Es klopfte an der Tür.
»Ich bin‘s«, hörte Annina eine wohlbekannte Männerstimme.
Oh je, auch das noch, dachte sie. Muss der jetzt aufkreuzen? »Also, komm!«
Andreas Vischer kam herein, trat neben die am Fenster stehende Frau und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
»Es tut mir so leid.«
»Fass mich nicht an«, zischte Annina, machte sich resolut frei und stellte sich hinter ihren Schreibtisch. »Es ist vorbei zwischen uns, ist dir das nicht klar?«
Andreas hob unsicher die Hände. »Doch, absolut. Ich wollte dich ja nur in dieser schwierigen Situation ein wenig trösten und dir Mut machen.«
»Papperlapapp! Mut habe ich selber genug! Und den Trost brauchst doch vor allem du! Du wirst Monika bestimmt wahnsinnig nachtrauern.«
Andreas Vischer hatte seinen Kopf gesenkt und machte unschlüssig ein paar Schritte hin und her. Was sollte er jetzt nur machen? Ach, es war sowieso egal, er hatte beide Frauen endgültig verloren!
»Also dann…«, murmelte er und verliess das Rektoratsbüro.
Anna Auer hatte Monika Sarasins Eltern telefonisch ihren Besuch angekündigt. Sie hatte nur erwähnt, ihre Tochter sei verunfallt, aber Monikas Mutter hatte sofort die Vermutung geäussert, dass sie nicht mehr am Leben sei.
Anna war dann von der Innenstadt aus mit dem Tram Nummer drei hierher ins Gellert gefahren. Dieses Quartier von Basel wurde früher traditionell von der betuchteren Bevölkerungsschicht bewohnt. Noch vor sechzig Jahren hatte hier ein Dutzend prächtiger Familienvillen in ebensolchen Parkanlagen gestanden. Nach und nach hatte dann aber auch der Mittelstand dieses ruhige Wohnquartier für sich entdeckt, und immer mehr Reiheneinfamilienhäuser und sogar Mehrfamilienhäuser ersetzten die grossen Villen. Die Sarasins waren eine der letzten Familien, die immer noch im Gellert ihre Villa bewohnten. Nicht dass etwa die anderen sogenannten besseren Familien verarmt wären! Nein, die Vischers, Staehelins, Merians und Burckhardts hatten sich für eine andere Lösung entschieden: Sie hatten ihre riesigen Grundstücke im Gellert als begehrtes Bauland verkauft und sich mit dem Millionengewinn ein neues, ebenso standesgemässes Domizil erworben, etwas weiter weg vom Stadtzentrum, vorzugsweise auf dem Bruderholz oder in Riehen.
Der das Wohnhaus der Sarasins umgebende Park wurde gegen Süden hin durch drei mächtige, alte Buchen dominiert, die jetzt im Sommer angenehmen Schatten spendeten. Auf der Nordseite streckten sich vier Birken schlank in die Höhe, auf der Westseite stand eine knorrige alte Eiche. Der Rest des Gartens war ein Mosaik aus Rasen, Blumenrabatten, Wildblumenwiese und einigen niederen Sträuchern. Der hohe metallene Zaun, der das Grundstück umgab, war von aussen kaum zu sehen, da er durch eine dichte Hecke aus verschiedenen Sträuchern verdeckt wurde. Das schmiedeeiserne Eingangstor wirkte wie frisch gestrichen, der Kiesweg dahinter sah aus wie soeben geharkt, und die steinernen Treppenstufen zum Hauseingang glänzten wie frisch poliert. Auch der Garten wurde offensichtlich von einem Fachmann gepflegt. Die Blumenrabatten rund um das Haus waren beinahe unkrautfrei, wenn auch die Pflanzen durch die Hitze etwas gelitten hatten. Bestimmt gibt es hier noch eine ganze Menge an Dienstpersonal, sagte Anna sich, das sieht alles so gepflegt aus hier.
Auf dem Namensschild am Eingangstor waren, wie bei den besseren Familien üblich, nur die Initialen eingraviert. Man wusste ja schliesslich, wer wo zu Hause war… Aha, las sie, ‘ S – V‘ , also S für Sarasin und V für den Mädchennamen der Frau. Würde mich gar nicht wundern, wenn sie eine Vischer wäre, und natürlich keine gewöhnliche Fischer, sondern eine mit dem Vögeli-Vau .
