaube, es war in Zuoz. Und vor Thomas, da war Monika eine Zeitlang mit Martin Frei, dem damaligen Turnlehrer, zusammen. Das ist aber bestimmt vier Jahre her. Leider hatte Martin später einen schweren Fahrradunfall und ist seither querschnittgelähmt.«
»Oh, wie schrecklich.«
»Ja, sehr tragisch«, erwiderte Patrizia. »Aber kommen Sie doch morgen Abend, ab achtzehn Uhr, zum Tennisclub. Mark Sutter wird bestimmt da sein, ebenso Melanie Haller, die zweite beste Freundin von Monika.«
Anna Auer stand auf. »Das mache ich gerne und bedanke mich sehr für die Auskünfte.«
»Ich habe nicht die geringste Ahnung, was dahinter stecken könnte«, sagte Peter Sarasin, nachdem die Kommissarin gegangen war, und nahm einen Schluck aus seinem Whisky-Glas.
Patrizia Staehelin rückte auf dem Sofa etwas näher zu ihm und legte einen Arm um seine Schultern. »Meine beste Freundin tot! Ach, Monika…« Patrizias Tränen tropften auf Peters Hemd. »Sicher, einige Leute waren neidisch auf sie, weil sie einfach überall Erfolg hatte, ihr alles in den Schoss fiel, ihr die Männer nachliefen… Aber ein Mord? Ich kann es nicht begreifen!«
Patrizia fuhr sich nervös durch die Haare. »Oder hängt das doch mit dieser alten Geschichte zusammen? Ich weiss, mein Liebling, es ärgert dich, daran erinnert zu werden, aber es ist nun mal passiert und hat viele negative Gefühle hinterlassen.«
Patrizia drückte Peter einen Kuss auf den Mund. Dieser erhob sich, machte einige Schritte im Zimmer auf und ab und setzte sich dann wieder.
»Die alte Geschichte… Ich selber war ja damals zu jung, um alles zu begreifen. Und es ist doch mehr als fünfzehn Jahre her, warum sollte denn gerade jetzt…?«
Patrizia seufzte tief. »Ja, das war wohl nur so eine dumme Idee von mir. Eigentlich kann es ja nur ein Wahnsinniger gewesen sein, der sich im Wald ein zufälliges Opfer für seine Aggressionen oder seine Lust ausgesucht hat.«
Peter nickte. »Ja, das muss die Lösung sein. Wenn nur die Polizei den Übeltäter bald findet!«
Patrizia erhob sich. »Du entschuldigst mich, Peter. Ich muss unbedingt noch Melanie Haller anrufen. Vielleicht weiss sie noch gar nichts von Monikas Tod?«
Pünktlich um siebzehn Uhr waren Anna Auer und Lukas Lauber zum Tagesrapport bei ihrer Chefin, Silvia Stauber, erschienen.
»Ihr musstest aber früh ausrücken heute Morgen«, lächelte Silvia die beiden an. »Ich selber kam erst gegen neun ins Büro und erfuhr dann von Lukas, was passiert war. Eine furchtbare Sache! Und, wie weit seid ihr? Schauen wir zuerst die technischen Resultate an.«
Lukas blickte auf seinen Notizblock. »Nun, die Berichte des Kriminaltechnikers und des Rechtsmediziners habe ich bereits erhalten, der Autopsie-Bericht ist allerdings noch provisorisch. Monika Sarasin wurde gestern zwischen achtzehn und zwanzig Uhr in einem unwegsamen Dickicht in den Langen Erlen erstochen. Sie wurde zunächst durch Schläge auf den Kopf zu Fall gebracht und dann mit vier Messerstichen von vorne getötet. Es gibt Anzeichen, die auf eine Vergewaltigung hindeuten. Druckstellen am Rücken, am Gesäss und im Schambereich. Diverse Textilfasern sowie Hautpartikel wurden sichergestellt. Jedoch keine Spermaspuren, keine Fingerabdrücke, keine Tatwaffe.«
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