Anna betätigte die aussen am Tor angebrachte Klingel. Der Summer ertönte, sie stiess das Tor auf und ging auf das Haus zu. Die zweistöckige Villa machte einen sehr noblen Eindruck. Vom Stil her musste sie gegen hundert Jahre alt sein, aber sie sah aus wie frisch renoviert. Das Haus war aus massiven, gelblichen Sandsteinquadern gebaut. An jeder Ecke standen zur Zierde zwei starke, weisse Marmor-Säulen mit elegant geschwungenen Kapitellen. Die hohen, eher schmalen Fenster hatten breite, steinerne Simse. Die erste Etage trug auf allen vier Seiten einen langen, ziemlich breiten Balkon mit einer auf weisse Säulchen gestützten steinernen Brüstung. Das Ziegeldach stand etwa einen Meter vor, so dass die Balkone zur Hälfte gedeckt waren.
Die mächtige, eichene Eingangstür ging auf, und im Türrahmen erschien eine ältere Frau in weisser Schürze.
»Ja, Sie wünschen?«
Anna kam sich vor wie im neunzehnten Jahrhundert: Eine Dienstmagd wie im Bilderbuch!
»Anna Auer, ich habe mich angemeldet.«
Ein kleines Lächeln erschien auf dem Gesicht der Angestellten. »Oh, wie schön, ich heisse auch Anna. Bitte folgen Sie mir.«
Die Kommissarin wurde durch die grosse Eingangshalle hindurch in einen Salon geführt. Das Innere des Hauses wirkte genauso gepflegt wie das Äussere. Zweifellos sorgte eine tüchtige Reinigungskraft hier für saubere Verhältnisse. Die drei Fenster im Salon gingen auf den Garten hinaus und hatten innen breite Simse aus Marmor, auf denen Töpfe mit blühenden Orchideen und Lilien aufgereiht waren. An den Wänden hingen grössere und kleinere Ölbilder und Aquarelle, lauter Landschaftsaufnahmen aus der näheren Umgebung. Die Möbel waren ganz im klassischen Stil gehalten und sehr sorgfältig gepflegt.
In der Mitte des Salons stand eine ältere, sehr bemerkenswerte Frau. Sie musste die sechzig schon lange überschritten haben, sah aber, wie sie schlank und aufrecht dastand, jünger aus. Ihre blond gefärbten, mittellangen Haare hatte sie sorgfältig frisiert, Augen und Lippen waren diskret geschminkt. Sie empfing die Besucherin mit einem charmanten Lächeln, obwohl ihr keinesfalls danach zumute sein konnte.
»Ich bin Monikas Mutter, Margareta Sarasin, geborene Vischer. Seien Sie willkommen, Frau Auer.«
Anna musste sich auf ein altes, mit Gobelin-Stickerei verziertes Sofa setzen. Irgendwie fühlte sie sich vollkommen deplatziert hier, trotzdem empfand sie die Atmosphäre im Haus als angenehm und gastfreundlich. Die Tür ging auf, und ein mittelgrosser, schlanker Mann um die siebzig in weissem Hemd und blauer Krawatte betrat den Salon.
»Darf ich vorstellen, mein Mann Max«, sagte Frau Sarasin.
Die Kommissarin kondolierte zunächst dem Ehepaar zum Verlust ihrer Tochter.
Der Vater schüttelte vehement den Kopf. »Das ist ja nicht zu glauben, unsere Monika ist tot? Sie war doch völlig gesund und unternehmungslustig! Was ist denn da passiert?«
»Es tut mir sehr leid, Ihnen das mitteilen zu müssen, aber es sieht ganz danach aus, als sei Ihre Tochter umgebracht worden.«
»Was sagen Sie da!« Die Eheleute erstarrten und schauten einander fassungslos an.
»Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein! Warum denn um Himmels willen?«, fragte der Vater nach einer Weile.
»Leider haben wir noch gar keine Anhaltspunkte, die Polizei steht erst am Anfang der Ermittlungen. Aber bitte erzählen Sie mir jetzt einfach etwas über Ihre Tochter.«
»Zuerst brauche ich aber einen Drink«, sagte Max Sarasin und ging langsam zu einem an der Wand stehenden kleinen Schrank mit gläsernen Türchen. »Nehmen Sie auch einen?«
Anna Auer schüttelte den Kopf.
Max Sarasin goss Whisky in zwei Gläser und brachte diese zum Salontisch.
»Zum Wohl, Margareta, trotz allem«, stiess er mit seiner Frau an.
Er nahm einen Schluck und liess ihn mit geschlossenen Augen die Kehle hinabrinnen. »Ach, unsere arme Monika. Wissen Sie, wir haben drei Kinder, Sebastian, Monika und Peter, die alle hier im Hause aufgewachsen sind. Wie soll ich das jetzt richtig ausdrücken, aber Monika war immer schon irgendwie anders als ihre Brüder. Etwas rebellisch, unangepasst, fast trotzig, würde ich sagen. Oder nicht, Margareta?«
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